Bild: Maja Hitij / dpa
Was ist passiert?

Dutzende Frauen haben wegen Diebstahls und sexuellen Übergriffen Anzeige erstattet. Sie sollen in der Silvesternacht von mehreren Männern bedrängt und bestohlen worden sein, die Zahl der Täter ist derzeit noch nicht zu ermitteln.

Insgesamt hatten sich laut Polizeipräsident Wolfgang Albers etwa tausend Männer auf dem Bahnhofsvorplatz versammelt. Aus der Gruppe heraus seien auf dem Platz Feiernde mit Feuerwerkskörpern attackiert worden.

Zwischen Mitternacht und 4 Uhr morgens sollen die Übergriffe auf Frauen passiert sein. "Es hat [am Hauptbahnhof] in sehr hoher Anzahl Sexualdelikte gegeben, auch in sehr massiver Form", sagte der Polizeipräsident Albers. Auch Handys, Handtaschen und Geldbörsen sollen gestohlen worden sein. Mehrere Opfer gaben zu Protokoll, Gruppen von Männern hätten sie umzingelt. Die mutmaßlichen Täter sollen im Alter von 15 bis 35 Jahren gewesen sein. Wie viele Männer insgesamt an den Übergriffen beteiligt waren, ist bislang unklar. (SPIEGEL ONLINE)

Wie viele sind betroffen?

Am Montag lagen den Ermittlern 60 Anzeigen vor. Bis Dienstag seien 90 Anzeigen eingegangen, sagte ein Polizeisprecher am Dienstag, zum Teil gehe es um Taschendiebstähle, zum Teil um sexuelle Übergriffe, darunter eine Vergewaltigung. Die Polizei vermutet, dass sich noch mehr Opfer melden könnten. Im Zusammenhang mit diesen Vorfällen habe es noch keine Festnahmen gegeben.

Was ist noch unklar?

Bislang gab die Polizei bekannt, dass die mutmaßlichen Täter "überwiegend aus dem nordafrikanischen beziehungsweise arabischen Raum" stammen sollen. Zu der genauen Identität der Täter haben die Beamten noch nichts gesagt. Viele glauben nun, dass es sich um Flüchtlinge handelt, das ist allerdings nicht belegt. Auch in den sozialen Medien wird dies nun heftig diskutiert. (SPIEGEL ONLINE)

Wie genau sich die Übergriffe abgespielt haben, ist ebenfalls nicht klar. Die mutmaßlichen Täter sollen im Getümmel Frauen angefasst und bestohlen haben. Da immer mehr Anzeigen eingehen, kann auch das genaue Ausmaß noch nicht abgeschätzt werden.

Was berichten Zeugen?

Gegenüber SPIEGEL ONLINE erzählen Augenzeugen von ihren Erlebnissen. Besucherin Anne, 27, wollte mit ihrem Freund in der Kölner Altstadt feiern. Schon beim ersten Schritt aus dem Kölner Hauptbahnhof sei sie von den Menschenmassen schockiert gewesen: "Der ganze Platz war voll und fast alles nur Männer. Nur noch vereinzelt dazwischen verängstigte Frauen, die angestarrt wurden." Sie sei sich vorgekommen wie auf dem Viehmarkt, und habe sich an ihren Freund geklammert. "Ich kann das kaum beschreiben, ich habe mich einfach nur unwohl gefühlt." Wenig später habe sie "die erste Hand am Hintern gehabt".

"Frauen wurden eingekreist, Leute, die sich einmischen wollten, wurden bedroht", sagte ein Augenzeuge dem Kölner Stadtanzeiger. Eine 60-jährige Frau berichtet der Zeitung, dass sie und eine Freundin mehrfach von Gruppen aus vier bis sechs jungen Männern umkreist wurden. "Die haben versucht, uns anzumachen, wir fühlten uns bedroht", sagt die Frau. Später habe am Bahnhof das "totale Chaos" geherrscht. Viele der jungen Männer seien dort betrunken sehr aggressiv geworden, es sei zu Schlägereien gekommen.

Wie hat sich die Berichterstattung entwickelt?

Am Neujahrsmorgen schrieb die Kölner Polizei in einer Pressemitteilung: "Wie im Vorjahr verliefen die meisten Silvesterfeierlichkeiten auf den Rheinbrücken, in der Kölner Innenstadt und in Leverkusen friedlich." Den Bahnhofsvorplatz erwähnte die Polizei auch: "Um eine Massenpanik durch Zünden von pyrotechnischer Munition bei den circa 1000 Feiernden zu verhindern, begannen die Beamten kurzfristig die Platzfläche zu räumen."

In Kölner Lokalmedien hingegen gab es bereits am Neujahrstag erste Berichte zu sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht. Das ganze Ausmaß war zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt. Am späten Samstagnachmittag sprach die Polizei in einer Mitteilung von knapp 30 Betroffenen und Tätergruppen von bis zu 20 Personen. Am Sonntag schilderte ein namentlich nicht genannter Polizist im "Kölner Express" dramatische Ereignisse.

Eine offizielle Bestätigung war am Montagvormittag von der Polizei nicht zu bekommen, sie verwies auf die Pressekonferenz um 14 Uhr. Dort wurde das ganze Ausmaß deutlich: Im Laufe der Tage waren 60 Anzeigen eingegangen, der Polizeipräsident sprach von "Straftaten einer völlig neuen Dimension". Oberbürgermeisterin Reker kündigte ein Krisentreffen mit den Behörden der Stadt an, überregionale Medien berichteten prominent über den Fall. Inzwischen hat er auch die Bundespolitik erreicht: Justizminister Maas sprach von "feigen und abscheulichen" Übergriffen. (SPIEGEL ONLINE)

Gab es auch Übergriffe in anderen Städten?

Der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Nordrhein-Westfalen Arnold Plickert sagte dem Radiosender SWRinfo, dass aus Hamburg und Stuttgart ähnliche Vorfälle gemeldet worden seien, allerdings in geringerem Ausmaß. In Hamburg ermittelt die Polizei bisher in 27 Fällen: Die jungen Frauen seien in der Silvesternacht auf der Reeperbahn jeweils von mehreren Männern umringt, an der Brust oder im Intimbereich angefasst und beklaut worden, sagte ein Polizeisprecher. Ein solches Phänomen beobachte man zum ersten Mal. (SPIEGEL ONLINE, NDR)

Wie geht es jetzt weiter?

Die Kölner Polizei bemüht sich im Moment um die Aufklärung der Fälle. Unter anderem werden Handyvideos und Material aus Überwachungskameras ausgewertet. Die eigens gegründete Ermittlungsgruppe "Neujahr" wird weiter aufgestockt. (Tagesschau)

Am Dienstag kam die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) mit weiteren Vertretern von Stadt, Polizei und Bundespolizei zu einem Krisentreffen zusammen. Das Ergebnis: Die Stadt will ihre Sicherheitsvorkehrungen für Großveranstaltungen deutlich verschärfen. Zu den Sofortmaßnahmen zählen eine erhöhte Polizeipräsenz bei Veranstaltungen und der Einsatz von uniformierten und zivilen Sicherheitskräften. Außerdem soll zeitweise eine mobile Videoüberwachung für einen besseren Blick von oben sorgen. Es soll zudem geprüft werden, ob gegen polizeibekannte Taschendiebe gegebenenfalls sogenannte "Bereichsbetretungsverbote" ausgesprochen werden können. (SPIEGEL ONLINE)