Bild: Daniel Cruz/ Resurrection Fest Estrella Galicia / dpa
Wir haben mit David Lebuser, Ex-Weltmeister im Rollstuhl-Skaten, über das Foto des Sommers gesprochen.

Das Bild des 19-jährigen Alex Dominguez auf dem Festival "Resurrection" begeistert gerade Menschen weltweit (SPIEGEL ONLINE). Darauf zu sehen: Alex in seinem Rollstuhl, die Arme nach oben gereckt, wie er von den Zuschauern über die Menge gehoben wird. Der spanische Jurastudent ist an Zerebralparese erkrankt und sitzt seit seiner Kindheit im Rollstuhl. 

Die Metalband "Arch Enemy" hatte ein Video der Aktion geteilt, das innerhalb weniger Tage schon mehr als 1,5 Millionen mal angesehen wurde:

Medien berichteten weltweit über die Aktion, das Bild von Alex wird als das Foto des Sommers gehandelt. Dabei sind Rollstuhl-Crowdsurfer keine Seltenheit. Und doch berührt das Foto des feiernden Alex offenbar sehr viele Menschen: In den Social-Media-Kommentaren sprechen viele von Zusammenhalt, Solidarität und Liebe. 

Wir haben einen leidenschaftlichen Rollstuhl-Crowdsurfer gefragt, wie er die Aufmerksamkeit für das Foto findet, was er von übergriffigen Betrunkenen hält und warum es in Fußballstadien Rollstuhlgettos gibt.

(Bild: David Lebuser / Privat)

David Lebuser ist 32, war 2014 Weltmeister im Rollstuhlskaten (Kategorie "Best overall run") und ist fast jede Woche auf Konzerten.

David, was hast du gedacht, als du das Bild des crowdsurfenden Alex gesehen hast?

David Lebuser: "Erstmal ist das super, ich freue mich über jedes Foto dieser Art. Als ich zum ersten Mal im Rollstuhl crowdsurfen war, war das für mich zwar suspekt, weil ich – anders als im Skatepark – kaum Kontrolle hatte. Aber ich bin schon vor meiner Lähmung auf Rock- und Punkkonzerten über die Menge gesurft. Für mich ist das, wie für viele andere auch, einfach ein Teil des Konzerterlebnisses!"

Du bist allerdings auch Profisportler. Ist es generell nicht deutlich gefährlicher, mit einem Rollstuhl zu crowdsurfen als wenn Fußgänger es tun?

"Klar, für beide Seiten: Es gibt viele Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer, die sich nicht so gut festhalten können, beispielsweise weil sie höhere Lähmungen haben. Wenn man nach vorne getragen wird und Menschen einen nicht kommen sehen, kann man sie außerdem mit der Fußraste am Kopf treffen. Im Fall von Alex war es offenbar ein Elektro-Rollstuhl, die wiegen einiges.

„Andererseits: Wenn ein 120-Kilo-Kerl auf der Crowd surfen kann, kann ich das auch.“

Ein Trick: Ich lasse mich beim Surfen gerne nach hinten auf den Rücken fallen. Das kann fast jeder und man hat sofort viel besseres Gleichgewicht und kann keinen mehr mit der Fußraste verletzen." 

Manche Konzerthallen, Sportarenen und Festivals erlauben Rollstühle kategorisch gar nicht. Warum?

"Oft sind die Locations einfach nicht barrierefrei. Die Bundesregierung hat 2016 im neuen Behindertengleichstellungsgesetz die Privatwirtschaft von der Verpflichtung ausgenommen, barrierefrei sein zu müssen. Wenn also auch nur eine einzige Stufe am Notausgang ist, kann der Hallenbetreiber Rollstuhlfahrer einfach komplett ausschließen, anstatt die Stufe mit einer Rampe zu versehen. Hier in Hamburg gibt es so einen Club, da ärgern ich und meine Freundin uns regelmäßig über diesen ignoranten Ausschluss. Andere wissen, dass sie zwar gegen den BRandschutz verstoßen, lassen uns aber trotz fehlender Barrierefreiheit mittanzen." 

Und was ist mit den speziellen Rollstuhltribünen? Taugen die nichts? 

„Bei manchen Veranstaltungen gibt es richtige Rollstuhlgettos, wo alle auf einer Tribüne stehen müssen.“

"Inklusion ist das nicht. Das ist schon allein deshalb Mist, weil meist nur ein Begleiter mitkommen darf. Wenn ich mit einer Gruppe Freunden feiern will, stehen die also woanders. Bei den Fußgängern wollen ja auch manche lieber an der Bar stehen, andere wollen in die erste Reihe und wieder andere möchten einen Sitzplatz auf den Rängen. All das können sie selbst entscheiden – genau wie die Frage, ob sie im Raucher- oder Nichtraucherberech sein wollen, für Alkoholiker gibt es in vielen Stadien einen Bereich ohne Alkohol, es gibt Fankurven und Kinderbereiche. 

Als Rollstuhlfahrer wirst du hingegen auf ein Merkmal reduziert und musst in 'deinen' Bereich. Ich setze mich gerne darüber hinweg. Ich gehe nicht auf ein Konzert, um in der Ferne auf der Tribüne zu sitzen, da kann ich mir auch die DVD kaufen. Ich will das Konzert fühlen und in der Menge mittanzen."

Wie reagieren die Securities und Bands, wenn sie dich in der Menge sehen? 

"Kürzlich beim Konzert der Interrupters wollte ich in den Innenraum und das Konzert wurde gestoppt, weil mir ein Sicherheitsmann den Zugang versperrte. Die Band nahm wohl irritiert an, ich müsste gerettet werden. Die Sängerin hielt mir sogar das Mikro hin und ich rief so etwas wie 'They don’t let me dance...'. 

Ich habe dann so getan, als ob ich auf Klo muss und bin von hinten ungesehen rein, habe eine Weile gemosht und getanzt. Dann bin ich nach oben zum Crowdsurfen und wurde gefeiert! Die Band sagte sogar etwas wie 'He made it!' Das fühlte sich ziemlich gut an."

Auf einem Festival haben wir mal erlebt, dass Betrunkene einen Rollstuhlfahrer mehrfach gegen seinen Willen auf die Menge hoben. 

"Ja, das passiert öfters. Die kommen an und denken sich:

„Dem verpassen wir die besten fünf Minuten seines Lebens!“

Ich schaue mir die dann an und wimmle sie ab, wenn sie zu betrunken oder Hänflinge sind. Wenn sie zu übergriffig werden, schubse ich sie auch schon mal weg. 

Einmal habe ich zwei nicht kommen sehen, die haben meinen Rollstuhl dann idiotischerweise an den Rädern angefasst. Der Stuhl drehte sich natürlich nur und ich lag auf dem Boden. Ich habe ihnen dann erklärt, dass ich erst die Bremsen anziehen muss, damit so etwas klappt. Das war denen extrem peinlich. 

Manchmal ist es auch andersrum, da will ich gerne hochgehoben werden und die Leute gucken mich mit großen Augen an." 

Was wäre also das beste Verhalten? 

"Ganz einfach: Wenn ein Rollstuhlfahrer crowdsurfen werden will, wird er das schon signalisieren. Ansonsten fragt vorher nach! Manche haben eine Sprachbehinderung und können sich nicht verbal wehren, wenn man sie einfach hochhebt. Wenn man sich nicht gut versteht, wartet man lieber eine Songpause ab."

Danke für das Gespräch! 

Die gute Nachricht: Im Fall von Metal-Fan Alex Dominguez auf dem spanischen "Resurrection"-Festival lief alles mit Einverständnis, wie er im Interview mit der spanischen "Huffington Post" verriet. 

„Es war ein Energieschub, Adrenalin, Aufregung, Freude, Glück. Ein wahr gewordener Traum, den ich schon lange hatte. Du fühlst dich als seist du Gott!"“

Style

17 Sommerteile für das Büro und die Arbeit

Wer nicht das Glück hat, in einem vollklimatisierten Büro zu arbeiten, hat im Sommer manchmal ein paar Fragezeichen über dem Kopf, wenn er oder sie vor dem Kleiderschrank steht: Dir fällt auf, dass das Kleid, dass du anziehen wolltest, ziemlich durchsichtig ist, wenn du im Licht stehst. Aber das einzige T-Shirt, das bürotauglich wäre, ist in der Wäsche. Als Vorbereitung auf die nächste Hitzewelle: