Laut schallt Punkrock durch den Park, die Musik fegt wütend über das Kopfsteinpflaster hinein in die kleine Stadt Wurzen. "Vorne gibt es belegte Brötchen!", ruft jemand. Applaus. Vor einer Stunde war es vor dem Wurzener Bahnhof noch komplett ruhig. Doch am Samstagnachmittag haben etwa 250 Antifaschisten in schwarzer Kleidung die Kontrolle über den Park übernommen. Denn seit Freitag vergangener Woche hat die Stadt ein Problem.

Wurzen bei Leipzig, das sind etwa 15 000 Einwohner und 200 Flüchtlinge, eine Altstadt mit Kopfsteinpflaster, ein mittelalterlicher Dom und eine sensationell niedrige Arbeitslosenquote von 4,8 Prozent, kurz: Wurzen ist bestes sächsisches Idyll. Auf den ersten Blick. 

Warum der Aufruhr?

Denn Wurzen ist spätestens seit Freitag auch eine "Nazistadt", hat sich eingereiht bei Städten wie Heidenau, Freital und Clausnitz, bei diesen Orten, die kaum jemand kannte und die zum Symbol für rechte Übergriffe wurden. Wurzen gehört jetzt dazu, weil es vergangenen Freitag eine Massenschlägerei zwischen Deutschen und Migranten gab, an deren Ende zwei Deutsche schwer verletzt waren und nach der die beteiligten Flüchtlinge an anderen Orten untergebracht wurden (bento). Und weil Aktivisten immer wieder darauf hinweisen, dass Flüchtlinge hier regelmäßig drangsaliert, bepöbelt und angegriffen würden. 

Konflikte in Wurzen

In Wurzen ist es schon mehrfach in den vergangenen Jahren zu Übergriffen gekommen. So wurde Anfang des Jahres ein Brandsatz in eine Flüchtlings-WG geworfen, im Sommer belagerte nach einer Prügelei ein Mob eine Haus mit Flüchtlingen und Dezember soll ein Erträer von Pflastersteinen, die durch sein Fenster geworfen wurden, am Bein verletzt worden sein. (FAZ)

Eine Nazistadt, sagen die einen. Eine Stadt, die unter gewaltbereiten Flüchtlingen leidet, sagen andere – immer noch. 

Und die Wurzener sagen – nichts. 

Zumindest nicht heute: Die Bewohner der Stadt mit dem Kopfsteinpflaster und dem Dom lassen sich an diesem Abend nicht sehen – als hätten sie sich zum Stillschweigen verabredet.

Stattdessen schirmt die Polizei die Kundgebung des antifaschistische Bündnisses "Irgendwo in Deutschland" eher zurückhaltend ab, während in den Seitenstraßen immer wieder kleine Gruppen von Neonazis gesichtet werden. Zwischenzeitlich melden die eine Gegenkundgebung an, die aber sofort wieder aufgelöst wird. Bald spricht sich herum, dass viele Rechtsextreme heute ebenfalls aus Leipzig angereist sein sollen. Genau wie die Kamerateams und Journalisten, wie die Antifa und viele Bundespolizisten. Man kennt sich, man kennt diese Art von Kundgebung. Und auch die Wurzener kennen das bereits, dass Menschen über ihre Stadt herfallen; dass sie sich auf ihren Bahnhofsplatz stellen und darüber reden, wie unangemessen ihre Lokalzeitung berichte, wie wenig ihr Bürgermeister die Menschen schütze und wie wenig sie, die Wurzener, sich einsetzten. 

Es gibt diesen einen Satz, der an diesem Abend von den Antifaschisten immer wieder zitiert wird: "Die Ausländer sind schuld, ein Deutscher sticht nicht zu.“ Eine Wurzenerin hatte den Satz Tage zuvor gegenüber der Leipziger Volkszeitung geäußert.

Ein Deutscher sticht nicht zu.
Wurzenerin in der Lokalzeitung

Für die Antifaschisten bringt dieser Satz die Lage in Wurzen auf den Punkt. Aus ihrer Sicht sind hier die Rechtsextremen der Auslöser von Gewalt – weil die Wurzener Bürger ihnen nicht energisch genug entgegentreten. "Organisierte ungestörte Nazistrukturen" und "eine größtenteils schweigende bis unterstützende Stadtbevölkerung", das sei Wurzen, so Sandra Merth, die Sprecherin des antifaschistischen Bündnisses "Irgendwo in Deutschland". 

Woher sie das weiß? Darauf antwortet Sandra Merth nicht, sie will keine Interviews geben, "aufgrund der lokalen Bedrohungssituation". Auch die übrigen Teilnehmer sprechen nicht mit der Presse. Den Versuch zu fotografieren unterbinden eigens ernannte Ordner.

Dafür wird eine Pressemappe gereicht. Darin: Eine seitenlange Dokumentation rassistisch motivierter Übergriffe, die seit 2015 in Wurzen stattgefunden haben sollen. Von Beleidigungen bis Flaschenwürfen, von einer eingetretenen Tür und bis hin zur Körperverletzung.

Etwa fünf Stunden bleiben die Antifaschisten in Wurzen, es bleibt friedlich, sie hören Musik, es gibt ein paar Redebeiträge.

Zwei der Wurzener, die sich vor die Tür gewagt haben, schütteln den Kopf über die Kundgebung. 

Laurina

Wolfi und Laurina, beide 20, sind Bewohner und Mitwirkende des Wurzener "Kanthaus“ – ein Projekthaus, dessen Bewohner versuchen, von dem zu leben, was andere wegschmeißen. Man will mit den beiden über die Rechtsextremen in ihrer Stadt reden, die hundert angereisten Antifaschisten und die Gewalt der letzten Woche. "Die Gewalt ist schlimm", sagt Wolfi, "Aber was hier heute aufeinandertrifft, das sind zwei Ideologien: Nazis und Antifa."

Weiße Anführungszeichen
Da habe ich eine neutrale Position.

Wolfi erzählt von einem Nachbarn, den er für einen Rechtsextremen hält. "Ja, es gibt diese Menschen hier, es gibt hier Nazis", sagt er. "An Neujahr habe ich mich mit dem Nachbarn unterhalten, und ich glaube, dass man so die Menschen verändern kann – wenn die Wurzener sich gegenseitig unterstützen. Es bringt aber überhaupt nichts, wenn ein paar hundert Leipziger hierher kommen .

Das spaltet uns doch noch viel mehr!
Wolfi

Egal, wie viele Leipziger Antifaschisten nach Wurzen anreisen: Die Wurzener wirken nicht, als habe man sie aufgerüttelt. Und vielleicht ist das auch nicht das Ziel der Kundgebung "Sind wir hier, dann ist auch die Polizei hier und bewacht uns", sagt eine 23-jährige Teilnehmerin der Kundgebung, die ungenannt bleiben will. "Und ist die Polizei hier, dann werden sich auch die Nazis nicht trauen, wieder ihren Rassismus zu entfesseln."

Gegen Ende setzen sich die Antifaschisten noch einmal in Bewegung: Einige Vermummte und bewaffnete mutmaßliche Neonazis werden gesichtet. Einer von ihnen trägt etwas bei sich, das wie ein Brotmesser aussieht, und macht Halsabschneider-Gesten. Eine Provokation, die von der Polizei schnell unterbunden wird. Journalisten machen ihre Fotos.

Hinterher findet die Polizei keine Messer. Nur von "Teleskopschlagstöcke und Baseballschlägern" ist in der abschließenden Pressemitteilung die Rede. Aber als einer der Fotografen später am Abend seine Fotos auf Twitter veröffentlicht, und das Messer gut zu sehen ist, antwortet ihm die sächsische Polizei dort: „Wir haben die Fotos umgehend an unsere Kollegen vor Ort weitergeleitet, welche auch sofort die Ermittlungen aufgenommen haben“. Business as usual.

Wie so oft. Das Theater zwischen rechts und links, das bleibt eine Geschichte, die sich schon hunderte Male genauso so zugetragen hat, an austauschbaren Orten. Es hätte auch Heidenau sein können, Clausnitz, oder Freital.

Aber wenn sie alle wieder abgereist sind, die Journalisten und die Antifaschisten, die Neonazis und die Polizisten, dann bleibt Wurzen, mit seinem Dom und seinem Kopfsteinpflaster, mit seinen 15 000 Einwohnern und etwa 200 Flüchtlingen zurück. Und muss sich selbst Fragen, was es sein will

Eine Nazistadt? Oder ein Ort, der ganz anders ist, als alle denken?   

Lass uns Freunde werden!


Art

Ein Künstler ersetzt Frauen auf sexistischen Werbeplakaten durch Männer
Sex sells. 

Eine Werbe-Weisheit, die jeder kennt. Nicht selten werden Kunden daher mit vorzugsweise leicht bekleideten Frauen gelockt, egal, um welches Produkt es geht, von Vitamintabletten bis Rasenmäher.