Bild: dpa/XinHua
Nicolás Maduro meint, den Schuldigen zu kennen – aber es gibt Zweifel

Venezuelas Präsident Nicolás Maduro ist am Samstagabend nach eigenen Angaben knapp einem Anschlag mit einer Drohne entgangen. "Heute hat man versucht, mich zu töten", sagte Maduro und machte in einer Rede den Präsidenten Kolumbiens für den angeblichen Anschlag verantwortlich.

Allerdings gibt es nach anonymen Aussagen von Feuerwehrleuten und einem Soldaten Zweifel, ob es sich wirklich um einen Anschlag gehandelt hat. Die wichtigsten Fakten im Überblick:

Was ist passiert?

Maduro, seine Frau Cilia Flores und hochrangige Generäle wollten am Samstagnachmittag die Soldaten der Nationalgarde GNB ehren. Nach Regierungsangaben explodierten um 17.41 Uhr Ortszeit zwei Drohnen, die mit Sprengstoff bestückt waren. Generalstaatsanwalt Tarek Willam Saab stand in diesen Minuten auf der Bühne. Er sagte,  eine Drohne sei in unmittelbarer Nähe der Bühne explodiert

(Bild: dpa/XinHua)

Sieben Mitglieder der Nationalgarde seien demnach verletzt worden, Maduro blieb unverletzt. Nach Angaben der Regierung haben Scharfschützen Drohnen vom Himmel geholt. (El País)

Der Moment der Explosion

Die Parade wurde live im Fernsehen übertragen, das Staatsfernsehen unterbrach die Übertragung an der entscheidenden Stelle. Die Bilder zeigten Maduro bei einer kurzen Ansprache, dann blickten er und vor allem seine Frau erschrocken Richtung Himmel. Wenig später brach Panik aus, Hunderte Soldaten, die vor der Bühne standen, liefen seitlich weg. Danach rissen Bild und Ton ab.

In einer weiteren Einstellung ist zu sehen, wie Sicherheitsleute den Präsidenten und seine Frau mit schusssicheren Platten abschirmten. Danach führten sie Maduro von der Bühne.

Wer sollen die Täter sein?

Der linkspopulistische Maduro beschuldigte schon drei Stunden nach dem mutmaßlichen Attentat den kolumbianischen Präsidenten. Er solle Auftragskiller angeheuert haben, um ihn zu töten.

Ich habe keinen Zweifel, dass die Ultrarechte Venezuelas mit der Ultrarechten Kolumbiens konspiriert hat und Präsident Juan Manuel Santos hinter dem Komplott steckt.
Venezuelas Präsident Nicolás Maduro

Die Finanziers des Attentats befänden sich im US-Bundesstaat Florida. "Einige derjenigen, die das Attentat verübt haben, sind bereits festgenommen", behauptete Maduro in seiner Rede. Sie würden nicht mit Nachsicht rechnen können.

(Bild: dpa/Miraflores Presse/XinHua)

Kolumbien weist die Vorwürfe zurück. Die Regierung habe nichts mit den Explosionen zu tun, hieß es. Präsident Santos feiere gerade die Taufe seines Enkelkindes. Außerdem mache Maduro und seine Regeirung Kolumbien für alles mögliche verantwortlich. (El País)

Wer bekennt sich zum Anschlag?

Unmittelbar nach dem Vorfall tauchte ein Bekennerschreiben einer bisher unbekannten Gruppe auf. Sie nennt sich "Soldados de franela", das kann man mit "T-Shirt-Soldaten" übersetzen. Der Name spielt darauf an, dass die Mitglieder sich angeblich das Gesicht mit einem Stück Stoff vermummen.

Die Gruppe habe zwei Drohnen mit dem Sprengstoff C4 beladen, sie seien von der Ehrengarde abgeschossen worden, heißt es auf Twitter. "Wir haben gezeigt, dass sie verwundbar sind, heute haben wir es nicht geschafft, aber es ist eine Frage der Zeit."

Allerdings hat der Account kurz danach auch ein Meme-Video zum Anschlag retweetet. Wie authentisch das Bekennerschreiben ist, und wer überhaupt Zugang zu dem Account hat, kann derzeit niemand mit Sicherheit sagen.

Auf YouTube zirkuliert eine weitere Erklärung zur "Operation Phoenix", verlesen von Patricia Poleo, die sich auf Twitter als Journalistin im Exil in Miami beschreibt. In der Erklärung wird nicht explizit auf Details zum mutmaßlichen Anschlag eingegangen. Angekündigt werden Militäraktionen, das Ziel sei die Rückkehr zur Demokratie und eine Übergangsregierung, die Menschen werden aufgefordert, auf die Straßen zu gehen und verfassungstreue Militärs zu unterstützen. Poleo schrieb auf Twitter, die Erklärung stamme von den Verantwortlichen für das, was "heute in der Avenida Bolívar in Caracas (der Ort des mutmaßlichen Ansschlags, d. Red.) passiert ist".

Wer zweifelt an der Version der Regierung?

  • Die Nachrichtenagentur AP zitiert drei Feuerwehrleute, die Zeuge des Vorfalls gewesen sein sollen. Ihnen zufolge sei ein Gastank in einem Apartment explodiert. Auf Bildern ist zu sehen, wie Polizeikräfte in einem beschädigten Gebäude nach Spuren suchen. (El País)
  • Die spanische Zeitung El País zitiert einen Soldaten, der sich zum Zeitpunkt der Explosion nur wenige Meter neben Maduro befunden haben soll. Er habe keine Drohne gesehen, außerdem auch keine Schüsse gehört, demnach sei die Version der Regierung, dass Scharfschützen auf die Drohnen geschossen hätten, "nicht glaubwürdig“. Er habe aber eine Explosion gehört, die ihn an einen "Granatwerfer" erinnert habe.

Was bedeutet der mögliche Anschlag für das Land?

(Bild: Getty Images/John Moore)

Venezuela leidet seit Jahren unter einer schweren Wirtschaftskrise, Menschen können nicht genug zu essen kaufen. Internationale Organisationen warnen vor einer humanitären Notlage:

  • Das Land mit den größten Ölreserven der Welt kämpft mit einer Hyperinflation, wegen mangelnder Devisen kann Venezuela kaum noch Lebensmittel und Medikamente importieren.
  • Hunderttausende Venezolaner sind in den vergangenen Monaten vor Elend und Unterdrückung in die Nachbarstaaten geflohen
  • Zuletzt prognostizierte der Internationale Währungsfonds (IWF) für das laufende Jahr eine Inflationsrate von einer Million Prozent. Die Wirtschaftsleistung könnte zudem um 18 Prozent einbrechen.

Politisch kämpft die Opposition seit Jahren mit Massendemos gegen Maduro. Kritiker werfen ihm das Errichten einer Diktatur vor.

  • Im vergangenen Jahr schaltete der Sozialist das von der Opposition kontrollierte Parlament aus,
  • im Mai ließ er sich für eine weitere fünfjährige Amtszeit bei einer umstrittenen Wahl im Amt bestätigen
  • Die wichtigsten Oppositionsführer sind im Gefängnis, im Exil oder wurden von der Abstimmung ausgeschlossen.
  • Die Wahl wurde von der Europäischen Union, den USA und vielen Nachbarstaaten nicht anerkannt.

Wie geht es weiter?

Experten wie David Smilde vom Washington Office on Latin America glauben, dass Maduro das mutmaßliche Attentat wohl nutzen werde, um die Regierung und das Militär von Kritikern zu säubern, die Bürgerrechte weiter einzuschränken und seine Macht auszubauen (AP).

Dazu passt die prompte Schuldzuweisung der Regierung. Schon vor Maduros Rede hatte beispielsweise der Präsident der verfassungsgebenden Versammlung des Landes die rechte Opposition auf Twitter verantwortlich gemacht.

Mit Material von dpa


Fühlen

Wie es ist, wenn alle Geschwister nacheinander ausziehen
...und du plötzlich denkst, du bist Einzelkind.

Ich bin das Nesthäkchen in meiner Familie. So lange ich denken kann waren meine große Schwester und meine beiden Brüder in meiner Nähe. Ein Leben ohne die drei konnte ich mir nicht vorstellen. 

Dann beschloss meine Schwester, als erste von uns vier Kindern auszuziehen.

Sie ging zum Studieren nach London. Als wir uns am Flughafen von ihr verabschiedeten, weinte ich, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, mich zusammenzureißen. Aber ich konnte nicht anders.