Er ist wieder da

Worauf hat die Welt nicht gewartet? Auf ein neues Buch von Thilo Sarrazin. Am 25. April erscheint es trotzdem, es geht unter anderem um Flüchtlinge und Zuwanderung. Eine kleine Kostprobe gibt es schon jetzt in der "Bild"-Zeitung. "Wir schaffen das nicht", lautet die Schlagzeile. Da sind sogar die Tweets von Erika Steinbach origineller.

Mit seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" hat Sarrazin bereits 2010 probiert, Fremdenfeindlichkeit in Fachsprache zu tarnen und gesellschaftsfähig zu machen. Ihn treibt die muslimische Zuwanderung um. Zwei Bücher voller Ablehnung und Angst später heißt es nun: Die Sicherung der Grenzen sei eine "Existenzfrage für unsere Kultur und das Überleben unserer Gesellschaft".

Aber was soll das heißen?

Was Sarrazin schreibt, ist der Treibstoff für Pegida und andere Fremdenfeinde. Für den Mob, der "Merkel muss weg" schreit. Für die Musterbürger, die in einem Wahn aus angeblicher Notwehr Flüchtlingsunterkünfte in der Nachbarschaft in Brand setzen.

Überhaupt: Wenn man nur auf ihn gehört hätte! Sarrazin hat schon vorher in "Bild" kritisiert, dass die etablierten Parteien alle so nett zu Flüchtlingen seien. Nur deswegen gebe es die AfD: Weil sich manche nicht mehr trauen würden, ihre Meinung offen zu äußern.

Das ist die alte Leier vom angeblichen "Totschweigen" von Problemen, von "unbequemen Wahrheiten", die einen mutigen Sarrazin brauchen, der sie ausspricht. Er hat da ein ganzes Buch drüber geschrieben, "Der neue Tugendterror". Bestseller, Vorabdruck in der "Bild", alles wie immer. So viel zum "Totschweigen".

Besonders ärgerlich am "Wir schaffen das nicht" von Sarrazin und "Bild"-Zeitung ist das "wir". Angela Merkels "Wir schaffen das" meinte uns alle. Wir alle schaffen das. Gemeinsam. Was denn sonst?

"Wir schaffen es nicht" heißt: "Wir" gegen "die". Sarrazins "Kultur" und "Gesellschaft" gegen den Rest der Welt. Zum Glück ist Deutschland keine traurige, verschlossene Gesellschaft, sondern bunt gemischt: Jeder fünfte Erwachsene und jeder dritte Jugendliche hat einen Migrationshintergrund.

Die "Bild" weiß schon, was jetzt passiert: "Dieses Buch wird für Streit sorgen!", freut sie sich. Dieser Kommentar hier zum Beispiel ist schon eingeplant. Für die "Bild" ist es nur ein Spiel: Meinung hier, These da. Was die Mobbürger daraus machen, scheint egal zu sein.

Dabei war bei der "Bild"-Zeitung gerade noch "Wir helfen" angesagt, eine Aktion zur Unterstützung von Flüchtlingen. Wobei die "Bild"-Zeitung jetzt hilft, findet sich dann später in den Bestsellerlisten wieder. Und in der Kriminalstatistik, Abschnitt rechtsmotivierte Gewalttaten.


Gerechtigkeit

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