Bild: dpa/Stephanie Lecocq
Und warum ihn trotzdem so viele Menschen unterstützen

Die Türkei und Europa streiten sich derzeit so laut wie lang nicht mehr – und all das scheint dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan zu nützen. Warum ist er trotz allem bei den Menschen so beliebt?

Darüber haben wir mit dem Politikwissenschaftler und Türkei-Experten Ismail Küpeli gesprochen.

Ismail Küpeli


Ismail Küpeli ist Journalist und Politikwissenschaftler an der Ruhr-Universität in Bochum.

Warum betreibt Erdogan so einen Wahlkampf-Aufwand in Europa?

Zum einen braucht Erdogan für sein Referendum über ein Präsidialsystem die Stimmen der Türkischstämmigen in Europa. Laut aktuellen Umfrageergebnissen ist ihm eine Mehrheit in der Türkei nämlich nicht gewiss.

Vor allem aber will er innerhalb der türkischen Bevölkerung Stimmung gegen Europa machen. Er will dadurch die Solidarität mit ihm als Präsidenten stärken.

Deshalb inszeniert er die Türkei als Opfer europäischer Staaten, die Türken Meinungsfreiheit nicht gewähren. Dabei waren die Verbote der Auftritte seiner Minister ja gezielt herbeigeführt, indem sie vorher nicht als politische Veranstaltungen angemeldet wurden.

Nun werden sie in der Türkei medial ausgeschlachtet, wie etwa die unzähligen Nazivergleiche zeigen.

Merkel mit Hitlerbärchen: die regierungsnahe türkische Zeitung "Aksam"
Aber wie kann sich Erdogan auf europäische Meinungsfreiheit berufen, obwohl er in der Türkei Kritiker einsperren lässt?

Die offizielle Meinung der Regierungspartei AKP lautet, dass die Meinungsfreiheit in der Türkei in keiner Weise beschnitten ist. Alle Kritiker, die ihre Jobs verloren haben oder verhaftet wurden, fallen unter die Kategorie "Terroristen". Diese parallele Weltsicht lässt sich gut mit den "alternativen Fakten" der Trump-Regierung vergleichen.

Dadurch argumentiert Erdogan, dass Europa in Sachen Meinungsfreiheit noch viel von der Türkei lernen könne. Deswegen meint er jetzt auch, vor dem Europäischen Gerichtshof für Meinungsfreiheit klagen zu können.

Die Türkei gegen den Rest der Welt: Ein Bild, das in den sozialen Netzwerken geteilt wird. (Bild: Twitter)
Sind Erdogan-Anhänger tatsächlich Fanatiker, wie so oft dargestellt? Oder gibt es auch rationale Gründe, für Erdogan zu stimmen?

Erdogan ist deshalb so beliebt, weil er in seiner 15-jährigen Amtszeit als Premierminister in der Türkei für Stabilität gesorgt hat – nach Jahren des Bürgerkrieges und mehreren Militärputschen. Viele Türken sind ihm dankbar, dass unter ihm Straßen und Krankenhäuser gebaut wurden.

Zudem fehlt es an Alternativen: Die Opposition ist gespalten, viele Türken nehmen sie als unfähig wahr und trauen ihr nicht zu, das Land führen zu können.

Im Volk ist Erdogan als populistische "Macher"-Figur dadurch sehr attraktiv.

​Die Ereignisse in Kürze

  1. Erst hatten einzelne deutsche Kommunen Wahlkampf-Auftritte türkischer Minister abgesagt
  2. Dann verwehrte die Niederlande ihnen die Einreise. (bento)
  3. Daraufhin wies der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den holländischen Botschafter aus
  4. und will gegen das Einreiseverbot vor dem europäischen Gerichtshof klagen.
  5. Woraufhin Deutschland und die Niederlande die Reisewarnungen für die Türkei verschärften. (SPIEGEL ONLINE)
  6. Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich danach solidarisch mit den Niederlanden.
  7. Was Erdogan zum Anlass nahm, Deutschland die Unterstützung der als Terrororganisation geltenden kurdischen Arbeiterpartei PKK vorzuwerfen. (SPIEGEL ONLINE)
60 Prozent der wählenden Deutschtürken stimmten bei vergangenen Wahlen für Erdogan. Warum ist er speziell in Deutschland so beliebt?

Einer der Gründe ist eine gescheiterte Integration: Viele Deutschtürken fühlen sich hier an den Rand gedrängt und als Bürger zweiter Klasse. Auch schon vor der Amtszeit Erdogans haben sich diese Menschen mehr mit der Türkei als mit Deutschland identifiziert – haben etwa türkische Medien verfolgt und sich mehr für türkische als für deutsche Kommunalpolitik interessiert.

Ein Slogan der AKP ist: "Alle anderen reden nur, wir machen auch etwas"
Wie sehen ihn die jungen Türken, die die Türkei ja meist nur noch aus Urlauben kennen?

Generationenunterschiede in der Zustimmung für Erdogan gibt es kaum: Auch junge Deutschtürken, die kaum mehr Türkisch sprechen, identifizieren sich mit ihm.

Entscheidender als das Alter sind die Gründe, warum die Familien aus der Türkei nach Deutschland gekommen sind: Die überwiegende Mehrheit kam aus der Arbeiterschicht als Gastarbeiter nach Deutschland und ist eher Erdogan-Anhänger. Eine Minderheit von Türken kamen in den Achtzigerjahren als politische Flüchtlinge hierher – diese sind eher regierungskritisch eingestellt.

Das sagen junge Deutschtürken zu der ganzen Debatte:
"Über die Zukunft der Türkei sollten nur die entscheiden, die dort leben und arbeiten."
"Werbung für das Referendum sollten die türkischen Politiker deshalb lieber in der Türkei machen."
"Ich bin vielleicht einmal im Jahr in der Türkei – und das nur für wenige Tage oder Wochen. Ich habe keinen richtigen Bezug zum Land."
"Hätte ich kein Recht zu wählen, wäre das auch okay. Wie gesagt: Es wäre sogar richtig. Da ich es jetzt aber habe, werde ich wählen."
"Ich finde es nicht gut, dass den ausländischen Türken das Wahlrecht in der Türkei gegeben wird."
"So können Menschen, die am wenigsten von den Wahlergebnissen betroffen sein werden, entscheiden, was in diesem Land passiert."
"Ich werde deshalb nicht mitmachen. Auch, weil zur Debatte steht, ob einer einzigen Person wirklich so viel Macht eingeräumt werden soll."
"Deutsch-Türken wachsen zwischen verschiedenen Kulturen auf, sehen zwei Länder als ihre Heimat an und fühlen sich beiden Ländern verbunden."
"Das Referendum ist sehr wichtig für die Zukunft der Türkei. Ich möchte mich an dieser Entscheidung beteiligen."
"Hier lebe ich in einem offenen Land. Jeder kann frei seine Meinung äußern. Deswegen sollen türkische Politiker auch hier über das Referendum informieren."
"Pegida-Anhänger dürfen hier doch auch ihre Meinung kundtun – warum dann nicht auch Erdogan-Anhänger?"
"Ich könnte mir vorstellen, später einmal in der Türkei zu leben oder zu arbeiten. Dann wäre ich von der Entscheidung betroffen."
"Das Wahlrecht ist ein Privileg für alle mit doppelter Staatsbürgerschaft. Ich werde wählen. Die Entscheidung kann uns nicht einfach egal sein."
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