Und dabei komplett auf Autobahnen verzichtest

An eines erinnert sich Joschi noch sehr genau: die absolute Stille, als sich der Regenbogen über die Berge spannte. Die Straße schlängelte sich durch die karge Landschaft, erzählt der 29-Jährige, und es waren weit und breit keine Menschen zu sehen.

Das Gewitter hatte die Luft geklärt, die Stimmung sei angespannt gewesen, so beschreibt Joschi es später. In der Grenzregion zwischen der Türkei und Iran wollten er und seine Kumpel nur für eine kurze Pinkelpause halten. Dann schnell raus aus diesem Gebiet, in dem man als Reisender eigentlich nichts zu suchen hat, vor dessen Besuch das Auswärtige Amt warnt.

Doch Joschi und die anderen wollten ganz bewusst ein Abenteuer erleben. Als eines von 70 Teams sind sie im Frühjahr zur Allgäu-Orient-Rallye angetreten. Drei Wochen, von Oberstaufen im Allgäu über Georgien nach Dalyan in die Türkei.

Seitdem das Militär im Juli versucht hat, Präsident Recep Tayyip Erdogan zu verdrängen, hat sich das Land extrem verändert (eine Übersicht findet ihr hier). Bei Joschis Reise jedoch lagen der Putschversuch und seine Folgen noch in weiter Ferne.

So aufregend war die Reise – die Slideshow:
1/12

Die Autos, mit denen die Teams reisten, mussten mindestens 20 Jahre alt – oder nicht mehr als 1.111 Euro wert sein. Navigationssysteme waren laut Regelwerk verboten, Autobahnen und Mautstraßen durften nicht genutzt werden und pro Kopf und Tag durften die Teams nicht mehr als 11,11 Euro ausgeben, während die Teilnahme selbst 300 Euro kostete.

Um sich die Fahrzeuge für die Reise leisten zu können, gingen Joschi und seine Kumpel schon ein Jahr vor dem Rallye-Start auf Sponsorensuche. Familie und Freunde hatten sich beteiligt, Arbeitskollegen und Firmen mit Begeisterung für Motorsport.

Wissenswertes rund um die Rallye

  • Die Strecken, die die Teams zu den einzelnen Rallye-Stationen zurücklegen, sind größtenteils frei wählbar.
  • Die Teams folgen einem Rallye-Buch, das der Strecke entlang Aufgaben erteilt. Beispiel: "Tauscht ein Bier aus Oberstaufen gegen einen Becher Ayran."

Zum elften Mal fand die Rallye schon statt, organisiert vom Verein Allgäu-Orient-Rallye International, ein Zusammenschluss von Allgäuern mit einem Herz für Oldtimer und den Nahen Osten. Das eigentliche Ziel der Rallye: Iran.

Doch das schien in diesem Jahr zu gefährlich. Also sollte die Rallye in der Türkei enden – zum Zeitpunkt der Rallye noch scheinbar sicherer, als nur wenige Monate später. Rund 40 Teams hatten sich trotzdem kurzfristig abgemeldet, weil ihnen die Lage in der Region zu unsicher war.

Dabei wollten die Veranstalter der Rallye genau gegen Bedenken wie diese ein Zeichen setzen: Frieden statt Angst, "Rosen statt Kanonen", das Motto dieses Jahr.

In Oberstaufen, in Georgien und auch in der Türkei, vor der Blauen Moschee in Istanbul, wo im Januar zehn Deutsche bei einem Selbstmordanschlag ums Leben kamen, pflanzten die Teams Rosen.

Joschi erinnert sich noch gut an den Moment, als er und die anderen in der Grenzregion zwischen Türkei und Iran eine Pause einlegten.

Er schildert die Situation so: Aus der Ferne fuhr ein Panzer direkt auf ihn zu und machte direkt vor ihm Halt. Joschi sei in diesem Moment wie versteinert stehengeblieben. Kurze Stille, dann ein Knacken aus den Lautsprechern, die Stimme eines Soldaten blechern durch das Mikrofon: "Welcome to Turkey".

Dann das Absurde: Als Joschis Kumpel Benni ahnungslos aus dem Gebüsch tapste – unter dem Arm eine Klopapierrolle – hätten sich die Panzerfahrer an ihn gewandt: "Also to you: Welcome to Turkey, Mister!"

Schlafplatz unter freiem Himmel

Dann seien die Soldaten in Gelächter ausgebrochen, sagt Joschi, gut gelaunt hätten sie sich wieder abgewendet. "Sie waren ungefähr so alt wie wir," sagt er. Mit der Gruppe Deutscher hatten sie sich offenbar nur einen ziemlich üblen Spaß erlaubt.

Unendliche Weiten und einfach nur – das Auto. Und die Freundschaft.

Ein mulmiges Gefühl blieb bei vielen Teilnehmern dennoch – auch bei Joschi und seinem Team "Caravane #84". In Istanbul erkundeten sie gerade die Stadt, als sie plötzlich aus der Ferne eine Explosion hörten. Sie beobachteten, wie Rauch aufstieg – direkt über dem Camp der Rallye-Teilnehmer, wo die Jungs ihre beiden Audi C4 abgestellt und ihr Lager für die Nacht aufgeschlagen hatten. Doch dann: Fehlalarm. Nur Baustoff auf der benachbarten Baustelle war explodiert.

Noch mehr Wissenswertes

  • Die Aufgaben während der Rallye sind nicht verpflichtend, doch wer die meisten erledigt, gewinnt.
  • Der Preis: ein Kamel, das die Gewinner spenden.
  • Außerdem wählen die Teams ein soziales Projekt in einem Land aus, bei dem sie während der Reise Sachspenden abliefern, die sie zuvor gesammelt haben.
  • Insgesamt hat jedes Team bei der Rallye 2016 rund 8500 Kilometer zurückgelegt. Im nächsten Jahr geht die Allgäu-Orient-Rallye über den Balkan, die Türkei und Israel nach Jordanien.

Solch brenzlige Situationen erlebten die vier Freunde immer wieder: "Man merkt, dass man durch Politik und Medien ein bisschen vorurteilsbehaftet und ängstlich ist", sagt Joschi. "Aber dann wird man plötzlich von einem völlig Fremden zum Chai eingeladen."

Zum Beispiel in Kappadokien, in Zentralanatolien. Ein älterer Mann sprach die Jungs während eines Fotostopps auf einer Landstraße an, lud die Gruppe zum Essen ein und richtete ihnen sein Gästehaus her. "Solche unverhofften Begegnungen sind unbezahlbar, sie machen die Rallye aus", sagt Joschi. "In einem gewöhnlichen Urlaub passiert einem so etwas nicht."

In einem gewöhnlichen Urlaub passiert einem so etwas nicht.
Joschi

Allein damit die Rallye-Fahrzeuge in allen Ländern ohne Probleme über die Grenzen kommen, braucht es gute Kontakte in die Gastländer. Das Team der Allgäu-Orient-Rallye arbeitet deswegen zum Beispiel mit dem türkischen Europaminister zusammen. So ist gewährleistet, dass die Rallye-Teilnehmer sorgenfrei an öffentlichen Plätzen auch größere Lager aufschlagen können.

Und hier entstand dann echte Camp-Stimmung. Die Teilnehmer halfen sich bei Autopannen, erzählt Joschi, stutzten sich gegenseitig die Bärte, waren da in Notlagen. Als Joschi umknickte und sich das Fußaußenband riss, schenkte ihm ein anderes Team ein Paar alte Krücken, die es eigentlich einer sozialen Organisation spenden wollte.

"Meine größte Befürchtung vor der Rallye war, dass wir uns während der langen Fahrten langweilen könnten", sagt Joschi, nachdem alle wieder wohlbehalten zu Hause angekommen sind.

Und obwohl eine andere Mannschaft am Ende das Rennen gemacht hat, weiß er: "Die beeindruckende Landschaft, durch die wir gefahren sind, und die Menschen, die wir getroffen haben, haben ein echtes Abenteuer aus der Fahrt gemacht."

Mach mit!

Im kommenden Jahr wird die Rallye wieder über den Balken führen, über die Türkei und Israel nach Jordanien – so sieht der Plan zumindest derzeit aus. Du kannst dich ab sofort für die Allgäu-Orient-Rallye 2017 bewerben. Klick hier.


Mehr Abenteuer


Haha

Ein Phantasialand-Mitarbeiter erzählt, was hinter den Kulissen passiert

Die Geschichte über einen älteren Herren, der jeden Tag das Phantasialand besucht, rührt und begeistert Menschen derzeit. (FAZ.net) Auf der deutschen reddit-Seite hat sich, passend dazu, vor einigen Tagen jemand gemeldet, der angibt, Mitarbeiter im Phantasialand zu sein. (reddit) Unter dem Pseudonym "PhantasialandTyp" beantwortet die Person dort Fragen, die ihm andere Nutzer stellen. Unter anderem gibt er dort preis, wie viel man als Angestellter verdient und wie man an günstigere Tickets kommt.

Wir haben einige Antworten ausgewählt: