Zweimal sitzen geblieben, zweimal die Schule gewechselt: Für Jessica lief es in der Schulzeit nicht wirklich gut. Das hat sie nicht davon abgehalten, erfolgreich zu sein. Wie die 26-Jährige das geschafft hat, erzählt sie hier. 

Während meiner Schulzeit dachte ich immer: Ich muss Abitur machen, dann stehen mir alle Türen offen. Erst nachher verstand ich, dass das gar nicht so ist.

So wird (nie) was aus dir!

Das Abi ging daneben, mehr als eine 3,6 war nicht drin, oder es hat mit dem Abschluss gar nicht geklappt – das passiert. Nicht wenige schmeißen noch vor dem Schulabschluss hin. Etwa 50.000 Schülerinnen und Schüler verlassen im Jahr die Schule ganz ohne Abschluss (Spiegel Online). 

Von Eltern oder Lehrern kommen Sprüche wie: "Dann hast du doch keine Perspektive", oder: "Aus dir wird nie was".

Aber auch mit schlechtem Abi oder ohne Abschluss lassen sich berufliche Träume und Ziele verwirklichen. In dieser Serie erzählen uns Menschen, wie sie es geschafft haben, erfolgreich zu sein – obwohl viele es ihnen nie zugetraut haben. 

Mein schulischer – ich nenne ihn mal "Leidensweg" – begann in der achten Klasse. Ich hatte zwei Fünfen im Zeugnis, eigentlich bleibt man damit sitzen. Ich hatte die Chance, mit einer Nachprüfung versetzt zu werden. Während meine Freundinnen die Ferien genossen, lernte ich sechs Wochen Französisch und Mathe. In dem Jahr schaffte ich es noch. 

Im Jahr darauf blieb ich sitzen. Die neunte Klasse musste ich wiederholen.

Ich wechselte die Schule und besuchte ein Mädchengymnasium. Ich hatte keine Lust darauf, diejenige zu sein, die sitzen geblieben war und dann mit den Jüngeren abhängen musste. Dann lieber etwas ganz Neues.

Die neue Schule war direkt die nächste Katastrophe. Besser wurde ich nicht, mehr Lust hatte ich auch nicht. Von den Lehrern hörte ich ständig, dass ich gar nicht dumm sei. Nur stinkfaul. Hausaufgaben machte ich keine, lernen tat ich auch nicht. Ich glaube, dass man sich einfach nur fürs Lernen begeistert, wenn man sich für das Thema interessiert. Die Fächer in der Schule waren mir aber egal.

In manchen Stunden hatte ich regelrecht Panik, dran zu kommen. Manche Lehrer holten immer gerne die an die Tafel, von denen sie wussten, dass sie Probleme hatten. Es war krass, wie ich davon gebrandmarkt wurde: Ich fühlte mich, als würde ich zu nichts genügen.

Nach der zehnten Klasse entschied ich mich, statt des Abiturs das Fachabitur zu machen und wechselte auf ein Wirtschaftsgymnasium. Im ersten Versuch fiel ich durch die Abiturprüfung, es haperte an Mathe und BWL. Dieser Moment, als alle ihre Noten bekamen und sich freuten, es geschafft zu haben – und ich saß da mit dem Ausblick, dass ich nach sechs Wochen Sommerferien wieder von vorne anfangen würde.

Ich musste also zum zweiten Mal wiederholen, diesmal die zwölfte Klasse. Ich war total fertig. Auch, weil ich merkte, wie ich langsam von meinem kleinen Bruder eingeholt wurde. 

Weiße Anführungszeichen
Ich war noch immer gefangen in diesem System: fünf Tage die Woche Unterricht.

Ich weiß noch, wie ich am Tag vor dem Schulanfang heulend im Garten saß. Wieder würde ich die Neue in der Klasse sein. Wieder hatte ich Angst, es nicht zu schaffen. 

Ich schaffte es. Im zweiten Anlauf klappte es – wenn auch mit einem ziemlich beschissenen Schnitt. 3,4.

Mir war schnell klar: Damit konnte ich kaum etwas anfangen. Fast alle Studienfächer waren mit einem Zweierschnitt begrenzt, was sollte ich da mit meiner 3,4?

Außerdem hatte ich "nur" ein Fachabitur. Bestimmte Fächer wie Medizin, Lehramt oder Jura waren damit raus. 

Was ich damals verstand: "Mit einem Abitur kannst du machen was du willst", das stimmt so nicht. Viele Türen bleiben zu, auch mit Abitur. 

Aber viel wichtiger: Für sehr viele Dinge hätte ich gar kein Abitur gebraucht. Meine Ausbildung zum Beispiel. Die hätte ich genauso gut ein paar Jahre früher machen können. Ohne mich ein zweites Mal durch die Abiprüfungen zu quälen.

Ich wusste zunächst gar nicht, für was ich mich hätte bewerben sollen. Ich wusste nicht, was meine Interessen sind, oder Stärken.

Ich jobbte also in der Kanzlei meiner Mutter, sie ist Steuerberaterin. Irgendwann entschied ich, dass ich dasselbe machen wollte.

Ich war froh über diese Entscheidung. Ich machte eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten. Die Arbeit ist etwas Grundsolides, ich finde gut, dass ich das damals gemacht habe.

Trotzdem hatte ich bald das Gefühl, in diesem 9-to-5-Job gefangen zu sein. Ich bin ein Wirbelwind, mir fehlte das Kreative. Mir wurde klar, dass ich das nicht bis zur Rente weitermachen kann.

Ich hatte in der Schule zwar nie gute Noten – aber eine Sache mochte ich an der Zeit: die Menschen. Ich war immer schon gut darin, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Das begriff ich aber erst später. 

Bei der Arbeit in der Kanzlei stand ich eines Tages mit Kollegen in der Küche, wir philosophierten über die Liebe. Ich steigerte mich in einen Monolog hinein, sagte, dass die Liebe der kleinste gemeinsame Nenner von allen ist. Meine Kollegen sagten damals eher scherzhaft, an mir sei eine gute Standesbeamtin verloren gegangen.

Weiße Anführungszeichen
Meine Kollegen sagten damals eher scherzhaft, an mir sei eine gute Standesbeamtin verloren gegangen.

So kam ich auf die Idee, Rednerin für Hochzeiten zu werden. Ich begann zu recherchieren, wie man ein Unternehmen aufbaut. Ich bastelte eine eigene Webseite, grübelte über einen Namen, entschied mich für "ein Nenner Liebe". Ich holte mir Hilfe von Marketingexperten, machte Sprechübungen. Ich las viele Bücher über die Liebe. Wie sie in anderen Ländern gelebt wird, welche Rituale es gibt.

Heute habe ich ein eigenes Unternehmen. Man kann mich buchen. Meine Reden sind ein Angebot für die, die eine Alternative zum Pfarrer suchen. Menschen, die zum zweiten Mal heiraten und das in der Kirche nicht dürfen, Schwule und Lesben, Paare aus unterschiedlichen Kulturen. 

Ich will einen feierlichen Rahmen für diese Paare schaffen, in dieser Stunde soll der Fokus nur auf ihnen liegen. Nach meinen bisherigen Reden kamen auch andere Hochzeitsgäste auf mich zu und sagten, dass sie etwas für sich daraus mitgenommen hätten. Das war das schönste Feedback für mich.

Ich weiß noch, was für ein Gefühl das war, als meine Website online ging. Zum ersten Mal hatte ich etwas gefunden, das wirklich mein Ding war. Ich hatte dafür hart gearbeitet, ein Start-Up gegründet – und es funktioniert. 


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