Bild: Matthias Nareyek/Getty Images for Turner
Der Entertainer im Interview über Hass – online und offline

Riccardo Simonetti kennen viele wegen seiner langen, glänzenden Haare und glitzernden Outfits. Auf seinen Instagram-Fotos präsentiert sich der Influencer glamourös – in seinen Storys sieht man ihn dann auch mal im Jogginganzug.

Mit 225.000 Followern bei Instagram zählt Riccardo zwar noch nicht zur Social-Media-Elite, trotzdem wohnt er mittlerweile auf dem Roten Teppich, ist Dauergast in Fernsehshows und Autor zweier Bücher. Das deutsche Forbes-Magazin wählte ihn in diesem Jahr zu einem der 30 einflussreichsten Menschen unter 30.

Der 26-Jährige war allerdings nicht immer so beliebt. Aufgewachsen im konservativen Bad Reichenhall, musste er als "schwuler Junge in der bayrischen Provinz" hart einstecken, sagt er. Heute lebt und arbeitet er in Berlin und setzt sich derzeit bei der Kampagne "Team Buddy" von Cartoon Network gegen Mobbing ein.

Im Interview erzählt Riccardo Simonetti, warum er sein Zuhause verlassen musste – und seine Heimat ihm trotzdem hilft, sich selbst treu zu bleiben.

bento: Unter deinen Bildern auf Instagram findet man oft beleidigende Kommentare. Warum zeigst du fast dein gesamtes Leben online, obwohl dir dort so viel Hass entgegenschlägt?

Riccardo Simonetti: Das Netz besteht ja zum Glück nicht nur aus Hass. Ganz im Gegenteil: Die Leute, die früher allein waren mit dem Hass gegen sie, lernen durch das Internet Menschen kennen, die so sind wie sie. Außerdem haben sie dort den Zugang zu Vorbildern, mit denen sie sich auch wirklich identifizieren können. Die gab es früher im Fernsehen gar nicht. Mir schreiben immer wieder Leute auf Instagram, dass ich ihnen helfe, ihre Realität zu ertragen.

(Bild: Matthias Nareyek/Getty Images for Turner)

bento: Macht dir der Hass, der online sichtbar wird, nicht trotzdem auch Angst?

Riccardo: Was mir Angst macht, ist, wie das Internet die Umgangsformen im echten Leben beeinflusst. Es gibt die Mentalität, dass man online sagen kann, was man will. Weil es keine direkten Konsequenzen hat und man nicht mitbekommt, wenn es die Person gegenüber verletzt. Und weil sich das online so normal anfühlt, verschiebt sich auch die Schamgrenze auf der Straße und im Bus.

bento: Ich habe gelesen, dass du mal von deinen Klassenkameraden angezündet wurdest. Spricht eigentlich dafür, dass es früher nicht unbedingt besser war.

Riccardo: Ja, das stimmt. Ich wurde jeden Tag verprügelt, beschimpft und bespuckt. Aber das war ja nicht der normale Umgang, sondern gezieltes Mobbing gegen eine bestimmte Person. Ich wurde gemobbt, weil ich anders war, als die Gesellschaft es erwartet hat, und weil ich mich nicht angepasst habe. Ich war ein 14-jähriger Junge, der Kleider anprobiert und Make-up aufgetragen hat.

Ich wäre damals unglaublich dankbar gewesen, wenn es jemanden gegeben hätte, der über solche Themen öffentlich spricht. Deshalb mache ich jetzt auch bei der Anti-Mobbing-Kampagne mit. Dort werden nicht nur die Opfer von Mobbing informiert, was sie tun können, sondern es wird auch den Mobbern gezeigt, welche Folgen ihre Taten haben. Die meisten von ihnen sind sich gar nicht bewusst darüber, dass sie der Bösewicht sind.

bento: Hast du dich wegen der Anfeindungen verändert?

Riccardo: Nein, ich war früher genauso wie jetzt. Ich wollte mich nie anpassen und lieber das unterstreichen, was mich anders macht. Ich habe mir auch schon immer gewünscht, ein Star zu sein, weil ich Einfluss auf unsere Gesellschaft haben wollte. Ich wollte ein Vorbild sein. Heute werde ich für die Dinge geliebt, für die ich vorher ausgegrenzt wurde. Ich bin froh, dass Individualität immer mehr gefeiert wird.

bento: In deinem Berliner Umfeld mag Individualität ein Vorteil sein. Ein Junge im Glitzeranzug hätte es fernab der Entertainment-Branche aber vermutlich noch immer schwer.

Riccardo: Mit Sicherheit ist das noch nicht überall gleichermaßen angekommen. Nicht jeder hat das Privileg, wie ich in eine Großstadt zu ziehen und mit seinem Anderssein bekannt zu werden. Und nicht jeder will das. Es gibt viele Menschen, die in ihrer Heimat bleiben wollen.

Auch das kann aber eine Chance sein, seinem Umfeld zu zeigen, dass es okay ist, anders zu sein. Ich habe den größten Respekt vor jedem, der in einer ländlichen Gegend sein wahres Ich auslebt. Wir sollten uns nicht erst zeigen dürfen, wenn wir wegziehen oder im Urlaub sind.

bento: Wie ist es, wenn du heute den Menschen begegnest, die dich damals fertig gemacht haben?

Riccardo: Wenn ich in meine Heimatstadt reise, werde ich gefeiert wie ein Nationalheld. Das ist ein tolles Gefühl. Aber ich weiß, dass die Leute nicht so mit mir umgehen würden, wenn ich in der Stadt geblieben und ein Englischlehrer geworden wäre, der in Glitzeranzügen ihre Kinder unterrichtet.

Bisher haben sich nur zwei Leute bei mir entschuldigt, obwohl sehr viele involviert waren und mir schlimme Dinge angetan haben.

Manchmal kommt jemand von früher zu mir und sagt sowas wie "Hey Riccardo, ich finde es so toll, was du alles erreicht hast. Früher habe ich dich für 'ne dumme Schwuchtel gehalten." Ich weiß nicht, in was für einer Welt die leben – aber für mich ist das kein Kompliment. Das ist aber auch etwas, das mich am Boden hält. Solange ich solche Erfahrungen mache, vergesse ich nie, wofür ich meine Stimme einsetzen möchte: Für eine offene Gesellschaft, in der jeder akzeptiert wird, wie er ist. 

bento: Und dafür ist Instagram, das mit seinen Beauty-Filtern als oberflächlichstes Netzwerk gilt, die richtige Plattform?

Riccardo: Viele denken, dass ernste Themen nichts auf Instagram zu suchen haben, aber mir ist das trotzdem wichtig. Wenn meine Follower ein Bild liken, weil sie meine Haare schön finden, ist es ja umso besser, wenn darunter noch etwas gegen Homophobie oder Rassismus steht. Aber wenn alles nur ernst wäre, würden sich viel weniger Menschen für mein Profil interessieren.


Future

Queerer Coworking Space: "Bei uns kann man auch als Dragqueen auflaufen. Jeder, wie er mag"
Warum gibt es diese Bürogemeinschaft und was wollen die zwei Gründer erreichen?

Die Motzstraße im Berliner Ortsteil Schöneberg ist in der LGBTQ-Community über die Grenzen der Hauptstadt bekannt. Dort findet jeden Sommer das lesbisch-schwule Motzstraßenfest statt, etliche Lokale und Geschäfte unterstützen die Szene. Mittendrin hat vor einigen Wochen ein Coworking Space eröffnet. 

Davon gibt es in Berlin zwar einige, aber während andere Bürogemeinschaften auf Goodies wie Gratis-Getränke oder Yoga-Klassen setzen, geht es bei "Darna" um einen sicheren Arbeitsplatz für die queere Community. Das sagen zumindest die Gründer. Darna heißt auf Altarabisch so viel wie "Unser Zuhause". So versteht der 28-jährige Sharif Altwal auch den Platz, den er zusammen mit seinem Freund Alexander Prill für die Mitglieder geschaffen hat.

Auf den ersten Blick ist das Vorhaben der beiden gelungen. Wer die 150-Quadratmeter große Altbauwohnung betritt, bekommt Hausschuhe mit dem Logo der Firma überreicht. Im Coworking Space herrscht eher Wohnzimmer- als Bürofeeling: Jedes Möbelstück ist aufeinander abgestimmt, indirektes Licht, viele Pflanzen. Die Gründer haben aufwendig renoviert, zum Teil mithilfe der ortsansässigen Community. An den Wänden hängen Bilder, die die Künstlerin Hala Twal aus Jordanien, dem Heimatland von Sharif Altwal, in den vergangenen Wochen angefertigt hat. Ein Kontrast zur glänzenden, perfekten Einrichtung: Auf den Bildern geht es um Diskriminierung, Unterdrückung und den Wunsch, sich selbst ausleben zu dürfen.