Bild: Filatow

Der Comic "Im Wald" ist eine dramatische Geschichte: Er handelt von Waffengewalt und Folter, von bedingungsloser Liebe und Freundschaft. Das Besondere: Geschrieben und gezeichnet hat sie eine Neunjährige. Die Moderatorin, Journalistin und Autorin Visa Vie hat die Zeichnungen aus ihrer Kindheit jetzt mit der Welt geteilt – bei Instagram. Dort folgen der 31-Jährigen mehr als 120.000 Nutzerinnen und Nutzer. 

"Im Wald" von Visa Vie

Visa Vie / Instagram
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Wir haben mit Visa Vie darüber gesprochen, wieso sie als Kind solche Gewaltfantasien hatte, warum sie Mord und Entführung bis heute fasziniert. 

Außerdem hat sie uns erzählt, welche Erfahrungen mit Sexismus sie als Frau in der Rapszene gemacht hat und warum ihre Form von Feminismus eher subtil ist. 

Wo hast du diesen Comic gefunden?

Ich kann nichts wegschmeißen. Vor ein paar Monaten bin ich umgezogen und fand riesige Tüten mit alten Schulbüchern, Heften und Zeichnungen. Neulich saß ich abends da und habe mir angeschaut, was ich als Kind fabriziert habe. Da ist mir der Comic ins Auge gestochen: Ich hab festgestellt, dass ich mit neun Jahren schon eine etwas grenzwertige Fantasie hatte.

In der Story schreibst du, man merke, dass mit dir mit neun Jahren etwas nicht gestimmt habe. Was meinst du damit?

Ich war eigentlich ein entspanntes Kind. Aber ich hatte eine blühende Fantasie und habe viel Quatsch erzählt. Im Kindergarten habe ich zum Beispiel behauptet, dass mein Vater Türke sei. Weil ich mir das irgendwie gewünscht hab oder interessant fand. Außerdem hatte ich komischerweise schon immer eine Affinität zu jeder Form von Kriminalität. Mit acht oder neun Jahren hab ich schon "Es" und "Shining" geguckt. Das hat mich nicht traumatisiert, aber eine seltsame Faszination für Mord und Totschlag ausgelöst. 

Das sollte nicht falsch verstanden werden: Ich feiere das nicht ab. Es ist eher die Faszination für die Frage: Wie kann es Menschen geben, die morden? Schon als Kind hab ich versucht, das mit meiner Fantasie zu verarbeiten. In der neunten Klasse mussten wir in der Schule einen Vortrag halten. 

Meine Freundinnen haben sich Kaiserpinguine oder Britney Spears als Thema ausgesucht, mein Thema war "Kindesentführung und Kindermord in Deutschland".

Du hast also nicht dich selbst traumatisiert, aber deine Mitschülerinnen und Mitschüler?

Ja, vielleicht haben alle anderen wegen mir jetzt einen Knacks (lacht). Ich habe mich damals wochenlang mit solchen Fällen beschäftigt und Zeitungsartikel gesammelt und aufgeklebt, wie eine Profilerin. Ich konnte es nicht fassen, dass Kinder einfach verschwinden oder umgebracht werden. Das erkennt man in meinem Comic: Da werden Kinder entführt und mit Waffen bedroht. Diese Faszination hat bis heute angehalten. Ich kann mich stundenlang mit mysteriösen Mordfällen beschäftigen und wie eine Hobbyermittlerin Theorien spinnen.

Aber Polizistin werden wolltest du nicht – lieber Rapperin?

Ja, Polizistin wäre nicht gut gewesen für meine Street Credibility. Im Ernst, da habe ich nie drüber nachgedacht. Aber wahrscheinlich wäre ich bei der Polizei wahnsinnig geworden. Manche Fälle lassen mich ja jetzt kaum los.

Dein absoluter Lieblingsautor ist John Niven, sein erfolgreichstes Buch "Kill your Friends" ist ziemlich blutrünstig. Gibt es etwas, das dir zu hart ist?

Beim Lesen eigentlich nichts. Aber mittlerweile hasse ich Horrorfilme. Wenn man irgendwelche psychopathischen Mörder nicht sehen kann und alles auf den Erschreckungsmoment ausgelegt ist – das macht mich fertig. 

In deiner Hörbuchreihe "Das allerletze Interview" geht es um eine Rapjournalistin, die den bekanntesten Rapper Deutschlands ermorden will. Neben deinen beiden Leidenschaften Rap und Crime thematisierst du darin auch Sexismus gegenüber Rapjournalistinnen. Welche Erfahrungen hast du selbst gemacht?

Mir fällt gerade auf, dass ich mir nie wirklich vorgenommen habe, in den Hörbüchern Sexismus zu thematisieren. Es war offenbar ein ganz natürlicher Prozess, weil das über Jahre meine Realität war. Als ich angefangen habe, Deutschrap-Interviews zu machen, gab es in dem Bereich so gut wie keine Frauen. Am Anfang ging es in den Kommentaren meiner Interviews nur darum, ob ich mit dem Rapper danach gebumst habe oder nicht. Es war ein jahrelanger, harter Kampf, sich Respekt zu verschaffen. 

Aber es hat sich gelohnt, es hat sich Vieles zum Besseren gewendet hat. Junge Journalistinnen, die jetzt in dem Bereich anfangen, sehen den Status quo wahrscheinlich viel kritischer als ich. Für mich ist das jetzt schon eine krasse Veränderung, weil ich viel schlimmere Zeiten miterlebt habe. Ich bin ziemlich optimistisch, weil so viele coole Frauen mittlerweile in dieser Szene Gehör finden und respektiert werden.

Aber ist Sexismus in Raptexten nicht immer noch allgegenwärtig?

Vielleicht schon – das ist aber auch nur ein Spiegel der Gesellschaft, in der wir leben. Ich glaube nicht, dass wir alles besser machen, wenn wir Rappern verbieten, Frauen an der einen oder anderen Stelle auf Äußerlichkeiten zu reduzieren. Ich bin mir sicher, dass sich die Rolle der Frau gerade im Wandel befindet, nicht nur im Rap, in der gesamten Gesellschaft. Das ist auch eine Generationenfrage, dass dieses archaische Verhalten Frauen gegenüber mehr und mehr ausstirbt. Es wird immer sexistische Raptexte geben. Aber ich kann damit leben, wenn Männer – plump gesagt – nur vom Frauen vögeln rappen, weil es mittlerweile auch Frauen gibt, die das umgekehrt zelebrieren. Aber vielleicht bin ich durch all die Jahre in dieser Rap-Welt auch abgestumpft.

Es gibt immer mehr junge, laute Feministinnen im deutschen Rapjournalismus, Salwa Houmsi oder Miriam Davoudvandi zum Beispiel...

...und Helen Fares.

Wie wichtig sind sie für die Entwicklung?

Ich bin froh, dass es solche Frauen in der Szene gibt. Vielleicht hat es die früher auch schon gegeben, jetzt werden sie aber gehört. Die sind sehr engagiert und ich finde toll, was die machen, auch wenn mein Feminismus etwas subtiler ist. Aber das ist vielleicht auch eine Generationenfrage. Wenn ich vor zehn Jahren so offensiv gegen Sexismus gekämpft hätte, hätte ich in dieser Szene keine Chance gehabt. 

Umso schöner ist, dass das heute geht: als Frau Rap gleichzeitig abfeiern und kritisch hinterfragen.

Vielleicht war ich da eine Art Trojanisches Pferd, das geholfen hat, subtil ein besseres Frauenbild in die Szene zu schmuggeln. 

Siehst du dich als Vorreiterin?

Eine Zeit lang hatte ich ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, als Frau zu wenig für den Feminismus getan zu haben. Aber über die Jahre sind viele auch auf mich zugekommen und haben gesagt: "Nein, du hast von Anfang an ein cooles Frauenbild in dieser Szene verkörpert, was es so dort noch nicht gab. So hast du auf deine Art und Weise den Weg dafür freigekämpft, dass andere heute viel lauter sein können."

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Fliegen ist schlecht fürs Klima – klar. Laut neuen Zahlen des Emissionshandelssystems der EU ist jetzt sogar erstmals eine Fluggesellschaft unter den zehn Unternehmen, die in Europa am meisten Treibhausgase ausstoßen. 

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