Bild: dpa/Patrick Pleul
Diesmal trifft es die Dresdner Sinfoniker.

In der Affäre um Jan Böhmermanns Erdogan-Gedicht hat die Türkei bekommen, was sie wollte; Angela Merkel ließ ein Strafverfahren gegen Böhmermann zu (bento). Jetzt beschwert sich die türkische Regierung erneut über deutsche Kunst: Diesmal geht es um ein Konzertprojekt der Dresdner Sinfoniker.

Laut einer Mitteilung des Orchesters soll der türkische EU-Botschafter von der Europäischen Kommission verlangt haben, die finanzielle Unterstützung für das Projekt einzustellen und die Projektbeschreibung von der Website der Kommission zu entfernen.

Wo liegt das Problem?

Das Konzertprojekt mit dem Titel "Aghet – Ağıt" thematisiert den Völkermord an den Armeniern, den das Osmanische Reich vor 100 Jahren begangen hat. Schätzungen zufolge kamen zwischen 800.000 und 1,5 Millionen Armenier ums Leben. Im Begleittext zu "Aghet" tauchen dementsprechend auch die Wörter "Völkermord" und "Genozid" auf; "Aghet" (deutsch: Katastrophe) selbst ist einer der Begriffe, den die Armenier für das Verbrechen verwenden.

Die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches bestreitet allerdings bis heute, dass es sich um einen Völkermord gehandelt hat. Vor diesem Hintergrund steht auch der Protest gegen "Aghet": Die türkische Regierung fühlt sich von dem Projekt offenbar angegriffen – und fordert eine "Entschärfung" der Formulierungen.

"Sie wollten, dass niemand davon erfährt und dass die Begriffe Genozid und Völkermord getilgt werden", sagte Markus Rindt, Intendant der Dresdner Sinfoniker, am Samstag in Dresden.

(Bild: dpa/Arno Burgi)
Wie reagiert die EU?

In der Mitteilung der Dresdner Sinfoniker heißt es, die EU-Kommission habe zwar versichert, das Projekt weiterhin zu unterstützen. Die Projektbeschreibung sei aber wie gewünscht entfernt worden; auf der Website der Kommission findet sich kein Hinweis mehr auf "Aghet".

Laut SPIEGEL ONLINE bestätigte eine Sprecherin der Kommission, dass der Text vorübergehend entfernt worden sei, um über neue Formulierungen zu sprechen. Die Umsetzung des Projekts stehe aber nicht infrage.

Was sagen die Musiker?

Die Idee zu "Aghet" stammt von dem Komponisten und Gitarristen Marc Sinan; er hat deutsche, türkische und armenische Wurzeln. Er verurteilt die Aktion der Türkei: "Dass die türkische Regierung nun selbst vor Einflussnahme auf die freie Meinungsäußerung in Kunst und Kultur auf europäischem Boden nicht zurückschreckt, ist ein Warnsignal. Sie verlangt einen Maulkorb für Botschaften, die ihr nicht passen und überschreitet damit eine weitere Grenze."

Sinan sagte auch, dass die Sinfoniker einer Vermeidung des Begriffes Völkermord nicht zustimmen werden. Das Vorgehen der EU kritisierte er: "Das Appeasement durch die EU-Kommission macht Europa zum Mittäter."

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Türkei über die Arbeit der Dresdner Sinfoniker beschwert: "Wir haben schon 2014 in unserem Projekt 'Dede Korkut' die Erfahrung gemacht, dass allein die Benennung des Genozids genügt, um die türkische Regierung auf den Plan zu rufen", sagte Intendant Markus Rindt. Damals hätte das türkische Kulturministerium kurz vor der Premiere seine Unterstützung zurückgezogen.

Das Projekt "Aghet"

"Aghet" ist ein Konzertprojekt der Dresdner Sinfoniker, an dem auch Musiker aus der Türkei, Armenien und dem früheren Jugoslawien mitwirken. Ziel von "Aghet" ist, gemeinsam an den Völkermord vor 100 Jahren zu erinnern. Außerdem geht es darum, einen Dialog in Gang zu bringen und ein Zeichen der Versöhnung zu setzen.

Im November 2015 wurde "Aghet" in Berlin uraufgeführt. Am 30. April wird es eine weitere Vorstellung in Dresden geben, im November wird das Projekt dann in Istanbul, Belgrad und Jerewan gastieren.


Quellen:

  • "Angriff auf die Meinungsfreiheit: Türkei interveniert bei EU-Kommission gegen Dresdner Sinfoniker" (Dresdner Sinfoniker)
  • "Projekt 'Aghet': Türkei protestierte offenbar gegen Konzert in Dresden" (SPIEGEL ONLINE)
  • "Ankara beschwert sich über deutsches Konzertprojekt" ("Süddeutsche Zeitung")
  • "Projekt "Aghet": Türkische Kritik an Konzert in Dresden sorgt für Empörung" (SPIEGEL ONLINE)


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