Bild: Jordi Pizarro
Zu Besuch in der Wohnung des Imams, der die jungen Männer radikalisierte.

Es ist kurz nach 18 Uhr am Samstagnachmittag, als eine Frau mit Kopftuch auf den Marktplatz in der katalanischen Kleinstadt Ripoll kommt. Dutzende Menschen beobachten sie. 

Sie weint, immer wieder wendet sie ihren Blick ab, wenn der Name ihres Sohnes fällt: 

Younes Abouyaaqoub, 22, derzeit der meistgesuchte Mann Europas.

Die spanische Polizei vermutet, dass er den weißen Lieferwagen lenkte, der am Donnerstag 13 Menschen auf der Rambla in Barcelona tötete. Younes Abouyaaqoub ist der einzige aus der zwölfköpfigen Terrrorzelle, der nicht tot ist oder bereits festgenommen wurde. Ein Großteil der jungen Männer im Alter zwischen 18 und 28 Jahren lebte in Ripoll.

"Ja, sie haben gebetet, aber die Jungs waren keine Fanatiker", sagt Younes' Mutter.

​"Ich liebe meine Kinder. Bitte tötet meinen Sohn nicht, es reicht, wenn er ins Gefängnis kommt."
Mutter von Younes

Dann wird geschwiegen. Eine Minute lang. Eine Handvoll Marokkaner stimmt zaghaft Sprechchöre an: "Nein zum Terrorismus, Islam ist Frieden." Frauen und Mädchen haben weiße Zettel mitgebracht. Ihre Botschaft: "Nicht in meinem Namen." Als Applaus aufbrandet, sackt Younes' Mutter zusammen. Minutenlang liegt sie weinend in den Armen ihrer Freundinnen.

Auch Fatimah ist zur Schweigeminute gekommen. Sie ist die Schwester von Mohamed, einem der mutmaßlichen Terroristen, die von der spanischen Polizei in der Küstenstadt Cambrils erschossen wurden. "Wenn ich etwas über Terroristen im Fernsehen gesehen habe, habe ich immer geglaubt, dass mit denen etwas nicht stimmen kann, dass die verrückt sein müssen", sagt sie.

"Jetzt ist mein Bruder einer von ihnen. Ich verstehe es nicht."
Fatimah, Schwester eines der mutmaßlichen Terroristen

Keiner der Familienangehörigen hat eine Erklärung dafür, warum die jungen Männer sich radikalisiert haben. 

Die Wohnung von Younes Abouyaaqoub und seiner Familie liegt nicht weit vom Zentrum Ripolls entfernt. Neben dem pastellfarben gestrichenen Apartmentblock liegt ein Fußballfeld. Auf dem grünen Asphalt spielte Younes mit seinen Freunden Moussa, Said, Mohamed und Omar Fußball. Mittlerweile kennt ganz Spanien ihre Namen. Bis zu acht der mutmaßlichen Terroristen haben in Ripoll gelebt.

Die Fußballtore haben keine Netze, dafür sind sie neu gestrichen. Abends hingen die Freunde hier im Park ab, wie die anderen jungen Männer auch. Viel mehr gab es nicht zu tun in Ripoll. Knapp 11.000 Menschen leben in dieser Stadt an der Grenze zu Frankreich, in den Ausläufern der Pyrenäen.

In der Gruppe der Marokkaner immer mit dabei: der 15-jährige Radi. Im Juni 2016, zu Beginn des Ramadan, habe sich ihr Verhalten geändert, sagt er. 

Sie seien immer religiöser geworden, ganze Nachmittage hätten sie in der Moschee verbracht. 

Plötzlich hätten sie auch seine Schwester nicht mehr gegrüßt. Einige der Männer hätten sich zudem zu Mechanikern und Elektrikern weiterbilden lassen.

Zum letzten Mal sieht Radi einen der mutmaßlichen Terroristen am Mittwochabend, dem Tag vor dem Anschlag. Moussa habe sein Fahrrad verkaufen wollen. Jedem habe er einen anderen Preis gemacht, aber niemand habe das Rad kaufen wollen. 

Der 17-jährige Moussa war es, der den Ausweis seines älteren Bruders Driss stahl und damit den Lieferwagen mietete.

So reagiert das Internet auf die Anschläge in Spanien:
Wie konnte es so weit kommen? Wer hat aus den jungen Männern Dschihadisten gemacht und was passierte mit ihnen im Juni 2016? 

Die Antwort auf diese Frage hat offenbar viel mit Abdelbaki Es Satty zu tun. Seit 2015 war Es Satty Imam in Ripoll. Zunächst in einer kleinen, unscheinbaren Moschee. Ab April 2016 predigte er in einer größeren Moschee der islamischen Annour-Gemeinde. Zuvor hatte er offenbar kurzzeitig im Gefängnis gesessen, das berichtet die spanische Zeitung "El País" und bezieht sich auf anonyme Quellen in den Sicherheitsbehörden. Demnach hatte er Ärger mit der Ausländerbehörde.

So sieht es in der Moschee aus, in der Abdelbaki Es Satty gepredigt hat. 
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83 Stufen führen hinauf zu Es Sattys kleiner Wohnung im Zentrum der Stadt. Hier im sechsten Stock wohnte der Marokkaner mit seinem Landsmann Nordden Hadji: Zwei Zimmer, kleine Küche, noch kleineres Bad, in der Wohnung herrscht Chaos.

(Bild: Jordi Pizarro)
Kleidung ist auf dem Boden verstreut, Matratzen liegen neben den Betten, auf dem Tisch ein Koran. 

Ebenfalls überall in der Wohnung zu finden: Werbeprospekte für Motorsägen und andere Forstwirtschaftsgeräte. In der Nacht von Freitag auf Samstag hat die Polizei die Wohnung nach Hinweisen und DNA-Spuren abgesucht. Der Durchsuchungsbeschluss liegt noch auf dem Tisch.

Zu diesem Zeitpunkt war Es Satty bereits weg. Am Dienstagmorgen um sieben Uhr sei er aufgebrochen, sagt sein Mitbewohner. Ihm habe Es Satty erzählt, dass er nach Marokko wolle. Wahrscheinlich ist das nicht. Die Polizei untersucht derzeit, ob Es Satty einer der mutmaßlichen Terroristen ist, die in der Stadt Alcanar bei einer Explosion starben. 

Die Terrorzelle bastelte dort monatelang an Bomben - bis diese versehentlich explodierten.

Der Anschlag auf Barcelonas Flaniermeile Las Ramblas war offenbar nur der Plan B. Laut spanischen Medien prüfen die Behörden derzeit, ob Es Satty gar der Kopf der Terrorbande sein könnte.

Fest steht: Die mutmaßlichen Terroristen hörten sich seine Predigten an. Die Namen von Younes Abouyaaqoub und einigen seiner Freunde stehen auf den Anwesenheitslisten an den Wänden der Moschee. Was Es Satty predigte, ist unklar.

Auch der Präsident der muslimischen Gemeinde ist ratlos.

"Ja, die Jungs haben hier gebetet."
Präsident der muslimischen Gemeinde in Ripoll

Sie seien aber nicht so oft gekommen. Er glaube nicht daran, dass Es Satty die jungen Marokkaner radikalisiert habe. Nie habe es Anzeichen für Extremismus in der Moschee gegeben.

Im Juni habe der Imam allerdings plötzlich drei Monate Urlaub verlangt. Als die Gemeinde ihm den Wunsch verwehrte, kündigte er - und verschwand aus seiner Moschee.


Haha

Rechte Seite "Breitbart" verwechselt Poldi mit Schmuggler – oder Flüchtling

Wenn eine Redaktion eine Meldung von einer Nachrichtenagentur übernimmt, ist das Prozedere oft ähnlich: Text kopieren, auf die eigene Seite heben, Bild raussuchen, fertig. 

Auch die rechtspopulistische Webseite "Breitbart", zu der Trumps umstrittener Ex-Berater Stephen Bannon jetzt wieder zurück gekehrt ist, übernimmt manchmal Meldungen. Zum Beispiel von der Nachrichtenagentur Afp. Diese berichtete, die spanische Polizei habe Schmuggler hochgenommen, die Migranten auf Jetskis über das Meer schleusen.