Warum ich heute am liebsten nicht aufgestanden wäre

Heute hätte ich mich einfach gerne im Bett vergraben, den Flugmodus auf dem Handy angelassen und schon mal den nächsten Urlaub geplant. Donald Trump wird Präsident des mächtigsten Landes der Welt – are you serious, USA?

Ist das dein Ernst?

Was ist denn los dieses Jahr? Großbritannien will die EU verlassen, die AfD bekommt in manchen Bundesländern 20 Prozent der Wählerstimmen und jetzt das: Ein Mann, der Frauen, Schwarze, Muslime, Ausländer degradiert, wird Potus – President of the United States. War das nicht das Land der Demokratie, der Freiheit?

Ich kann es nicht begreifen.

Wir sind mit vielen guten Entwicklungen groß geworden. Und das konnten wir fühlen. Ost- und Westdeutschland wuchsen zusammen, wir lasen Nachrichten von steigenden Exportzahlen, von höheren Löhnen und Gleichberechtigung. Wir können Öko-Strom bestellen und durch die Welt reisen.

Wir hatten Vertrauen darauf, dass sich alles zum Guten entwickelt. Mehr Frieden, Freiheit und Wohlstand für alle. Immer mehr von allem.

Wir haben gelernt: Nutzt die Demokratie – lasst es nicht zu, dass jemals wieder Hetzer und Lügner an die Macht kommen. Immer wieder, in der Schule, in Fernsehdokus, von unseren Großeltern: Ständig wurden wir gewarnt, vor sozialer Kälte, vor Gleichgültigkeit, davor, was geschehen kann, wenn die kritische Masse unkritisch wird und blind einem Führer hinterherläuft.

Ich konnte es irgendwann nicht mehr hören. Jetzt verstehe ich langsam: Es ist bitter nötig.

Wir haben erlebt, wie ein Schwarzer Präsident der USA wurde, dessen Wahlkampfspruch "Yes, we can" große Hoffnung schenkte – den Schwarzen, der Wirtschaft, dem Westen, den Befürwortern eines gerechten Gesundheitssystems, den Klimaaktivisten, uns allen. Ein Präsident, der einen Plan zu haben schien, für eine Welt, die immer enger zusammenwuchs und gleichzeitig immer unterschiedlicher wurde.

Wir haben erlebt, wie dieser Mann den Friedensnobelpreis bekam.

Wir Privilegierten mussten uns nie wirklich Sorgen machen. Und jetzt sind wir erschüttert, voller Wut, verzweifelt, fassungslos, weil etwas passiert ist, das nicht in dieses Schema passt: Ein Präsident Trump, der alles, was Obama erreicht hat, zunichte machen kann.

Obama steht für Black Lives Matter. Er steht für den Kampf gegen den Klimawandel. Er versuchte einer teils ungläubigen Nation klarzumachen, dass ein funktionierendes Gesundheitssystem nichts mit Sozialismus zu tun hat. Aus Afghanistan und dem Irak hat er zumindest Soldaten abgezogen, um die Kriege seines Vorgängers zu beenden. Auch wenn er die Konflikte letztlich nicht lösen konnte, stand er für die Hoffnung.

Und jetzt?

Die US-Wähler haben sich für einen Kandidaten entschieden, der Mauern an Grenzen bauen und Muslime ausweisen will, ein Waffenliebhaber, der Schwarze diffamiert, der Foltermethoden verteidigt und über Bodentruppen in Syrien nachdenkt, der den Klimawandel für eine Lüge hält, der es nach eigener Aussage normal findet, Frauen einfach so in den Schritt zu fassen, der politische Gegner und Journalisten vor Gericht stellen will.

Über mexikanische Einwanderer sagte Trump:
Über Frauen, mit denen er Sex hatte:
Über sich selbst:
Über Hillary Clinton:
Über den IS und Obama:
Über eine Mauer zu Mexiko:
Über einen Chinesen, dem er eine Wohnung verkauft hat:
Über Politiker in Washington:
Über Verlierer:
Über Bio-Essen:
Über Schwarze:
Über seine Kindheit:
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Als Terroristen am 11. September 2001 die USA angriffen, waren wir betroffen: Das war ein Angriff auf unsere demokratischen Werte, auf unsere Freiheit. Jetzt sind die USA dabei, ihre Freiheit selbst anzugreifen.

Wir haben den Fehler gemacht, zu denken: "Alles wird gut. Die Experten haben schon Recht mit ihren Prognosen." Sind wir heute mit unserem positiven Denken, dem Optimismus gescheitert? Mit unserem Denken, die Wähler seien vernünftig, die Demokratie werde es richten?

Ja, das sind wir.

Der 9. November 2016 ist der Tag, an dem wir aus unserem Bett kriechen müssen. Alles in Frage stellen müssen. Aus unserer Bubble herauskommen müssen, in der wir mit Gleichgesinnten über Trump, die AfD, den Brexit den Kopf schütteln. Wir dürfen nicht denken: Das sind die USA, nicht wir.

Was denkst du?

Denn auch in Europa entsteht eine immer größere Kluft – zwischen Arm und Reich, zwischen Religionen, zwischen rechts und links. In Frankreich feiert die rechtsextreme Marine Le Pen Erfolge, in den Niederlanden Geert Wilders, und hier die AfD. Wenn wir uns unter der Bettdecke verkriechen, kommen wir dann dahin, wo die Amerikaner am Mittwoch angekommen sind.

Wie gerne hätten wir jetzt eine Antwort, die uns diese Sorgen nimmt. Die uns Zuversicht gibt in einem Moment, in dem wir wütend und ohnmächtig sind.

Im Moment sind wir gelähmt. Noch.

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"Die Simpsons" haben Präsident Trump vor 16 Jahren prophezeit – und es ging gut aus

Im Jahr 2000 war die Welt schon einmal am Abgrund. "Die Simpsons" hatten erstmals prophezeit, was jetzt Wirklichkeit ist: einen US-Präsidenten Donald Trump.

In der Folge "Bart to the Future" (Staffel 11, Folge 17) blickt Bart in seine persönliche Zukunft. Er ist ein Bier trinkender Taugenichts, aber hat immerhin eine Band. Eine Randanekdote in der Folge: Die USA erholen sich gerade von der Trump-Präsidentschaft.

Doch die gute Nachricht: Lisa Simpson ist seine Nachfolgerin und die erste Frau im Amt.