Das erste, was mir auffiel, waren die Treppenstufen. Es waren viele, sechs Stockwerke mussten wir hochsteigen, um in die Wohnung zu gelangen. Für mich kein Problem, für die etwas älteren Beine meiner Eltern schon eher. Hatte das in der Anzeige bei Airbnb gestanden? 

Hätte ich die Wohnung dann gemietet?

Aber die Aussichten waren ja toll: Eine zweistöckige Wohnung, mitten in Kopenhagen, Schlafzimmer mit Boxspringbetten, mehrere Sofas und Sessel im großen Wohnzimmer, und unten, im Essbereich, ein langer Tisch aus dunklem Holz – perfekt für ausgiebige Frühstücke und lange Abende bei Wein und Gesprächen. 

Kurz: die perfekte Wohnung für einen hyggeligen Kurzurlaub in Kopenhagen.

Ich hatte sie Monate im Voraus gebucht, direkt nachdem wir den Ort für unser diesjähriges Familien-Wochenende bestimmt hatten. 

Drei Tage vor Abreise schrieb mir Gastgeberin Mille*: Sie sei gerade sozusagen am Umziehen, daher würden einige Möbel nicht mehr in der Wohnung sein, wenn wir kommen. Sozusagen am Umziehen? Ich verstand nicht, aber jetzt noch nach einer neuen Unterkunft suchen konnte ich auch nicht. Also schrieb ich ihr: Solange wir drei Betten, Sofas zum Sitzen und einen Tisch mit Stühlen haben, sind wir glücklich!

Sie beschwichtigte mich: "Es ist immer noch wohnlich. Ich wohne ja selbst dort." 

Milles Wohnung hatte 38 Bewertungen, sie alle waren ausgezeichnet. Auch deswegen hatte ich keine allzu großen Bedenken.

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Als wir Samstagvormittag zur Wohnung kamen, um unser Gepäck abzustellen, erkannte ich im Flur- und Küchenbereich sofort den schönen, langen Holztisch wieder, der auch auf den Fotos zu sehen war. Nur dass er nicht mehr stand, sondern demontiert auf dem Boden lag. Die Beine waren abgeschraubt, die Stühle in Kisten verpackt.

Statt Mille begrüßte uns ein schwerer Mann in Hawaiihemd. Er trug gerade gemeinsam mit einem zweiten Mann einen orangenen Sessel die Treppe aus dem zweiten Stock hinunter. Erst auf Nachfrage verriet er mir, dass er Rob hieß und hier wohnte. "Wir bringen gerade Möbel ins Sommerhaus", erklärter er.

Wer zieht im September in ein Sommerhaus fragte ich mich – oder lag das Sommerhaus auf Bali? 

Irgendwas stimmte hier nicht. Aber das ging mich nichts an. Also zeigte ich stattdessen auf den abgebauten Tisch und fragte, ob sie noch einen weiteren im Haus hätten. "Es wird einen geben", gab er knapp zurück, zeigte mir das Zimmer, in dem wir unsere Koffer abladen konnten und verschwand wieder.

Die Betten waren nicht bezogen, aber ich dachte: Sie haben ja noch fünf Stunden, um die Wohnung wohnlich zu machen. Und später sollte dann auch Mille da sein. 

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Am Nachmittag stand an der Stelle des alten Tisches ein kleiner Küchentisch mit sechs Stühlen. Immerhin. Die Betten waren immer noch nicht bezogen, jemand hatte aber auf eines davon Bettbezüge geworfen. Auf die anderen nicht. Im dritten Schlafzimmer – dem mit dem großen Boxspringbett, in dem meine Eltern schlafen sollten – lagerten Kommoden, Sessel und Regale kreuz und quer übereinander. Es war zur Abstellkammer geworden, das Bett unter Möbeln verschüttet, die vorher noch auf den Anzeigenbildern bei Airbnb zu sehen gewesen waren.

Im zweiten Stock sollte das gemütlicher Wohnzimmer liegen, mit zwei Sofas, Sessel und großem Fernseher. Angrenzend ein weiteres Schlafzimmer, wo hoffentlich das dritte Bett stand. 

Aber der zweite Stock war: leer. Ein Sitzsack stand einsam im offenen Wohnbereich. 

Im Schlafzimmer lag eine Matratze auf dem Boden, die sich nach einem kurzen Test als Sitzpolster für Gartenmöbel herausstellte. 

Auch hier fehlte die Bettwäsche.

(Bild: Pixabay)

Ich rief Mille an, aber sie antwortete nicht. Also wollte ich mich ins WLAN einloggen, um ihr eine Nachricht zu schreiben – aber auch das WLAN ging nicht.

Noch nie hatte mich eine Airbnb-Reise in so kurzer Zeit so sehr enttäuscht. Auch meine Familie fühlte sich regelrecht verarscht. Wir hatten dafür immerhin viel Geld bezahlt. Wo sollten wir jetzt abends gemeinsam gemütlich sitzen? Und wer will in seinem Urlaub auf einem Sitzpolster schlafen?

Eigentlich finde ich Airbnb toll. 

Ich mag keine Hotelzimmer mit gestärkter Bettwäsche und regulierter Zimmertemperatur, die meistens im Innenstadtbereichen liegen, deren unpersönliche Schaufenster nichts darüber preisgeben, in welcher Stadt oder welchem Land ich mich gerade befinde.

Ich mag es hingegen, die Lebensräume anderer Menschen kennenzulernen, mir ihr Lieblingsrestaurant empfehlen zu lassen und morgens in der Küche eine dampfende Tasse Tee zu kochen. Ich buche nur bewohnte Unterkünfte, weil das persönlicher ist und ich dadurch nicht die Mieten in Großstädten nach oben treibe. 

Ich will mich auch im Urlaub zuhause fühlen können.

Das ist natürlich immer mit Risiko verbunden: Nicht immer ist alles, wie es in den Anzeigen scheint. Das Bett kann auf dem Foto groß wirken, weil es aus einem besonderen Winkel fotografiert wurde, und dann liegt man zu zweit fast aufeinander. Oder die Gastgeber sind rassistisch:

Ich schrieb Mille eine Nachricht über Airbnb und rief das Unternehmen parallel an, um mich zu beschweren. Vielleicht konnten sie uns helfen, eine neue Bleibe zu finden. Im Nu hatte ich einen Mitarbeiter am Telefon, der mir Alternativen raussuchte und die Rückerstattung einleitete. Und dann kam Mille doch noch.

Es war ihr alles sichtlich unangenehm. Ihr Blick wirkte unsicher, die Hände hatte sie nervös in den Taschen ihrer Jeans versteckt, die Schultern hochgezogen. "So viele Möbel sollten heute gar nicht abgebaut werden", entschuldigte sie sich. Sie habe das nicht gewusst.

"Um ehrlich zu sein: Wir trennen uns gerade."
Mille
Meine Familie und ich wollten ein gemütliches Wochenende in Kopenhagen verbringen und waren stattdessen mitten in eine Scheidung geraten.

Milles Mann war es wohl egal gewesen, dass seine (Ex-)Frau Gäste bekam, vielleicht wollte er ihr auch eins auswischen. Und sie hatte womöglich zu spät bemerkt, dass dies der ungünstige Zeitpunkt war, um ihre Wohnung über Airbnb zu vermieten.

Irgendwie tat sie mir leid. Meine Familie und ich beschlossen, dass es nichts bringt, sich aufzuregen. Stattdessen luden wir sie ein, mit uns einen Wein zu trinken, bis wir eine neue Unterkunft für die Nacht gefunden hatten. Mein Bruder war gerade dabei, Hotelzimmer zu mieten.

Mille lehnte ab, lief hilflos durch die Wohnung und verabschiedete sich nach fünf Minuten niedergeschlagen. "Ich hoffe, ihr habt noch ein tolles Wochenende." 

Wir zogen eine Stunde später in ein Hotel in der Innenstadt um. Die Bettwäsche war gestärkt, der Raum unnatürlich aufgeheizt, neben dem Wasserkocher standen Papierbecher. Am Abend versammelten wir uns in einem der Zimmer und stießen mit unserem mitgebrachten Wein an – auf ein paar schöne Tage. 

Und wo wohnst du am liebsten unterwegs: In Hotels oder in Privatwohnungen? 

*Milles Name wurde von der Redaktion geändert


Gerechtigkeit

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Ganz in weiß gekleidet, mit weißen Luftballons und weißen Schildern in den Händen fordern sie, was in Spanien im Moment unmöglich scheint: Gespräche.