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Wir haben mit einem Bunkerexperten Deutschlands absurdeste Verschwörungstheorie durchgerechnet.

Wir werden alle ausgetauscht. So lautet zumindest eine beliebte Verschwörungstheorie von Rechtspopulisten. Demnach sei das Ziel bei der Aufnahme von Geflüchteten nicht, Menschen in Not Schutz zu bieten, sondern Stück für Stück die deutsche Gesellschaft auszuwechseln – aus welchen Gründen auch immer.

Diese Angst vor der "Umvolkung" findet sich bei rechten Verschwörungstheoretikern, aber auch bei AfD-Politikern. Rechtsextreme schüren zudem die Ängste gezielt und trainieren bereits für einen "Bürgerkrieg", der unweigerlich komme, wenn der Bevölkerungsanteil Zugezogener Überhand nehme. 

Nun treibt eine Verschwörungstheorie im Netz die Angst vor der "Umvolkung" ins Absurde: Unter dem Flughafen von Stuttgart existiere angeblich ein riesiges Tunnelsystem für Geflüchtete.

In einem anderthalb Stunden langen YouTube-Video reden drei Männer von dem angeblich geheimen Bunkerwerk im Untergrund des Stuttgarter Flughafens. Dort würden Geflüchtete auf die kommende "Umvolkung" vorbereitet. Außerdem wird angedeutet, dass es unter der Berliner BER-Baustelle und dem Stuttgarter Bahnhof ebenfalls solche Bunker geben könnte.

Eine Zusammenfassung des Videos macht nun auf Twitter und Facebook die Runde – und sorgt für Gelächter.

Drei oder gar vier Millionen Geflüchtete in geheimen Bunkern unter dem Stuttgarter Flughafen und sogar dem BER? Inklusive Ausbildung am Maschinengewehr und "Sexsklavinnen"? Wer sich das durchliest, merkt natürlich: alles gaga. 

Wie absurd die Verschwörungstheorie wirklich wirkt, wird klar, wenn man jemanden fragt, der sich mit unterirdischen Anlagen auskennt.

Norbert Prothmann zum Beispiel. 

Prothmann engagiert sich in der Stuttgarter "Forschungsgruppe Untertage", die sich dem Erhalt und der Erforschung alter Luftschutzanlagen der schwäbischen Stadt widmet. Wenn einer weiß, was unter Stuttgart los ist – und was man bräuchte, um drei Millionen Menschen dauerhaft dort unterzubringen – dann Prothmann. 

Herr Prothmann, wie viele Menschen kann man in einer Luftschutzanlage unterbringen?

"Das kommt auf die Systeme an. In den 1930ern entstanden in Deutschland viele Normbunker, die zwischen 200 und 500 Menschen Schutz boten. Dann gibt es aber auch Stollenanlagen, die Platz für bis zu 1500 Menschen bieten. Die größten Bunker waren für bis zu 2000 Personen ausgelegt."

Größer geht es nicht?

"Doch, wenn man Straßentunnel zweckentfremdet. In Stuttgart wurde der Wagenburgtunnel zeitweise als Luftschutzanlage genutzt, da war dann Platz für 15.000 Personen."

Geheime Anlagen unter Flughäfen? Welcher Flughafen braucht denn bitte einen großen Keller?
Norbert Prothmann

Wie sieht es mit drei Millionen Personen aus? Im Netz kursiert eine Verschwörungstheorie, die besagt, dass Deutschland gerade so viele Geflüchtete unter Tage verstecke.

"Von der Theorie habe ich schon gehört – und fand sie unglaublich lustig. Im Video behauptet einer, Flughäfen seien ideal, um Tunnelarbeiten zu kaschieren. Auf der Baustelle könne man die ganze ausgehobene Erde erklären. Aber welcher Flughafen braucht denn bitte einen großen Keller? Die brauchen eine flache Landebahn und gut. Da gibt es keine Tonnen von Erde."

Und wenn trotzdem jemand losbaggern würde? Wie viel Platz bräuchte man für drei Millionen Menschen?

"Bei den Normbunkern wurde früher mit 1,2 Kubikmetern Luftraum pro Person gerechnet. Das reicht dann, um zwei Stunden auf einer Stelle zu stehen oder hocken – dann ist die Atemluft alle."

So viel Kubikmeter wären nötig

Kurz gerechnet: 1,2 Kubikmeter mal 3 Millionen macht 3,6 Millionen Kubikmeter. Ein Lkw fasst etwa 35 Kubikmeter – um all die Erde wegzufahren, bräuchte man also "nur" 102.857 Fahrzeuge. 

Dabei ist noch kein Platz für sanitäre Einrichtungen oder andere Anlagen berechnet.

"Genau. Das ist ein Bunker wie eine Sardinendose. Wer aber so viele Menschen unterbringen will, braucht auch ein Belüftungssystem. Bei der Menge müsste Stuttgart an der Oberfläche mit Abluftkaminen und Ansaugeinrichtungen für Frischluft nur so durchlöchert sein. Von dem Platz für die angebliche militärische Ausbildung reden wir hier noch gar nicht."

Wir haben in den vergangenen Jahren unter Stuttgart so viel rumgebuddelt, dass da gar kein Platz mehr ist.
Norbert Prothmann

Was ist mit Toiletten?

"Früher wurden Trockentoiletten verwendet oder die Notdurft wurde mit Torf abgedeckt. Aber das waren Lösungen für wenige hundert Personen, die auch nur für die Dauer eines Luftangriffs im Bunker sind. Wer dauerfristig unter der Erde lebt, braucht eine Kanalisation."

Wie sieht es mit Wasser und Verpflegung aus?

"Man rechnet mit 1,5 bis 2 Litern Trinkwasser pro Person, hinzu kommt Wasser zum Zähneputzen und Waschen. Essen kann man auf zwei Wegen bekommen: selbst anbauen oder liefern lassen. Für den Anbau ist vieles nicht geeignet. Um autark zu sein, müssten ganze Fabriken unter Tage aufgebaut werden. Und um beliefert zu werden, wäre ein irrsinniger Aufwand nötig, LKW oder Züge müssten täglich ein- und ausfahren." 

So viel Wasser wäre nötig

Kurz gerechnet: Wenn jeder Untergebrachte 2 Liter Wasser am Tag erhält, wären das bei drei Millionen ganze 42 Millionen Liter Wasser für eine Woche. Also 56 Millionen Trinkflaschen – oder eine Zisterne so groß wie der Konzertsaal der Elbphilharmonie. 

Wird man in einem Bunker nicht auch irgendwann verrückt?

"Ja, das französische Militär hat das unter anderem beobachtet. Wer länger unter Tage ist, ist anfälliger für Krankheiten und bekommt schnell den sogenannten 'Bunker-Koller'. Für französische Soldaten wurden daher extra Solarien in die Bunker gebaut, damit sie ein bisschen Licht tanken können."

Wäre unter Stuttgart überhaupt noch Platz?

"Na ja, Stuttgart hatte Anfang des vergangenen Jahrhunderts eine dreistellige Anzahl an Tiefbunkern und circa 500 Pionierstollen, das sind kleine Stollen unter Nachbarschaftshäusern. Fast alle sind mittlerweile wieder zugeschüttet, aber Stuttgart bohrt ja sehr gerne Verkehrstunnel. Wir haben in den vergangenen Jahren also so viel rumgebuddelt, das da gar kein Platz mehr ist."


Gerechtigkeit

Ein EU-Pulli macht noch keinen Wahlkampf
Warum der Europa-Hoodie für alles steht, das im Wahlkampf schiefläuft

Wer im langweiligen Europawahlkampf noch irgendwie über Europa reden will, kommt an ihm kaum vorbei: dem Europa-Hoodie. Christian Lindner trägt ihn, EU-Kommissar Günther Oettinger hat ihn und selbst Kevin Kühnert wurde schon damit gesehen. Der Europa-Hoodie ist das politische It-Piece des Frühlings.

Dabei ist er alles andere als neu: Die Europa-Pullis von "Études", "Vetements" (800 Euro) und "König Souvenir" gibt es seit Jahren. Vor allem die letztgenannte Version mit einem fehlenden Stern (für den Brexit) ist heute wohl am bekanntesten. Auch SPD-Europakandidatin Katarina Barley trägt sie. Mit einem Preis von 60 Euro ist der “Souvenir”-Hoodie kein Schnäppchen, aber noch bezahlbar. Ist das etwa das Geheimnis seines Erfolgs? Sicher ist jedenfalls:

Kurz vor der Europawahl ist der Europa-Hoodie im Mainstream angekommen.

Unterschiedliche Prominente zeigen sich gerade mit den Europasternen: Johannes B. Kerner, Vivienne Westwood, Palina Rojinski – selbst Philipp Amthor (CDU) hat seinen Anzug für den Europa-Hoodie kurz abgelegt. Der Hype kennt – anders als Europa – keine Grenzen.