Bild: Screenshot: bento

Seit einigen Tagen wird auf Facebook eine Foto geteilt, es wurde vor dem Eingang der Tafel in Landau aufgenommen – darauf zu sehen: Eine Frau mit Kopftuch, die die Beifahrertür eines silbernen Mercedes öffnet. 

Im Hintergrund stehen weitere Frauen mit Kopftuch in einer Schlange. Zwischen ihnen ist auch eine ältere Dame ohne Kopftuch, sie bewegt sich in Richtung Auto.

Mercedes? Kopftuch? Tafel? 

Viele Nutzer sehen sich in ihren Vorurteilen bestätigt: Die "Ausländer" würden deutschen Bedürftigen das Essen weg, obwohl sie selbst gar nicht bedürftig sind.

Um dieses Foto geht es:

Der Nutzer, der es geteilt hat, hat mehr als 3000 Reaktionen erhalten, 32.000 Mal wurde es geteilt. "Läuft", schreibt er zur Szene. In den Kommentaren suggeriert er, hier bereichern sich Ausländer, die im Mercedes vorfahren. Er heißt Marco Kurz und wirbt auf seinem Profil für populistische "Merkel muss weg"-Demos und teilt mit Vorliebe Berichte über Angriffe von Ausländern.

Ein Nutzer weist ihn darauf hin, dass das Bild nichts erkläre: Warum dort ein Mercedes steht, ob die Frau mit Kopftuch zum Auto gehört – und ob sie die Tafel besucht – ist nicht ersichtlich. Darauf angesprochen, meint Kurz nur: "Wozu hat die Natur dir Augen, Ohren und ein Gehirn geschenkt?" 

Mittlerweile haben mehrere rechte Blogs das Bild aufgegriffen und den Fall weiter verbreitet. Eine Seite schreibt zum Beispiel:

"Nach einem Fake sieht dieses Bild nicht aus und bekräftigt unseren Beitrag über Migranten, die eine Tafel plündern und im Geschäft nebenan mit 500,00 Euro Scheinen bezahlen. Sie nehmen den wirklich armen Deutschen auch noch die Spenden der Tafel weg. Es ist einfach ekelhaft, was sich in unserem Land abspielt."

Allerdings stimmt die Geschichte nicht.

Was steckt wirklich hinter dem Foto?

Die Landauer Tafel hat von der Verbreitung mitbekommen und eine Stellungnahme herausgegeben. Demnach ist der Zusammenhang falsch – die Geschichte hinter dem Bild ganz anders. Die Tafel schreibt:

"Mit dem abgebildeten Auto wird eine (deutsche) Rentnerin abgeholt, die den Weg zur Tafel nicht mehr allein zurücklegen kann. Hilfsbereite Nachbarn fahren sie dann mit ihren Autos zur Ausgabestelle. Dazu gehört auch diese muslimische Familie, die von uns selbst keine Lebensmittel bezieht."

Es geht also um hilfsbereite Nachbarn – nicht um vermeintliche Nutznießer der Tafel. 

Die Mitarbeiter schreiben weiter, jeder, der bedürftig sei, könne bei ihnen Lebensmittel erhalten:

Der Hunger kennt keine Nationalität – bei uns bekommt jeder Hilfe, egal woher er kommt.

Wie reagiert Kurz auf die Richtigstellung?

Er versucht, mit einem Video auf Facebook die Sache ins Lächerliche zu ziehen. Kurz verkleidet sich mit Kopftuch und scheint dann einen vorbereiteten Text abzulesen. 

Er meint, dass er den "Zusammenhang zwischen einer bestimmten Automarke, orientalischem Bekleidungsschmuck und der Ausbeutung unseres Sozialsystems" nie herstellen wollte – andere hätten ihn gesehen. Kritikern wirft er vor, sie würden gegen ihn hetzen und ihn der Lüge bezichtigen. Er nennt sie die "größten und dümmsten Heuchler der Menschheitsgeschichte".

Eine klare Richtigstellung äußert Kurz aber nicht. Zu seinen Kommentaren unter dem Bild erklärt er sich ebenfalls nicht. Dann lenkt er ab: Er wirft anderen vor, zwar die Muslima auf dem Bild zu verteidigen, aber keine "Nächstenliebe" für vergewaltigte Frauen übrig zu haben. Was das eine mit dem anderen zu tun haben soll, erklärt er nicht. 

Die Tafeln in Deutschland sind seit einigen Wochen Teil einer größeren Debatte. In Essen hatte die Einrichtung einen Aufnahmestopp für Ausländer verkündet, weil sie sonst dem Andrang nicht mehr gerecht werden könne.

Viele Beobachter haben Verständnis für die Entscheidung – ausländische Bedürftige würden zu sehr drängeln. Andere kritisierten die Entscheidung: So würden Bedürftige gegeneinander ausgespielt. 

Wir haben andere Tafeln gefragt, wie sie die Frage lösen:


Fühlen

Warum ich niemals Kinder haben möchte
Und warum die Wann-Ist-Es-Bei-Euch-Soweit-Frage sich nie für Small Talk eignet

Seit meinem 30. Geburtstag kann ich ihnen nicht mehr entkommen, all den Fotos von dicken Bäuchen und Babys, Reihenhäusern, zweitem Kind und Wohnmobil. Facebook und WhatsApp quellen über und ich musste realisieren: 

Meine Freunde und ich leben, was das angeht, auf verschiedenen Planeten.

Die große Liebe habe ich gefunden, die richtige Frau ist an meiner Seite. Vergangenes Jahr haben wir geheiratet, ganz romantisch am Meer. Aber wenn ich Familie und Freunde (und ihren Nachwuchs) besuche, fragt immer irgendwann irgendwer: "Wann ist es denn bei euch soweit?" 

Als harmloser Smalltalk verstanden, natürlich nicht böse gemeint. Sie erwarten vielleicht ein "Bald" oder ein "Wenn die Finanzen geregelt sind". Was ich wirklich denke?