Bild: Rob Bye
Nicht nur wegen des Geldes

Der Mitbewohner reist gerade durch Europa? In die Abstellkammer passt doch noch ein Bett? Und das WG-Konto könnte auch ein paar Euros vertragen? Viele entscheiden sich, ein leeres Zimmer in ihrer WG via Airbnb zu vermieten.

In Berlin wird das jetzt schwieriger, denn der Senat will stärker gegen Anbieter von illegalen Ferienwohnungen vorgehen. Seit dem 1. Mai müssen Berliner ihrem Bezirksamt melden, wenn sie ihre Wohnung an Touristen vermieten – ansonsten droht ein Bußgeld. Grundlage dafür ist das sogenannte Zweckentfremdungsverbot (bento). Es soll steigende Mieten und Wohnungsmangel bekämpfen.

Wir haben WGs in anderen Städten gefragt: Wie viel verdient ihr mit Untermietern? Und habt ihr kein schlechtes Gewissen – schließlich suchen viele junge Leute verzweifelt eine Zimmer zum Wohnen.

(Bild: privat)
Christina*, 26, hat Sozialökonomie in Hamburg studiert

Seit knapp drei Jahren vermieten wir – eine 2er-WG in Hamburg – ein neun Quadratmeter großes Zimmer via Airbnb. 18 Euro kostet die Nacht bei uns. Zuerst waren wir skeptisch, ob das klappt. Wir haben damals bei "Ikea" Möbel gekauft und den Raum zu einem Gästezimmer ausgebaut.

Nachdem wir es online gestellt hatten, erhielten wir prompt viele Anfragen – damit hatten wir nicht gerechnet. Unsere Gäste müssen mindestens drei Tage bleiben; wenn Prüfungszeit ist oder wir im Urlaub sind, blockieren wir die Zeiträume online.

Zwar ist es aufwändig, sich um die Gäste und den Onlineauftritt zu kümmern; wie ein Nebenjob fühlt es sich aber nicht an. Wir akzeptieren nur Leute, die uns bei der Anfrage sympathisch erscheinen. Statt eine Rumpelkammer in der Wohnung zu haben, die wir kaum nutzen, treffen wir nun Menschen aus aller Welt.

Bis jetzt waren rund 60 bei uns. Manche waren schon etwas komisch. Einer hat jeden Tag eine Waschmaschine mit drei T-Shirts angestellt. Eine andere hat innerhalb einer Woche einen kompletten Seifenblock aufgebraucht. In der Regel sind die Leute aber cool. Es sind auch Freundschaften entstanden, mit einer ehemaligen Besucherin aus München telefoniere ich regelmäßig. Besucht habe ich sie auch schon.

Ich bezweifle, dass Airbnb der Hotelbranche schadet. Die Leute, die das nutzen, würden kein Hotel buchen, weil sie lieber in das Leben vor Ort eintauchen möchten. Ich kann aber verstehen, dass Vermieter damit ein Problem haben. Wir haben auch ein bisschen Sorge, dass unser Vermieter davon erfahren könnte. Denn um Erlaubnis haben wir ihn nicht gefragt. Grundsätzlich dürften wir das natürlich nicht, hoffen aber, dass es keine Probleme gibt.

Wir würden den Raum sonst nicht nutzen. Auch verdienen wir nicht so viel Geld; wir machen das nicht, um uns zu bereichern. Deswegen haben wir auch kein schlechtes Gewissen, obwohl wir in einer Stadt wie Hamburg natürlich jemanden finden würden, der auch in einem neun Quadratmeter großen Zimmer dauerhaft wohnen würde. Das wollen wir aber nicht.

Zum Weiterlesen: Schadet Airbnb der Hotelbranche wirklich nicht?

Sebastian*, 22, studiert in Karlsruhe Mechatronik

Ich reise bald dreieinhalb Monate um die Welt und absolviere im Anschluss ein Auslandssemester in Schweden. Bis jetzt habe ich in Karlsruhe in einer 5er-WG gewohnt, und gerne möchte ich wieder dort einziehen, wenn ich zurückkomme – nur wird die Wohnung dann in einem besseren Zustand sein.

Wir sind 22 bis 30 Jahre alt und wohnen mitten im Zentrum der Stadt. Zwischen Februar und April war ich bereits unterwegs. In der Zeit haben wir testweise mein Zimmer via Airbnb vermietet. Obwohl unser Vermieter nichts davon weiß und nichts erfahren darf, werden wir das wohl bis Juli nächsten Jahres durchziehen, um unsere WG-Kasse aufzubessern und neue Leute kennenzulernen.

„Ich denke nicht, dass wir den Wohnungsmarkt kaputt machen.“

Wir erhalten mehr als doppelt so viel Geld, als wenn wir das Zimmer dauerhaft für 230 Euro im Monat vermieten würden. In der Regel verlangen wir 20 Euro pro Nacht bei einer Person, am Wochenende auch mal mehr. Das überschüssige Geld investieren wir in die WG, renovieren sie und kaufen neue Möbel. Denn unsere Wohnung ist nicht gut in Schuss. Kürzlich haben wir uns einen neuen Herd und eine Spülmaschine gekauft. Endlich können wir uns so was leisten. Bald schaffen wir uns eine neue Duschkabine an, die alte ist echt eklig, voller Kalk und etwas Schimmel, alles wackelt.

Meine Mitbewohner kümmern sich, während ich weg bin, sie waschen die Wäsche, beziehen das Bett, empfangen die Leute, geben Tipps für Karlsruhe. Das ist stressig für alle und wenn sie keine Lust mehr haben, akzeptiere ich das. Die Harmonie in der WG muss stimmen. Leider haben wir online einige Beschwerden bekommen, in unserer Wohnung sei es zu dreckig. Darauf muss man sich aber einlassen, finde ich, wenn man in einer WG wohnt. Ich habe aber Angst, dass wir Kunden verlieren.

Unsere Gäste sind immer potentielle Kumpels. Für uns ist das eine schöne Erfahrung. Ich habe das Gefühl, ich tue etwas Gutes für Menschen, die von auswärts kommen, und sonst anonym in einem Hostel unterkommen müssten, keinen Anschluss fänden, keine Insidertipps bekämen. Natürlich bleibt deshalb das Zimmer jemand anderem verwehrt, der hier gerne durchgehend wohnen würde. Dafür machen wir viele Menschen über einen kurzen Zeitraum glücklich. Und verdienen dabei auch noch Geld.

(Bild: Privat)
Julia*, 25, studiert in Bremen Biologie und Englisch auf Lehramt

Zwölf Quadratmeter, keine Fenster – so ein Zimmer vermieten wir seit eineinhalb Jahren in unserer 3er-WG in Bremen. Wir würden ungern dort jemanden einziehen lassen: Wer will schon dauerhaft im Dunklen leben? Die Lebensqualität wäre zu gering, man kann nicht einmal Lüften. Wir würden es aber dennoch vermietet bekommen, Studenten sind ja anspruchslos. Dann wären wir aber zu Viert, und das wäre belastend, weil die Gemeinschaftsräume klein sind.

Wir nutzen das Zimmer normalerweise als Wohnzimmer, eine Schlafcouch und ein Fernseher stehen drin. Schließlich kamen wir auf die Idee, den Raum bei Airbnb für 21 Euro pro Nacht anzubieten. Wir hätten nicht gedacht, dass das so gut angenommen würde. Bis jetzt hatten wir rund 60 Gäste. Unser Vermieter weiß nichts.

Wir erhalten online durchweg positive Rückmeldungen. So schlimm scheinen die Gäste es dann doch nicht zu finden. Meist sind es Jugendliche, die ein oder zwei Nächte bleiben, um sich Bremen anzugucken oder auf der Durchreise sind. Etwa 50 Prozent kommen aus dem Ausland.

Mit manchen haben wir uns mehr verstanden, mit anderen weniger. Einmal haben uns zwei Chinesen besucht, die kaum ein Wort mit uns gewechselt und den ganzen Tag im Zimmer verbracht haben, obwohl wunderschönes Wetter war.

„Ich vergleiche Airbnb gerne mit Mitfahrgelegenheiten.“

Mit dem zusätzlichen Geld haben wir uns zum Beispiel eine Waschmaschine gekauft, da unsere alte nicht zuverlässig war; schließlich müssen wir nun dauernd Bettwäsche und Handtücher waschen. Anfangs haben wir das mit der Vermietung im Laissez-faire-Stil gemacht, doch inzwischen führen wir eine Strichliste, wer wann welche Arbeiten in der WG machen muss.

Ich vergleiche Airbnb gerne mit Mitfahrgelegenheiten. Jemand hat Platz, bietet ihn online an und jemand anderes sagt: Okay, da fahre ich mit. Alle, die zu uns kommen, wollen kein teures Hotelzimmer, kein Frühstück im Bett, sondern uns und unser WG-Leben kennenlernen.

Natürlich gibt es gute Gründe, warum Berlin auf Airbnb-Angebote gesetzlich reagiert hat. Auch in Bremen werden viele Zimmer online gestellt, die dem Mietmarkt auch dauerhaft zur Verfügung stehen könnten. In einem gewissen Maße schadet das auf jeden Fall. Das Problem sind aber eher kommerzielle Anbieter, die es wie ein Hotel aufziehen.

Wir hören allerdings bald damit auf, weil sich unsere WG auflöst.

*Die Namen wurden von der Redaktion geändert

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