Ein gutes berufliches Netzwerk zu knüpfen, fällt nicht jedem leicht. Gerade schüchterne und zurückhaltende Personen kostet es Überwindung, auf andere zuzugehen, sich vorzustellen und zu sagen: Hallo, hast du vielleicht fünf Minuten Zeit? Ich finde dein Projekt interessant. 

Gleichzeitig sind gute Kontakte beim Berufseinstieg oder für den Jobwechsel wichtig. Das weiß auch Tijen Onaran. Sie hat ein erfolgreiches Netzwerk nur für Frauen in der Digitalwirtschaft gegründet, das mittlerweile mehr als 20.000 Mitglieder hat. Außerdem hat sie gerade ein Buch zum Thema veröffentlicht: "Die Netzwerkbibel". 

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"Die Netzwerkbibel" von Tijen Onaran. Hier das Buch auf Amazon kaufen. 

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Wir wollten von ihr wissen, wie sich auch schüchterne Menschen ein gutes Netzwerk aufbauen können. 

Extrovertierten Menschen fällt es leichter, ins Gespräch zu kommen. Welche Vorteile können schüchterne Menschen beim Netzwerken haben?

Introvertierte Menschen sind schon deshalb die besseren Netzwerker, weil sie Charaktereigenschaften mitbringen, die es für nachhaltiges Netzwerken braucht. Sie fallen nicht gleich mit der Tür ins Haus oder spielen sich in den Vordergrund. Introvertierte beobachten, stellen Fragen, und haben keine reine Ich-Perspektive. Netzwerken heißt immer: geben und nehmen. Daher sind Introvertierte häufig empathischer – weil sie zurückhaltender sind und sich dreimal überlegen, ob sie eine Frage stellen. 

In deinem Buch schreibst du, man solle unbedingt Networking-Veranstaltungen besuchen und Visitenkarten verteilen. Das fällt aber gerade zurückhaltenden Menschen schwer. 

Es ist wichtig, auch als schüchterner Mensch auf Veranstaltungen die Komfortzone zu verlassen. Setze dir Ziele: Beim ersten Mal reicht es, einfach nur zu einem Vortrag zu gehen und zuzuhören. Beim zweiten Mal kannst du dir vornehmen, jemanden anzusprechen. 

Aber wie mache ich das? Nicht jeder kann Small-Talk. 

Du bist zum Beispiel bei einem Vortrag zum Thema Digitalisierung und möchtest dort Kontakte knüpfen. Dann gehe auf die Leute zu, die eine Rolle an dem Abend haben. Zum Beispiel die Gastgeberin oder Referentinnen und Referenten. Zu denen kannst du leicht eine Verbindung aufbauen, weil du weißt, über welches Thema sie sprechen. Das ist leichter, als auf eine wildfremde Person zuzugehen und über das Wetter sprechen zu müssen – das fällt gerade zurückhaltenden Personen schwer, weil sie gar nicht wissen: Wo soll ich eigentlich anfangen, worüber soll ich sprechen?

Häufig ist es aber ja auch die Nervosität, die einen davon abhält. Gerade, wenn man erfolgreichen Menschen begegnet. Wie legt man das ab?

Der wichtigste Tipp: die Komplexität reduzieren. Für den Geprächseinstieg keine umständliche Frage aussuchen oder einen Monolog vorbereiten. Beides vergisst man womöglich in der Situation sowieso. Besser: sich kurz selbst vorstellen, dann eine knackige Frage formulieren. Und wenn man merkt: Ich werde jetzt richtig nervös, ich verhaspele mich, dann offen sagen: Sorry, ich bin gerade etwas aufgeregt. Ich habe das selbst erlebt. Ich habe Leute auf Veranstaltungen kennengelernt, die sagten: Ich folge dir bei Twitter und Instagram, ich finde großartig, was du machst und wollte dich heute gerne ansprechen, ich bin aber total aufgeregt. Ich als Gegenüber denke dann: Das ist offen und transparent, das macht es mir leicht, auf die andere Person einzugehen – und schon ist ein Gespräch entstanden. 

Folgende Situation: Ich erfahre, dass eine Kommilitonin in einem Unternehmen arbeitet, für das ich auch arbeiten möchte. Wir hatten im Studium kaum miteinander zu tun, ich bin aber über LinkedIn oder Facebook mit ihr verknüpft. Wie spreche ich sie jetzt an, ohne dass sie denkt, ich würde sie nur ausnutzen oder anflirten? 

Das Wichtigste ist, den Grund offen zu kommunizieren. Also zu sagen: "Pass mal auf, ich bin interessiert an einem Job in dem Unternehmen und habe gesehen, dass du dort arbeitest. Meinst du, dass ich mit meinem Lebenslauf eine Chance habe? Oder gibt es gerade Stellen, die ihr ausgeschrieben habt?" Eine konkrete Frage oder Bitte hilft, nicht in der plumpen Anmachecke zu landen. Gleichzeitig bittet man auf diese Weise um Rat, um eine Einschätzung. Das erzeugt bei der anderen Person womöglich das Gefühl: Ah, ich kann und möchte dieser Person helfen. So lässt es sich vermeiden, dass eine Person sich ausgenutzt fühlt. 

Gibt es so etwas wie schlechtes Netzwerken?

Beim Netzwerken kann man sehr viel falsch machen. Warum freuen sich manche Leute, dass sie bei XING 1000 Kontakte haben? Auf Veranstaltungen stelle ich immer wieder fest, dass manche Teilnehmer in ein Gespräch nicht richtig eintauchen können. Sie stellen sich wie bei einer Fast-Food-Kette an, sammeln Visitenkarten, oder holen ihre Smartphones raus und vernetzen sich online. Sie wollen alles so schnell wie möglich mitnehmen. Das ist nicht hilfreich. Diese Kontakte bleiben häufig sehr oberflächlich, wirklich gut kann niemand 1000 XING-Kontakte kennen. Auch nicht, wenn er oder sie einige davon irgendwann einmal auf einer Abendveranstaltung für zwei Minuten getroffen hat. Eine richtige Verbindung kann man zu einer so großen Zahl von Personen nicht aufbauen. 

Also sagst du: Besser wenige Kontakte haben und die dafür gut pflegen?

Richtig. Sieben Kontakte reichen, weil auch die sich wieder multiplizieren. Außerdem ist es wichtig zu wissen, was ich eigentlich von meinem Netzwerk will. Stehe ich noch ganz am Anfang meiner Karriere und geht es mir vielleicht darum, dass ich Mentoren in meinem Netzwerk habe, von denen ich etwas lernen kann? Und wenn ich schon weiter in meiner Karriere bin: Möchte ich einen neuen Job oder in einer ganz anderen Branche arbeiten? Ich muss das Netzwerk meinen Anforderungen entsprechend aufbauen. 

Klingt so, als müsste ich einen Großteil meiner Freizeit fürs Netzwerken opfern.

Es hilft, wenn man es in den Alltag integriert. Du musst nicht jeden Abend auf eine Veranstaltung gehen, um dein Netzwerk zu erweitern. Denk dir Formate aus, die in dein berufliches Leben passen. Ich habe zum Beispiel vor vier Jahren einen Stammtisch gegründet und mich regelmäßig mit mehreren Frauen aus meinem beruflichen Umfeld in einem Berliner Lokal getroffen. Ich hatte festgestellt, dass ich es zeitlich nicht mehr schaffte, mich einzeln mit ihnen zu treffen. Das hatte einen weiteren Vorteil: Sie haben sich auch untereinander kennengelernt. 

Angenommen, ich wüsste jemanden, der mir eigentlich gerade bei der Jobsuche weiterhelfen kann, aber der Kontakt ist eingeschlafen. Was kann ich tun? 

Es hilft, die entstandene Lücke zu thematisieren. Du kannst der Person zum Beispiel in einer Mail schreiben, was in den Jahren passiert ist, in denen der Kontakt fehlte. Dann kann dein Gesprächspartner einordnen, warum du dich nicht gemeldet hast. 

Was ist der größte Vorteil an einem funktionierenden Netzwerk?

Ein starkes Netzwerk hilft dir, unabhängig von deinem Job zu werden. Diese innere Unabhängigkeit hilft dir wiederum, deine Leistung entspannter anzugehen. Netzwerken bedeutet für mich: Freiheit und Unabhängigkeit. Egal ob angestellt oder selbstständig. 

Besonders dankbar war ich für mein Netzwerk, als ich mich selbstständig gemacht habe: Die Personen haben schon vorher gesehen, wie ich arbeite. Ich habe immer erzählt, was ich mache, wo ich erfolgreich bin und wo nicht. Ein gutes Netzwerk zeigt sich in der Krise. Dann siehst du, wer wirklich an deiner Seite steht und wer nur da ist, wenn du Erfolg hast.

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Fühlen

Mein Freund will, dass ich auf ihn höre, er schlägt mich. Was soll ich tun?
Unsere Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet.

Wiebke, 22, fragt:

Ich bin seit Kurzem mit meinem Freund zusammen, eigentlich war am Anfang alles sehr schön. Er war total lieb zu mir, ich habe mich sehr sicher bei ihm gefühlt. Jetzt ist er plötzlich ganz anders: Er wird schnell sauer. Wenn ich nicht das gemacht habe, was er will, hat er mich geschlagen und beleidigt. Er will, dass ich auf ihn höre. Jetzt hat er mir sogar verboten, mich mit meinen Kumpels zu treffen. Er sagt, wenn ich etwas mit anderen Männern unternehme, macht er Schluss. Ich weiß nicht, was ich tun soll – es macht mich langsam kaputt.