Bild: Sebastian Kurz via Flickr

Der Tag danach fühlt sich schlimm an. Gestern waren es noch viele Gespritzte (Weißweinschorlen). Um Antworten auf das Wahlergebnis zu finden, bin ich durch die Wiener Nacht gezogen. Ich habe es nicht mehr ausgehalten bei der kleinen Wahlparty meiner Eltern, ich musste raus und schauen, wie Wien, meine alte Heimatstadt, reagiert auf diese Nachricht: 57,6 Prozent der Österreicher haben rechte Parteien gewählt. 

Ich kann es nicht fassen.  

Wie konnte es passieren, dass so viele Wähler die Kürzungen der Mindestsicherung (eine Art Hartz IV von Österreich), besonders für Ausländer, für eine gute Idee halten?

Warum glaubt irgendwer, dass die Förderung von Wohneigentum für jemand anderen als die gehobene Mittelschicht gut sein könnte? 

Wie haben wir als Gesellschaft einmal mehr entschieden, den Schwachen zu nehmen und den Reichen zu geben?

Hier, in Wien, kann ich auf all diese Fragen kaum Antworten finden. Wien ist in vielerlei Hinsicht ein Fremdkörper in Österreich. Die internationale Millionenstadt tickt seit jeher anders als der katholisch geprägte Rest der Alpenrepublik. In den Bundesländern hasst man die Hauptstadt, den Wasserkopf. 

Deshalb bin ich losgezogen, habe einen Abstecher zur Wahlparty der großen Verlierer gemacht: Den Grünen. 

Es war ein seltsames Jahr für die Partei: Vor nicht einmal zwölf Monaten hat die Mehrheit der Österreicher den Grünen Alexander van der Bellen zum Bundespräsidenten gewählt, sie sind in sechs von neuen Landesregierungen vertreten, in drei Wiener Bezirken sogar stärkste Partei. Ähnlich wie die deutsche FDP 2013, erleben nun die österreichischen Grünen den tiefen Fall nach dem größten Hoch.

Die Tränen fließen hier ungebremst, es gibt Umarmungen für Ulrike Lunacek, die Spitzenkandidatin der österreichischen Grünen. 

Ulrike Lunacek in der Wahlzentrale (Bild: dpa)

Die einzige Frau unter lauter männlichen Spitzenkandidaten ist die große Wahlverliererin. Die Partei hat sie in eine aussichtslose Schlacht geschickt. Die österreichischen Grünen waren einmal die stärkste Grün-Partei Europas, 12,4 Prozent haben sie bei der letzten Wahl 2013 gewählt. Doch jetzt der Totalabsturz, die Grünen verpassen nach 31 Jahren den Einzug ins Parlament. "I am what I am“ singt Shirley Bassey aus den Lautsprechern. 

Lunacek gilt als erfahrene und kompetente Europapolitikerin. In den unzähligen Diskussionen im Fernsehen argumentiert sie als einzige sachlich gegen die aufbrausenden Männer mit ihren Schreckensszenarien. Journalisten, Beamte und sogar Konkurrenten – alle schätzen die sachliche Arbeit der Grünen im Parlament.

Natürlich spielte die innere Zerrissenheit der Ökos eine Rolle. Peter Pilz, der bekannteste und beliebteste Grüne Parlamentarier – quasi der Hans-Christian Ströbele von Österreich - hatte sich abgespalten und zieht nun mit seiner eigenen Partei ins österreichische Parlament ein. 

Aber: Sachlichkeit hat bei dieser Schlacht um die Alpen keine Chance. 

Im Wahlkampf flogen die Fäuste tief, die Grünen, dem Eindruck kann man sich kaum verwehren, waren zu nett. "I am what I am“. Umarmungen, Tränen, Ratlosigkeit. Es ist nicht das Ende aber Endzeitstimmung.

Ich ziehe weiter, ins "Frame". Früher, bevor ich nach Berlin zog, war ich oft hier, in der verrauchten Künstlerkneipe mit rotgepolsterte Bänken. Jeder, der den Laden betritt, wirkt geschockt, müde, fassungslos. Die Stammgäste diskutieren, aber niemand hat eine Erklärung, niemand weiß wie es zu diesem Ergebnis kommen konnte. Da sitzen wir, wir linken, jungen Akademiker, die aller Wahrscheinlichkeit nach sogar finanziell profitieren werden von einer Wahl, deren Ergebnis uns nicht passt, und sind ratlos. 

Dass die konservative Partei ÖVP von Sebastian Kurz (die Schwesternpartei der CDU) nun eine Koalition mit der drittplatzierten FPÖ (sie steht der AfD nahe) eingeht, gilt als ausgemachte Sache. Und zumindest in dieser Nacht sieht es nicht so aus, als sei aus der linken Ecke irgendein Protest zu erwarten, keine Demonstrationen, kein Aufschrei – alle stellen sich auf eine längere Periode einer rechtskonservativen Regierung ein. 

Das ist schließlich das, was die Bevölkerung wollte, oder?

Der wahrscheinlich zukünftige Bundeskanzler Sebastian Kurz mimt den starken Mann, er hat die innerparteiliche Demokratie ausgehebelt und sich selbst zum Mittelpunkt des Wahlkampfes gemacht. Seine Anhänger verehren ihn, der Rest hasst ihn. Der Personenkult seiner türkisenen Bewegung nimmt manchmal sektenhafte Züge an.

Kurz hat Wien gern als gefährliches, düsteres Gotham City präsentiert. Da ist es egal, dass Wien regelmäßig in Rankings als eine der lebenswertesten Städte der Welt auftaucht. Und dass der Politiker mit den zurückgegelten Haaren selbst aus Wien kommt. 

In Wien sieht man sich dem gegenüber jetzt schon als trotziges Gallisches Dorf, als kleinen Rückzugsort für all die Österreicher, die glauben, dass Migranten eine Bereicherung für ihr Gesellschaft sind und dass Arme geschützt werden müssen, für diejenigen, die anderen Lebensmodellen offen gegenüber stehen und die sich nicht in eine romantisierte Vergangenheit sehnen. 

Die Gefahr dabei ist natürlich, dass sich Stadt und Land noch weiter von einander entfernen – und schon jetzt scheint man kaum zu wissen, was den anderen bewegt. Sonst hätten wir nicht ratlos im "Frame" gesessen

Es ist ein schlimmes Erwachen, heute, am Tag danach, nach all den Gespritzten und den offenen Fragen, auf die wir in Wien keine Antworten haben. 

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