Bild: dpa/Jens Büttner
Wir müssen reden.

Ich kann mit Fußball nichts anfangen und mit Menschenmengen noch weniger. Ich finde Fahnen an Autos und an Balkonen gruselig und dieser Partypatriotismus während der WM ekelt mich an. Aber: Das Gemecker darüber ist wesentlich schlimmer.

Ich würde niemals freiwillig zu einem Public Viewing gehen. Von mir aus kann man morgen die WM abschaffen und alles ist gut für mich

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Trotzdem rege ich mich nicht über Fan-Gruppen und Public Viewing auf. Ich heule keine Netzwerke damit voll, dass Deutschland jetzt mal verlieren soll, damit der Quatsch ein Ende hat. 

Warum nicht? Weil ich anderen nicht nehmen will, was ich mir selbst auch herausnehme.

Denn es gibt so viele Dinge, die ich gern mache und erlebe – und die andere bestimmt auch nerven. Kleine, illegale Raves zum Beispiel. Oder Straßenmusiker. Oder Demos gegen die AfD. Oder lauthals und schief auf dem Fahrrad einen Song mitsingen. 

All das ist nervig für andere, all das finden sicherlich sehr viele Menschen nicht gut.

Aber: In der Öffentlichkeit bestimmte Dinge machen zu dürfen, ist wichtig. Dabei rede ich nicht von besoffenen Idioten, die nach Spielen aggressiv unterwegs sind und ihren Nationalstolz abfeiern.

Ich spreche viel mehr von all den tausenden Fans, die zusammenfinden, weil sie Fußball mögen. Die feiern, singen oder heulen am Ende und die eine Leidenschaft teilen, mit der ich zwar nichts anfangen kann, aber die weder verboten noch abgeschafft gehört.

Es ist nämlich so, dass das nun einmal eine Gesellschaft ausmacht, die frei und offen ist: Dass die anderen Sachen machen können, die mich nerven, die ich aber akzeptieren muss. 

Weil ich mir selbst auch wünsche, dass sie es tun, wenn ich beim Fahrradfahren irgendein Lied mitgröle.

Und so ignoriere ich die WM soweit ich kann. Gehe nicht zu Public Viewings, kaufe keine Deutschland-Flagge. Für mich gibt es bei der WM kein "wir". Aber eben für andere. 

Und so wünsche ich mir bei jedem Spiel wieder, wenn meine Begleitung sich über Fußball, Fans und Berichterstattung beschwert, dass wir einfach alle nebeneinander leben können. Ohne ständig zu denken, dass Freiheit und Öffentlichkeit nur dann okay sind, wenn es uns selbst gerade passt. 

Man muss Fußball nicht lieben, aber man kann es ignorieren. Und einen Augenblick darüber nachdenken, wie oft man schon Teil einer Sache war, die vielen anderen gehörig auf die Nerven ging. 


Style

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