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Wer über die Regierung lästert, könnte beim Online-Dating keine Chance haben.

Ein Punktestand als Maß für ein Menschenleben: Die chinesische Regierung plant, 2020 ein verpflichtendes Bewertungssystem für alle Bürger einzuführen. Im Land laufen bereits etliche Testprogramme.

Politikwissenschaftlerin Katika Kühnreich verfolgt die Pläne für das sogenannte Social Credit System genau. Im Interview spricht sie über die gefährlichen Konsequenzen - und westliche Überheblichkeit.

Frau Kühnreich, wie soll Chinas Social Scoring System funktionieren?

Die Idee ist ein datengestütztes, soziales Bonitätssystem für viele Lebensbereiche. Der Plan ist ein verpflichtendes Punktekonto für alle Bürgerinnen und Bürger, auf dem Punkte gutgeschrieben oder abgezogen werden können. Der Staat will so laut eigenen Aussagen unter anderem Vertrauen in der Bevölkerung stärken: Jeder Chinese soll anhand des Punktekontos einer Person gleich erkennen können, ob die Person diesem Punktesystem nach vertrauenswürdig ist.

Wie weit ist China mit diesen Plänen schon?

Es gibt mehrere staatliche und private Programme, zum Teil sind sie regional begrenzt. Ab 2020 soll ein staatliches Scoring-Programm eingeführt werden, das für alle in China verpflichtend ist. Interessant ist in dieser Hinsicht auch die Ankündigung der National Bank of China, eine eigene Krypto-Währung einzuführen, die mit dem Punktesystem gekoppelt werden könnte. Das würde eine weitere Ebene der Kontrolle eröffnen.

Wie funktionieren die Programme konkret?

Wo es aktuell schon ein staatliches Punktesystem gibt, müssen Chinesen zum Beispiel belegen, dass ihr persönlicher Punktestand ausreichend hoch ist für bestimmte Vorzüge, etwa für eine Beförderung. Wer mal erwischt wurde, wie er seine Mülltüte nicht richtig entsorgt hat oder bei Rot über die Ampel gelaufen ist, könnte je nach System mit Minuspunkten rechnen. Pluspunkte könnte es durch das Belegen von anderem, positiv bewertetem Verhalten geben.

Zur Person

Katika Kühnreich ist Wissenschaftlerin und bereitet derzeit ihre Doktorarbeit zum Social Credit System in China vor. Zuvor hat sie Politikwissenschaft und Sinologie studiert und lebte für längere Zeit in China. Auf dem Hackerkongress 34C3 in Leipzig hielt Kühnreich nun einen Vortrag über das soziale Bewertungssystem Chinas.

Welche privaten Programme gibt es?

Eines der bekanntesten Social-Credit-Programme stammt von der Firma Alibaba, Chinas Amazon. Alibabas Bewertungssystem heißt Sesame Credit und arbeitet mit Unmengen von Daten – und ständig kommen neue Quellen dazu. Auch der Tech-Riese Tencent, dem zum Beispiel die beliebte App WeChat gehört, hat ein eigenes Scoring-Programm.

Welche Datenquellen zapfen die Punktesysteme an?

Große Konzerne wie Tencent und Alibaba können die Systeme erst mal mit jeder Menge Daten ihrer Nutzer füttern. Alibaba belohnt zum Beispiel die Nutzung der firmeneigenen Bezahl-App oder wenn man Dinge auf der Alibaba-Plattform einkauft.

Je mehr Services man nutzt, desto mehr Pluspunkte gibt es.
Katika Kühnreich
Ihre Beschreibung dürfte viele Deutsche an die Schufa erinnern.

Auch die Schufa hat viele Daten und oft wissen die Deutschen gar nicht genau, welche. Aber die Idee des chinesischen Systems reicht viel weiter. Nicht nur das Konsumverhalten gibt Punkte. Auch nicht-kommerzielle Bereiche wie etwa die Bewertungen des Umfelds führen zu Anpassungen. Der Staat gibt ebenfalls Informationen frei. In den persönlichen Sesame-Punktestand fließen zum Beispiel auch Daten von Gerichten und bestimmte Schuldnerregister mit ein. Sesame Credit ist außerdem mit dem größten Online-Datingportal Chinas verknüpft, Baihe.

(Bild: Getty Images/Kevin Frayer)
Ich kann also nicht mal mehr unbehelligt von meinem Punktestand auf Dates gehen?

Nutzer des Datingportals können im Profil anzeigen lassen, wie viele Sesame-Punkte sie wert sind. Das ist sehr beliebt – bei Chinesen, die einen hohen Punktestand haben. Der Heiratsmarkt in dem Land ist hart umkämpft, es gibt deutlich mehr junge Männer als Frauen. Da kann ein niedriger Sesame-Punktestand heute schon mal bedeuten, dass man aussortiert wird. Ein hoher Punktestand bedeutet schon jetzt bei manchen Gruppen ein hohes Ansehen.

Warum unterstützen die Chinesen so ein Bewertungssystem?

Weil das System der sogenannten Gamification funktioniert und Menschen generell sehr gut darauf ansprechen. Wir haben es anders als bei der klassischen Orwell'schen Überwachungsdystopie mit einem verspielten Belohnungs-Ansatz zu tun. Die Bürger bekommen eine unangenehme Sache schön verpackt präsentiert und sammeln fleißig Punkte für Vergünstigungen im Alltag.

Kann ich das System austricksen?

Das könnte schwer werden, denn der Mensch weiß gar nicht, welche Regeln in dem System gelten. Niemand kann sagen, welches Verhalten demnächst sanktioniert wird und welches belohnt - zumal niemand genau weiß, auf welche Daten das System zugreift und wie die Bewertungsskala konkret ist.

(Bild: Getty Images/Feng Li)
So ein System wäre außerhalb Chinas kaum denkbar.

Das würde ich nicht sagen. Firmen wie Payback mit ihrem Bonuspunktesystem für den Einkauf funktionieren nach dem gleichen Prinzip – und die Deutschen lieben es und geben bereitwillig ihre Daten preis. Oder nehmen wir das Beispiel der Krankenkassen, die Fitnessarmbänder verschenken, um Daten zu sammeln. Das funktioniert auch.

Warum ist das aus ihrer Sicht so problematisch?

Aktuell ist es ja noch so, dass positives Verhalten belohnt wird. Aber jedes Belohnungssystem kann sich schnell in eines verwandeln, in dem Bestrafungen verteilt werden. Vielleicht kriege ich in Zukunft irgendwann keine Versicherung mehr, wenn ich meine Fitness nicht durch so ein Armband belegen möchte. Dass die heutigen Nutzer Wegbereiter für einen späteren Zwang sind, sehen viele aber gar nicht.

Hier wird die Überwachung erklärt:

Deutschland ist aber doch noch sehr weit weg von chinesischen Verhältnissen, wo der Staat Bürger auf Schritt und Tritt kontrollieren will.

Auch uns in westlichen Ländern werden immer schärfere Überwachungsmaßnahmen als etwas Positives verkauft – als Schutz vor Terror zum Beispiel. Es gibt den internationalen Trend, soziale Probleme durch Technologie und Kontrolle zu lösen. Aber dieser Ansatz ist hochproblematisch.

Warum?

Wenn das funktionieren würde, hätten die letzten 30 Jahre den Weltfrieden bringen müssen. Technologie misst man heute nahezu göttliche Züge bei. Der Glaube, eine Macht könne die Menschheit von ihren Leiden erlösen, ist wohl eine zutiefst menschliche Hoffnung. Aber sie ist leider verfehlt.

Technologie allein wird niemals soziale Probleme lösen.
Katika Kühnreich


Was also können wir tun?

Viele Menschen haben diese Überheblichkeit und sagen: Ich lasse mich nicht so leicht beeinflussen, ich bin doch klüger als die Technik. Aber so einfach ist es nicht. Wenn ich mich unverwundbar fühle, lasse ich mich besonders leicht übertölpeln. Seit einigen Jahren werden Daten als "neues Öl" gehandelt, gerade deshalb müssen die Menschen ein Gefühl für die Bedeutung ihre persönlichen Daten bekommen und lernen, verantwortungsvoll damit umzugehen.


Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


Tech

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Endlich reich?

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Ich gebe zu: Ich bin angefixt. Ich will wissen, wie das funktioniert.