"Normale" Mädchen empfinden schließlich keine sexuelle Lust.

Sex ist nur zur Fortpflanzung da. Masturbation macht süchtig. Frauen wollen Liebe, Männer wollen Sex.

Solche Vorstellungen von Sex zu überwinden, hat Jahrhunderte gedauert. In der Schweiz möchte eine Stiftung jetzt dafür sorgen, dass sie zurückkommen – indem sie Schulen lustfeindliche Aufklärungsbücher für Kinder anbietet.

"Zukunft CH" ist eine christlich-konservativ geprägte, gemeinnützige Stiftung, die nach eigenen Angaben "besorgt um die Zukunft der Schweiz" ist. Eine ihrer Sorgen scheint zu sein, dass nachwachsende Generationen zu viel Spaß an Sex haben, und darüber wichtigere Dinge (zum Beispiel weitere Schweizerinnen und Schweizer zu zeugen oder die Wirtschaft auf Vordermann zu bringen) vergessen. 

4000 Werbe-Aussendungen an Schulen hat die Stiftung herausgeschickt für ihr neues Lehrbuch. "Powergirls und starke Kerle" heißt es. Und vor allem die Powergirls haben in diesen Lehrmaterialien nicht so viel zu lachen. (Tagesanzeiger)

Auf der Website der Stiftung ist zu lesen, welches Bild von weiblicher Sexualität in den Büchern vermitteln wird. 

Dort stehen Sätze wie:

  • "Mädchen 'ticken' beziehungsorientiert": Aufklärungsbücher sollten sich den Fokus deshalb auf die "liebevolle Beziehung zwischen Mann und Frau" legen, und nicht auf "Stellungen oder Verhütung".
  • "Mädchen möchten sich als schön und 'begehrenswert' erleben".
  • "Mädchen werden durch explizit sexuelle Bilder abgeschreckt": Auf "gesunde" Mädchen hätten solche Bilder eine abschreckende Wirkung.

Letzteres ist dann wohl auch der Grund dafür, dass bei den anatomischen Zeichnungen ein Punkt ausgelassen wird:

In dem Aufklärungsbuch für Mädchen kommt die Klitoris, das weibliche Lustorgan, überhaupt nicht vor.

Eine Grafik zeigt zwar Uterus, Vagina und Schamlippen – die Klitoris wird jedoch mit keinem Wort erwähnt.

Auch ansonsten kommen schöne Seiten von Sexualität kaum vor – dafür aber umso mehr Gefahren. "Selbstbefriedigung führt in Abhängigkeit", heißt es da, bei Pornografie würden Menschen "benutzt und ausgebeutet", und "Sex haben ist nicht für Kinder oder Teenager gedacht, sondern gehört ins Reich der Erwachsenen“.

Nach Angaben der Stiftung haben schon 300 Schulen die Lehrmaterialien bestellt

Bei Expertinnen und Experten löst das Sorge aus.

Insbesondere der nationale Dachverband "Sexuelle Gesundheit Schweiz" warnt vor den Lehrmaterialien. Deshalb hat die Organisation einen Brief an die Zürcher Regierungsrätin Silvia Steiner geschrieben, die der Bildungsdirektion vorsteht.

Das Schulbuch widerspreche der menschenrechtsbasierten Sexualaufklärung, heißt es in dem Schreiben. Außerdem enthalte es nicht alle Themenbereiche des Lehrplans. Den Dachverband stört vor allem, dass positive Seiten von Sex nicht erwähnt werden, das Buch stattdessen "lustfeindlich" sei. "Eine ganzheitliche Sexualaufklärung enthält den Lustaspekt, also Sexualität als etwas Schönes, als etwas Positives", so Annelies Steiner von Sexuelle Gesundheit Schweiz gegenüber der taz.

Ob die Warnungen etwas bewirken, ist allerdings nicht abzusehen.

Die Kantone (ähnlich deutschen Bundesländern) können sich die Lehrmittel für ihre Schulen selbst aussuchen

Bleibt zu hoffen, dass es an den verantwortlichen Stellen genug Menschen gibt, denen auffällt, dass Schulbücher wie dieses nicht in Klassenzimmer, sondern nur in die Vergangenheit gehören.


Gerechtigkeit

WhatsApp hat jetzt Sticker – und Nazis haben die Funktion gleich mal missbraucht
Wo sie herkommen – und was WhatsApp tun will.

WhatsApp möchte bunter werden. Aber wird zunächst erst mal: braun. Der Messenger-App hat vor kurzem Sticker eingeführt. Alle Nutzerinnen und Nutzer können nun Bildchen im Chat verschicken – aber auch eigene erstellen und in das WhatsApp-System laden.

Die ersten, die sich die WhatsApp-Sticker zunutze machten: Rechtsextreme.

In der App sind verfassungswidrige Symbole wie Hakenkreuze und SS-Runen aufgetaucht. Auch Hitler-Bildchen und Piktogramme vom Konzentrationslager Auschwitz gibt es. Das Jüdische Forum hat den Missbrauch auf Twitter aufgedeckt: