Bild: Marc Röhlig

Fragen sich nur Berliner, Hamburger, Münchner und Kölner, ob sie noch beruhigt auf Weihnachtsmärkte, Konzerte oder eine große Kirmes gehen können? Wie groß ist die Angst der Menschen abseits der Großstädte vor Anschlägen? Was denken sie über den nächsten Besuch in einer Metropole?

Wir haben junge Menschen in vier Städten gefragt, wie nah sie den Terror im Jahr 2016 an sich ran lassen.
(Bild: Katharina Hölter)

Verl – das sind vor allem Felder und Äcker, große Höfe und Einfamilienhäuser, mit einem Ortskern, in dem die Kirche aus dem 18. Jahrhundert stammt und die umstehenden Fachwerkhäuser den Eindruck der Stadt prägen. In diesem Jahr beschäftigte die 25.000 Einwohner vor allem die Fertigstellung der neuen Hauptstraße mitten durch den Ort – eine schwierige Zeit für die Einzelhändler, deren Geschäfte zweitweise nur schwer zu erreichen waren.

In der Idylle liegt der Terror fern, meint man zu glauben. Doch er rückte ganz nah, als nach dem Anschlag in Berlin auch in der Kreisstadt Gütersloh Hassplakte auf Verkehrsschildern und Werbepostern auftauchten. "Nehmt den Islam an oder sterbt" oder "Berlin war erst der Anfang" war darauf zu lesen. Derzeit klärt noch der Staatsschutz, ob die Urheber islamistische Extremisten sind, oder Neonazis, die nach dem Anschlag Hass gegen Flüchtlinge schüren wollen. Es könnte aber auch ein dummer Jugendstreich sein. "Wir haben das schnell abgetan und nicht ernst genommen", sagt Anwohnerin Anastasia.

Anastasia, 29, Referendarin an einem Gymnasium
(Bild: Katharina Hölter)
Vom Anschlagsort ist man hier weit entfernt, aber schockiert bin ich genauso wie die Menschen dort. Was für psychische Probleme müssen Menschen haben, die zu solchen Taten in der Lage sind? Ich verspüre keine persönliche Angst, aber Sorge darüber, was in der Welt passiert. Und ich fühle mich machtlos.

Ein Freund von mir ist noch fünf Minuten vor dem Anschlag über den Weihnachtsmarkt in Berlin gegangen. Er hat das ganze natürlich viel heftiger empfunden als ich. Wenn mein Mann und ich eine Reise nach Berlin geplant hätten, wären wir trotzdem noch gefahren. Ins große Getümmel hätten wir uns vermutlich nicht gestürzt.
Michael, 25, ehemaliger Soldat
Die Meldungen über Terroranschläge gehören schon zum Alltag. Es ist erschreckend, wie man abstumpft. Aber natürlich ist es jedesmal schrecklich, dass Unschuldige sterben.

Ich gehe nicht davon aus, dass es in Verl einen Anschlag geben wird. Trotzdem gehe auch ich mit einem anderen Gefühl auf den Weihnachtsmarkt. Man fragt sich zum Beispiel, wie weit die Straße entfernt liegt. Ich würde nicht sagen, dass ich Angst habe – aber Respekt. Man sollte sich nicht unterkriegen lassen und trotzdem feiern gehen.

Gera – die Stadt im Osten von Thüringen: ehemalige fürstliche Residenzstadt, ehemaliges Wirtschaftszentrum der DDR, ehemaliger Standort einer Bundesgartenschau. Der Stadt sieht man diesen Mix der Jahrhunderte an: Parks, Plattenbauten und Jugendstilvillen. Aber auch: Viel Leerstand. 1990 lebten hier knapp 130.000 Einwohner, heute sind es weniger als 100.000. Vor allem die Jugend zieht weg, in den Westen oder wenigstens in Thüringen weiter nach Westen.

Einiges entspricht hier auf den ersten Blick dem Klischee des düsteren Ostens. Gegen eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge gab es viel Protest, von Gera aus wird der Pegida-Ableger "Thügida" mit organisiert. Zur Stadt gehört aber auch ein anderes Bild: Seit Jahren organisiert ein Bündnis Aktionen gegen Nazi-Konzerte in der Stadt, der Verein "Akzeptanz" will Flüchtlinge und Geraer zusammenbringen.

Angst vor Terror haben die Geraer keinen. Die Ideen um das richtige Miteinander fallen jedoch unterschiedlich aus:

Elisa, 19, Azubi zur Einzelhandelskauffrau
(Bild: Marc Röhlig)
In Gera ist es nicht so schlimm, also Angst vor Anschlägen habe ich nicht – aber man fühlt sich schon manchmal unsicher. Es gibt halt viele Asylanten. Die meisten sind super freundlich, aber manche könnten sich besser integrieren, die deutsche Kultur annehmen.

In großen Städten geht das sicher besser, aber hier in Gera werden sie irgendwie nicht Teil. Und dann passieren halt auch so Kleinigkeiten – einer ist mal mit einer Softair-Pistole durch die Stadt gerannt.

Vielleicht sollte es mehr Möglichkeiten für sie geben, bessere Deutschkurse und Menschen, die ihnen helfen, sich einzubringen. Das fände ich super.
Andreas, 30, studiert Staatswissenschaften
(Bild: Marc Röhlig)
Die Anschläge 2016 machen eigentlich nicht viel mit mir, ich habe keine Sorge. Wir leben immer noch in einem sehr sicheren Land. Die Gefahr, an anderen Ursachen zu sterben, ist sehr viel höher.

Klar, mit meinen Freunden rede ich schon über das, was passiert ist. Aber keiner aus meinem Freundeskreis ist auf den Panikzug aufgesprungen, die sehen das alle differenzierter. Viele in Deutschland sollten mal zur Vernunft kommen.

Gerade hier im Osten schieben viele alle Probleme auf Flüchtlinge, was ich sehr unangebracht finde. Vor 25 Jahren waren hier selber alle irgendwie Wirtschaftsflüchtlinge. Wenn jetzt Leute aus einem Kriegsgebiet Schutz suchen, ihnen da Kriminalität nachzusagen, ist ziemlich daneben.
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Weihnachtsmarkt bedeutet in Dülmen, einer Kleinstadt am Rande des Münsterlandes: Rodel-Hütte – und Maschinenpistolen. Viele finden die riesige Holzhütte toll, die seit einigen Wochen auf dem Marktplatz aufgebaut ist. Sowas hat es in den Jahren zuvor nicht gegeben, einen Glühweinausschank mit Sitzplätzen, überdacht und beheizt, auf zwei Etagen.

Gleichzeitig wundert man sich. Darüber, dass Polizisten mit Maschinenpistolen den Markt absichern – seit Berlin. "An schwer bewaffnete Polizisten werden die Dülmener sich gewöhnen müssen", steht in der lokalen Tageszeitung. Sonderschichten zu Silvester soll es geben, erzählt man sich bei Kaffee und Kuchen. Sie wollen nicht zusammenpassen, die Freude über die Hütte und das Erstaunen über das Polizeiaufgebot. "Alarmbereitschaft", auch dieses Wort fällt.

Trotzdem: In der Rodel-Hütte ist immer alles voll, auch nach Weihnachten noch. Hier ist es gemütlich, hier lässt sich zwischen Lichterketten und heißem Punsch über alte Zeiten schnacken, in friedlicher Atmosphäre. Terror? Panik? Trittbrettfahrer? Große Gedanken. Die patrouillierenden Polizisten draußen betrachtet man mit Argwohn von drinnen.

Leonard, 19, Student
Von dem Anschlag in Berlin habe ich durch Facebook erfahren, und daraufhin habe ich die Nachrichten eingeschaltet. Natürlich war das unvorstellbar und furchtbar. Aber Berlin ist auch ganz schön weit weg.

Deswegen ging es mir nicht so nah und ich habe sehr gefasst reagiert. Das ging auch meinen Freunden so, vor allem den Jungs. Ich habe auch keine Angst davor, dass so etwas mal hier in Dülmen passieren könnte. Auch, wenn ich in einer Großstadt aufgewachsen wäre: Ich würde genauso denken – und ruhig bleiben.
Lisanne, 26, Studentin
Ich denke viel über das Thema Terror nach. Ich breche aber nicht in Panik aus. Vielleicht hat das auch etwas damit zu tun, dass ich in einer kleineren Stadt aufgewachsen bin: Ich bin mit dem Gedanken groß geworden, dass mein Umfeld total sicher ist.

Alle größeren Veranstaltungen laufen hier friedlich ab. Eine Attacke von außen – sowas kennt man hier gar nicht. Womöglich hat mir das eine Art Urvertrauen gegeben.

Lass uns Freunde werden!

(Bild: dpa / Peter Steffen)

Helmstedt ist eine Kleinstadt mit rund 23.000 Einwohnern an der niedersächsischen Grenze zu Sachsen-Anhalt. Im geteilten Deutchland war hier an der A2 der wichtigste Grenzübergang zwischen der DDR und der Bundesrepublik. Der Ortskern: Eine Altstadt mit denkmalgeschützten Fachwerkhäusern. Hier findet einmal pro Jahr das "Altstadtfest" statt – so belebt wie an diesen Tagen ist es sonst nicht mehr. Viele Geschäfte müssen schließen, Menschen sagen hier Sätze wie "die Stadt stirbt aus".

Der Terror in Berlin ist ungefähr 200 Kilometer entfernt. Weit genug weg, meinen die Einwohner.

Lisa, 19, Azubi zur Zahntechnikerin
Die Terroranschläge in diesem Jahr haben mich aufmerksamer gemacht. Ich bin misstrauischer fremden Menschen gegenüber und versuche, große Menschenmassen zu meiden. Ich sage deswegen aber nicht, dass ich nie wieder nach Berlin, Köln oder München fahre. Ich werde nur wachsamer sein.

Im Endeffekt ist es doch so: Was passiert, das passiert. Mit viel Pech auch in Helmstedt, aber in meinen Augen ist die Stadt kein so attraktives Anschlagsziel. Es gibt hier nur selten Veranstaltungen, wo auch viele Menschen sind.
Markus, 29, Bürokaufmann
Leider ist der Terror dieses Jahr auch in Deutschland angekommen, was irgendwie zu befürchten war. Allerdings denke ich, dass die es eher auf Großstädte und Menschenansammlungen abgesehen haben.

Ich verfolge täglich die Nachrichten, aber ich habe eigentlich keine Angst. Oder besser gesagt: Ich mache mir darüber nicht so viele Gedanken. Ich möchte über diese Ereignisse informiert werden. Am Ende muss jeder selbst entscheiden, ob man das alles wissen will.

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Eine optische Täuschung lässt die Reddit-Nutzer rätseln.