Bild: Getty Images / Rob Stothard
Erstmals in der Geschichte wird die britische Hauptstadt einen muslimischen Bürgermeister bekommen.

Es dauerte bis nach Mitternacht, bis Sadiq Khan seine Siegesrede halten konnte. Ein "ernster Fehler bei der Auszählung" hatte die Wahlbehörde zögern lassen, den Labour-Politiker zum künftigen Bürgermeister Londons zu erklären. Dabei war es nicht mal knapp gewesen: Mehr als 300.000 Stimmen Vorsprung hatte Khan am Ende vor seinem konservativen Kontrahenten Zac Goldsmith.

Es war das Duell der Ungleichen: der Sohn eines pakistanischen Busfahrers gegen den Sohn eines Milliardärs. Nur in London kann ein Underdog wie Sadiq Khan gewinnen. "Ich verspreche ein Bürgermeister für alle Londoner zu sein", sagte Khan in der Nacht.

Erstmals in der Geschichte wird die britische Hauptstadt einen muslimischen Bürgermeister bekommen, als erste Hauptstadt in Europa überhaupt – und das in einer Zeit, in der in vielen Ländern des Kontinents der Fremden- und Islamhass bedrohliche Ausmaße annimmt.

Darauf hatten auch die Strategen von Goldsmith gesetzt: Mit rassistischen Untertönen versuchten sie, Stimmung gegen den Labour-Konkurrenten zu machen. Selbst seine Arbeit als Menschenrechtsanwalt war Khan als Unterstützung von Terroristen vorgeworfen worden. Offenbar vergeblich.

Die Bürgermeister-Wahl zeigt, dass London liberaler, schlauer, toleranter ist, als die Schlammwerfer der Konservativen wahrhaben wollten. Die britische Hauptstadt spielt auch hier eine Vorreiterrolle in Europa, Khans Wahlsieg öffnet Einwanderern der zweiten Generation die Tür zu politischen Spitzenämtern.

Khans Geschichte handelt von dem Ehrgeiz und dem Aufstiegswillen eines Arbeitersohns, sie ähnelt der vieler Immigrantenfamilien.

Er wurde in Tooting geboren, im Südwesten der Hauptstadt, als fünftes von acht Kindern. Khans Eltern stammen aus Pakistan, sein Vater steuerte in London den Bus der Linie 44, seine Mutter arbeitete als Näherin. In seiner Dankesrede erzählte Khan von der "Sozialwohnung, wenige Meilen von hier", in der ihn seine Eltern aufgezogen haben.

Wie die meisten Immigranten konnte sich die Familie eine private Ausbildung nicht leisten, ihr Sohn besuchte staatliche Schulen. Später studierte er Jura, arbeitete sich nach oben und praktizierte als Anwalt, bevor er 2005 Labour-Abgeordneter wurde.

Im Rathaus warten schwierige Aufgaben auf Khan. Er muss die notorische Wohnungsnot in der Stadt lindern, die wachsende Ungerechtigkeit zwischen arm und reich bekämpfen, sowie eine Acht-Millionen-Metropole nach außen vertreten. Und das, obwohl er kaum etwas zu sagen hat. Als Londoner Bürgermeister verfügt er zwar über ein 16 Milliarden Pfund großes Budget, hat aber abgesehen von der Aufsicht über Polizei, Verkehr und größere Bauprojekte wenig Spielraum.

(Bild: Getty Images / Peter Macdiarmid)

Sein Vorgänger Boris Johnson nutzte die repräsentative Rolle zur Selbstdarstellung, Khan wird eher ein leiser Bürgermeister werden. Für London wäre das nach den turbulenten Johnson-Jahren durchaus erholsam. Unter anderem hat Kahn zugesichert, die Preise für Bus- und U-Bahn-Tickets vier Jahre lang stabil zu halten, was besonders Pendlern und ärmeren Familien zugute kommt.

Auch die Europäer können vorerst aufatmen.

Khan hat immer wieder betont, dass ein EU-Austritt für London eine wirtschaftliche Katastrophe sei – noch ein Unterschied zu Goldsmith, einem Brexit-Befürworter. London hat mit der Wahl daher zugleich ein wichtiges Signal für das EU-Referendum am 23. Juni gesetzt. Die Chancen stehen zumindest nicht schlecht, dass die Hauptstadt eher europafreundlich gesonnen ist.

Die Haltung wird allerdings nicht überall im Land geteilt. Bei Wahlen in Wales konnte die europafeindliche Unabhängigkeitspartei Ukip sieben Mandate für das Regionalparlament in Cardiff erringen. Ukip wurde damit aus dem Stand zur viertstärksten Partei im Westen der Insel. Auch bei den Lokalwahlen in England, die gleichzeitig stattfanden, legte Ukip zu.

Die beiden Überraschungen des Wahltages kommen allerdings aus Schottland.
  1. Die Schottische Nationalpartei von Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon konnte wider Erwarten ihre absolute Mehrheit nicht verteidigen. Sturgeon muss jetzt eine Minderheitsregierung bilden. Das wird auch der Debatte um ein neues Unabhängigkeits-Referendum im Norden einen Dämpfer geben.
  2. Labour wurde in Schottland von den Konservativen auf den dritten Platz verdrängt. Das ist nicht nur eine kleine Katastrophe für den Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn, der zugleich mit ansehen musste, wie seine Partei in England nicht über das Ergebnis der vorigen Lokalwahl hinauskam. Zwar liegt Labour landesweit gerechnet leicht vor den Tories, um etwa einen Prozentpunkt. Den Druck wird Corbyn damit aber nicht los, seiner Partei endlich den ersehnten Kraftschub zu verpassen.

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

Mehr zum Thema


Trip

Sport weltweit: Wie hart schwitzt man in anderen Städten?
Wir haben in Barcelona, Buenos Aires, Tel Aviv, Moskau, Shanghai und Beirut geschaut, wie man dort am besten Sport machen kann.
Barcelona: Berglauf zur besten Aussicht