Erdogan sagt: "Der Präsident hat die Macht"

In der Türkei ist der Putschversuch des Militärs offenbar gescheitert: Samstagmittag erklärte der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim, die Regierung habe die Lage wieder vollständig unter Kontrolle. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte schon in der Nacht seinen Anhängern versichert: "Der Präsident, den 52 Prozent der Menschen ins Amt gewählt haben, hat die Macht." (SPIEGEL ONLINE I)

Mindestens 265 Menschen sollen in der Nacht ums Leben gekommen sein, erklärte Yildrim. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtet, dass außerdem 1154 Menschen verletzt worden seien. Mehr als 2839 Militärangehörige seien festgenommen worden.

Wie reagiert die Erdogan?
  • Erdogan kündigte an: Die Verantwortlichen müssten vor Gericht einen hohen Preis zahlen. Er wolle die Streitkräfte "vollständig säubern". Ministerpräsident Yildrim sagte, derzeit gebe es keine Todesstrafe, man werde aber über Gesetzesänderungen nachdenken.
  • Offenbar geht Erdogan jetzt auch gegen die Justiz vor: Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldet, dass bereits 2745 Richter abgesetzt wurden. Erst kürzlich hatte das Parlament für eine umstrittene Justizreform gestimmt. Der Vorwurf der Kritiker: Erdogan wolle die Justiz immer stärker kontrollieren. (SPIEGEL ONLINE II)

Wir haben mit Türken über die Nacht gesprochen

Was war Freitagnacht passiert?
  • Freitagabend hatten Teile des türkischen Militärs verkündet, bei einem Putsch vollständig die Macht im Land übernommen zu haben; es verhängte eine Ausgangssperre und rief das Kriegsrecht aus. Die Lage war sehr unübersichtlich, chaotisch und schwer einzuschätzen. Livebilder auf Facebook, Twitter und den Nachrichtensendern zeigten Hubschrauber, die über der Stadt kreisten, Kampfjets, es fielen Schüsse. Augenzeugen berichteten von Explosionen in Istanbul und Panzern auf den Straßen.
  • Das selbsterklärte Ziel des Militärs: Sie wollten so die demokratische Ordnung und die Menschenrechte im Land schützen, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. (SPIEGEL ONLINE III)
  • Der Staatspräsident Erdoğan meldete sich Freitagnacht per Facetime bei CNN Türk zu Wort. In dem Interview rief er die Bevölkerung auf, auf die Straßen zu gehen, um ein Zeichen zu setzen: "Ich rufe unser Volk auf, sich auf den Plätzen und am Flughafen zu versammeln. Sollen sie (die Putschisten) mit ihren Panzern und ihren Kanonen machen, was sie wollen."
  • Diesem Aufruf folgten Gegner des Putsches, im Zentrum Istanbuls riefen sie "Gott ist groß" und "Nein zum Putsch". In Liveaufnahmen aus der Nacht waren auch Muezzine zu hören, die versuchten, Erdogans Anhänger zu mobilisieren.
In der Fotostrecke: Was in der Nacht passiert ist
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Wen vermutet Erdogan hinter dem Putsch?
  • Erdogan macht Fethullah Gülen und seine Anhänger für den Putschversuch verantwortlich. "Das war die Parallelorganisation höchstpersönlich", sagte Erdogan. "Sie werden einen sehr hohen Preis für diesen Verrat zahlen." (SPIEGEL ONLINE IV)
  • Gülen gilt als einer der einflussreichsten Prediger des Islam. Er gibt sich liberal, verfolgt aber islamistische Ziele. Einst waren Gülen und Erdogan verbündet, heute sind sie zerstritten. Seit 1999 lebt Gülen, heute 75 Jahre alt, im Exil in den USA. Seine Anhänger haben in rund als 150 Ländern Schulen gegründet, gleichzeitig investiert die Bewegung in Medienhäuser und Kliniken. (SPIEGEL ONLINE V) Gülen selbst hat den Putschversuch in einer Mitteilung verurteilt.
Im Silder: Eine Übersicht der türkischen Militärputsche
Das türkische Militär sieht sich traditionell als Verfechter der demokratischen Grundordnung der Türkei. Bereits drei Mal kam es in der Geschichte des Landes zu einem Militärputsch.
27. Mai 1960: Das Militär stürzt den Ministerpräsident Adnan Menderes, weil es die demokratische Grundordnung in Gefahr sieht. Die Regierung hatte zuvor die Pressefreiheit und die Rechte der Opposition eingeschränkt. Die Streitkräfte lassen Menderes und seine zwei Minister hängen und bleiben 17 Monate an der Macht.
12. März 1971: Gewalttätige Angriffe linker Terroristen nehmen in der Türkei zu. Infolgedessen zwingt die Armee Ministerpräsident Süleyman Demirel zum Rücktritt. Ein Jahr später setzt sie wieder eine zivile Regierung ein.
12. September 1980: Auch die zweite Amtszeit Demirels endet mit einem Putsch. Das Militär verhängt als Antwort auf linken und rechten Terror das Kriegsrecht. 650.000 Menschen werden festgenommen, viele hingerichtet. Die Militärherrschaft geht erst drei Jahre später offiziell zu Ende.
15. Juli 2016: Mehrere hochrangige Militärs versuchten in einer Nachtaktion, die Macht im Land an sich zu reißen und Präsident Recep Tayyip Erdogan zu stürzen. Dieser rief die Bevölkerung zur Gegenwehr auf – knapp 300 Menschen kamen bei Straßenkämpfen ums Leben. In den frühen Morgenstunden galt der Putsch als gescheitert. Erdogan startete in den Wochen danach eine "Säuberungswelle".
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"Ich dachte, ich sterbe": Wie es den Menschen in Istanbul nach dem Putschversuch geht

Die Türkei hat eine Nacht des Grauens hinter sich: Freitagabend hatten Teile des Militärs versucht, gegen die Regierung zu putschen. Danach herrschte Chaos im Land.

Erdogan-Anhänger überrannten und entwaffneten nach und nach das Militär. Inzwischen hat Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan den Versuch für beendet erklärt. Die Putschisten will er hart bestrafen.