Bild: dpa/ Britta Pedersen

Neuer Angriff auf das System Putin: Im Videoclip "Tschaika" von Pussy Riot geht es um Korruption in Russland. Hier erzählt die Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa, wie der Film entstand.

Was hat Sie veranlasst, sich für Ihren neuen Clip eine Uniform anzuziehen?

Ich greife den ungeheuerlichen Skandal auf, dass Russlands oberster Strafverfolger, der Generalstaatsanwalt Jurij Tschaika, selbst ein schlimmer Krimineller ist. Tschaika ist für Morde verantwortlich. Er hat Kontakte zu einer Mafiabande in Südrussland, die mindestens 15 Menschen getötet hat. Das hat der Oppositionsführer Alexej Nawalny im Dezember enthüllt.

Hatten Sie die Idee, gleich nachdem Nawalny seine Dokumentation veröffentlicht hat?

Nawalny hat bei meinem Mann Pjotr Wersilow angerufen und ihn gefragt, ob er nicht jemanden kennt, der diesen Skandal mit einem coolen Rap-Song aufgreifen könnte. Ich mag Nawalny. Er hat auch die vollkommen richtige Idee, diesen Skandal durch populäre Musik maximal in unserer Bevölkerung bekannt zu machen. Aber geärgert habe ich mich dann doch.

Worüber waren Sie wütend?

Dass er nicht an mich gedacht hat, dieses Aas. Und auch mein Mann Pjotr hat erst gedacht, dass ich keinen Rap schreiben kann. Denen werde ich es zeigen, habe ich mir vorgenommen. Nun, wie Sie sehen: Ich habe es geschafft.

Wie lange haben Sie an dem Song geschrieben?

Einen Tag. Ich bin früh aufgewacht. Das ist noch so eine Angewohnheit aus der Lagerhaft, morgens früh aufzustehen. Ich habe mich dann hingesetzt und angefangen, zu texten und zu komponieren. Dann habe ich erst das Frühstück ausfallen lassen, dann das Mittagessen. Und dann war ich fertig und bin ins Studio gefahren. Die Produktion des Clips hat natürlich länger als einen Tag gedauert.

Sie sind vor ein paar Tagen nach Amerika gefahren. Haben Sie Angst vor der Reaktion des Kreml auf Ihren Clip?

Nein, die Amerikareise war lange geplant.

Fürchten Sie, dass die Behörden Sie nicht mehr zurück nach Russland lassen?

Dafür gibt es keinerlei Grundlage. Ich bin eine russische Staatsbürgerin. Man kann mich nicht aussperren, sondern höchstens einsperren und nicht mehr außer Landes lassen.

Sie konnten den Clip allem Anschein nach in Ruhe produzieren. Gibt es denn keine Überwachung durch den Geheimdienst mehr?

Ich denke, die Sicherheitsorgane sind nun weniger mit Pussy Riot als mit anderen Dingen beschäftigt. Dennoch hatten wir genug Schwierigkeiten. Das hat mit der allgemeinen Stimmung zu tun, die der Staat geschaffen hat und mit den Folgen der Hetzkampagne nach unserer Verhaftung im März 2012.

Welche konkreten Probleme gab es?

Wir hatten Probleme, Schauspielerinnen und Tänzerinnen zu finden. Als die verstanden haben, dass sie mit Nadeschda Tolokonnikowa arbeiten sollen, haben nicht wenige einen Rückzieher gemacht, weil sie um ihre Karriere und Anstellung fürchteten. Aber es gibt noch genügend mutige, junge Schauspielerinnen. Sonst hätten wir es ja nicht geschafft.

Der Generalstaatsanwalt ist weiter im Amt, die Popularität von Wladimir Putin hoch. Was kann Ihr Clip bewirken?

Wir greifen den Fall des korrupten Generalstaatsanwalts auf, weil er ein Beispiel für zahllose Politiker und Spitzenbeamte ist, die sich bereichern und die sich über das Gesetz stellen. Unser Clip bedient sich einer einfachen, für jeden verständlichen Bildsprache. Jeder, der ihn anschaut, versteht sofort, dass wir die korrupte Staatsmacht anprangern. Meinungsumfragen aus der jüngsten Zeit zeigen, dass mehr als die Hälfte der Bürger unsere politische Elite für korrupt halten. Das weiche Wasser bricht den Stein.

Dieses Interview ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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