Die Türkei hat eine Nacht des Grauens hinter sich: Freitagabend hatten Teile des Militärs versucht, gegen die Regierung zu putschen. Danach herrschte Chaos im Land.

Erdogan-Anhänger überrannten und entwaffneten nach und nach das Militär. Inzwischen hat Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan den Versuch für beendet erklärt. Die Putschisten will er hart bestrafen.

Unser Überblick zum Putschversuch

Bis am frühen Samstagmorgen donnerten Kampfjets über Istanbul und Ankara. bento-Autor Tobias Schreiner lebt in Istanbul. Er hat Menschen vor Ort gefragt: Wie habt ihr die Nacht erlebt – wie geht es euch jetzt?
(Bild: privat)
Cem, 30, Unternehmensberater

Ich war am Freitagabend mit Freunden in einer Bar in Cihangir, das ist in der Nähe von Taksim. Irgendwann hörten wir Hubschrauber, das kam uns merkwürdig vor. Wir checkten die sozialen Netwerke, lasen erste Gerüchte. Innerhalb von einer Stunde sind die dann Realität geworden. Jeder fuhr so schnell wie möglich nach Hause.

Wir wohnen in der Nähe vom Stadtzentrum und haben die ganze Zeit Gewehrfeuer und Explosionen gehört. Wir haben uns bis früh morgens im Keller versteckt.

In der Fotostrecke: Was in der Nacht passiert ist
1/12

Der Putschversuch ist gescheitert, aber die Atmosphäre ist immer noch sehr angespannt. Ich hatte echt Angst, dass das alles in Gewalt zwischen dem Militär und Unterstützern der Regierung enden könnte. Das hätte unser aller Leben für immer verändert.

In den nächsten Tagen wird es wohl viele Verhaftungen im Militär geben. Die Atmosphäre im Land wird noch viel schlimmer werden, als sie es ohnehin schon war.

(Bild: privat)
Diren, 32, Student

Die Situation ist okay. Wir sind das schon gewohnt. Ich habe kaum Angst. Ich habe nur Angst, dass unser Musikfestival ausfallen könnte, das ich mit Freunden organisiert habe und das in den nächsten Tagen in Istanbul stattfinden soll.

Die aktuelle Situation ist doch nur ein Schauspiel von Erdogan, um seine politischen Gegner ein für alle mal loszuwerden. Das Militär wird nicht erfolgreich sein und Erdogan wird am Ende stärker sein denn je.

Im Silder: Eine Übersicht der türkischen Militärputsche
Das türkische Militär sieht sich traditionell als Verfechter der demokratischen Grundordnung der Türkei. Bereits drei Mal kam es in der Geschichte des Landes zu einem Militärputsch.
27. Mai 1960: Das Militär stürzt den Ministerpräsident Adnan Menderes, weil es die demokratische Grundordnung in Gefahr sieht. Die Regierung hatte zuvor die Pressefreiheit und die Rechte der Opposition eingeschränkt. Die Streitkräfte lassen Menderes und seine zwei Minister hängen und bleiben 17 Monate an der Macht.
12. März 1971: Gewalttätige Angriffe linker Terroristen nehmen in der Türkei zu. Infolgedessen zwingt die Armee Ministerpräsident Süleyman Demirel zum Rücktritt. Ein Jahr später setzt sie wieder eine zivile Regierung ein.
12. September 1980: Auch die zweite Amtszeit Demirels endet mit einem Putsch. Das Militär verhängt als Antwort auf linken und rechten Terror das Kriegsrecht. 650.000 Menschen werden festgenommen, viele hingerichtet. Die Militärherrschaft geht erst drei Jahre später offiziell zu Ende.
15. Juli 2016: Mehrere hochrangige Militärs versuchten in einer Nachtaktion, die Macht im Land an sich zu reißen und Präsident Recep Tayyip Erdogan zu stürzen. Dieser rief die Bevölkerung zur Gegenwehr auf – knapp 300 Menschen kamen bei Straßenkämpfen ums Leben. In den frühen Morgenstunden galt der Putsch als gescheitert. Erdogan startete in den Wochen danach eine "Säuberungswelle".
1/12
(Bild: privat)
Evin, 20, Studentin

Am Freitagabend war ich total durcheinander. Ich rief meine Schwester an, wir haben den Fernseher angemacht und gesehen, dass Soldaten die Brücken abgesperrt haben. Wir haben gedacht, dass sie Erdogan stürzen werden, der seine Grenzen schon lange überschreitet.

Ich kann nicht sagen, dass ich glücklich darüber war. Ich war verwirrt und habe mir Sorgen gemacht. Dann habe ich Tonnen von Nachrichten bekommen, von Hubschraubern und Jets über der Stadt und habe mir noch mehr Sorgen gemacht. Nachdem Erdogan seine Anhänger dazu aufgerufen hatte, gegen das Militär zu rebellieren, sind sehr viele Menschen auf die Straße gegangen und haben wütend religiöse Parolen in die Nacht gebrüllt.

Nachdem ich heute Morgen aufgewacht bin, mache ich mir noch mehr Sorgen, große Sorgen. Was wird in der Zukunft noch auf uns zukommen? Meine Ablehnung gegenüber der Regierung ist nur gewachsen. Ich bin wütend und habe solche Angst.

(Bild: privat)
Nigar, 26, Studentin

Ich war gestern Abend in Taksim mit Freunden in einer Bar. Meine Schwester rief mich an und sagte, ich sollte sofort nach Hause gehen. Wir haben die Bar verlassen und waren gerade in der Nähe des Taksimplatzes, als auf einmal ganz viele Menschen auf der Straße zu schreien anfingen und losrannten.

Meine Freunde haben einen Augenblick nur da gestanden und geguckt, dann sind wir auch gerannt. Wir wussten nicht, wohin wir fliehen sollten, aber wir rannten schneller und schneller und in eine der Seitenstraßen. Ich dachte, es hätte wieder einen Anschlag gegeben. Ich hatte wirklich Angst um mein Leben und dachte, ich könnte jeden Moment sterben.

Wir nahmen die Metro nach Hause. Die Polizei sagte uns, wir sollten besser nach Hause rennen. Das war wie ein schräger Traum. Ich habe gesehen, wie viele Leute an den Geldautomaten so viel Geld wie nur möglich ziehen wollten. Als ich zu Hause war, habe ich nur mit meinen Eltern telefoniert. Und geweint. In der Nähe meines Hauses hörte ich Explosionen.

Ich will nicht mehr in der Türkei bleiben. Istanbul ist wunderschön. Aber das ist nicht zum Aushalten.


Today

Putschversuch in der Türkei: Militär will Macht übernommen haben
Erdoğan ruft Bevölkerung zum Widerstand auf.
Was ist passiert?
  • Nach eigenen Angaben haben die türkischen Streitkräfte bei einem Putsch vollständig die Macht im Land übernommen, das teilte das Militär am Freitagabend nach Angaben der privaten Nachrichtenagentur DHA mit (SPIEGEL ONLINE). Freitagnacht ist die Lage sehr unübersichtlich, chaotisch und schwer einzuschätzen. Unklar ist auch, ob das gesamte Militär oder nur Teile an dem Putschversuch beteiligt sind.
  • Offenbar haben die Streitkräfte in Istanbul zwei Brücken gesperrt, Schüsse sind zu hören, Hubschrauber kreisen über der Stadt. Auch den Atatürk-Flughafen hätten die Streitkräfte unter Kontrolle, meldet DHA (SPIEGEL ONLINE). Außerdem hat das Militär im gesamten Land eine Ausgangssperre verhängt und das Kriegsrecht ausgerufen.
  • Medienberichten zufolge kommt es in der türkischen Hauptstadt Ankara zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Militär, Augenzeugen berichteten von Panzern in den Straßen. Livebilder aus Ankara und Istanbul zeigen Demonstranten auf den Straßen, Soldaten feuern Schüsse ab, es ist unklar, ob das Warnschüsse sind oder sie sich gegen Demonstranten richten. Auch Muezzine rufen und versuchen so, gegen den Putsch zu mobilisieren.
  • Laut einem dpa-Reporter sollen Dutzende Gegner des Putsches im Zentrum Istanbuls auf den Straßen "Gott ist groß" und "Nein zum Putsch" rufen. Damit würden sie der Aufforderung Erdoğans folgen, für die Regierung zu demonstrieren. Er hatte in einem Interview dazu aufgefordert, ein Zeichen zu setzen. (SPIEGEL ONLINE)