Bild: Imago

Micah J., der mutmaßliche Polizistenmörder von Dallas, war als Soldat in Afghanistan im Einsatz. Mit der Zeit politisierte er sich offenbar - und entwickelte einen Hass auf weiße Polizisten.

Es gibt ein Bild, das Micah J. mit einer Waffe im Anschlag zeigt, der linke Arm stützt die rechte Hand, ein Laserpointer zeigt auf das Zielobjekt. J. trägt die Uniform der US-Armee und einen Helm, es nicht klar, wann und wo das Bild aufgenommen wurde. Das Foto zeigt einen jungen schwarzen US-Soldaten im Einsatz für sein Land.

Es gibt ein zweites Bild von Micah J., 25, es ist keine 48 Stunden alt, J. steht im Stadtzentrum von Dallas, er trägt dunkle Schutzkleidung und eine Waffe im Anschlag. Das Bild zeigt einen jungen Schwarzen im Blutrausch, der nicht mehr zwischen Recht und Unrecht unterscheidet, sondern zwischen Schwarz und Weiß.

(Bild: Imago)

Für J. gibt es an diesem Tag in Dallas, Texas, als er am El Centro College steht, gegenüber von einem Hotel, zwei Kriterien, nach denen er seine Opfer aussucht: Weiß und Polizist. Sie treffen auf diverse Beamte zu, die bei einer antirassistischen Demonstration im Einsatz sind. Für fünf Polizisten bedeuten J.s Kriterien das Todesurteil.

Polizeichef David Brown(Bild: Getty Images / Spencer Platt)

Zwischen diesen beiden Bildern liegen nur wenige Jahre, und auch wenn noch vieles offen bleibt, wenn es noch diverse Lücken gibt im Verständnis der Motive, warum Micah J. zu einem Polizistenmörder wurde, so zeichnen sich doch einige Konturen ab: "Der Verdächtige sagte, er sei wütend über Weiße und wollte weiße Menschen töten, inbesondere weiße Polizeibeamte", sagt der Polizeichef von Dallas, David Brown. J. habe sich in den Verhandlungen mit der Polizei auf Black Lives Matter bezogen, jene schwarze Bürgerechtsbewegung, die seit einigen Jahren in ganz Amerika Proteste gegen die Polizeigewalt gegen Schwarze sowie gegen den alltäglichen Rassismus organisiert.

In der Fotostrecke erklären wir "Black Lives Matter"
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Offenbar waren es die brutalen, tödlichen Schüsse von Polizeibeamten auf die Afroamerikaner Alton Sterling (bento), 37, in Louisianna und Philando Castile, 32, in Minnesota am Mittwoch dieser Woche (bento), die etwas in J. auslösten. Aus dem Krieger für sein Land ist an diesem Donnerstagabend in Dallas ein Bürgerkrieger geworden.

Dabei schien J.s Lebenslauf der eines unauffälligen jungen Afroamerikaner zu sein, der sich wie so viele junge Männer nach der Highschool im März 2009 beim Militär einschrieb. Er absolvierte zuerst die Grundausbildung und spezialisierte sich dann als Zimmermann und Hausbauer einer Ingenieursbrigade der Reserve. Von November 2013 bis zum Juli 2014 schickte ihn die Armee nach Afghanistan, auf den US-Stützpunkt in Baghram. Im April 2015 quittierte J. den Dienst.

Nichts deutet darauf hin, dass er sich zu diesem Zeitpunkt verändert hätte, zum Staatsfeind geworden wäre oder besondere Schwierigkeiten mit der Staatsgewalt gehabt hätte. J. sei ihr "Waffenbruder" in Afghanistan gewesen, ihr Kumpel, mit dem sie große Teile ihrer Karriere in der Armee verbracht habe, schreibt eine ehemalige Soldatin auf Facebook.

(Bild: Getty Images / Spencer Platt)

Auf der Suche nach J.s Motiv haben die Ermittler dessen Wohnung in Mesquite durchsucht, einem Vorort im Südosten von Dallas, wo J. mit seiner Mutter lebte; im Haus fanden sich weitere Waffen, Munition und eine schusssichere Weste, dazu ein Heft über Gefechtstaktiken.

J. wusste offenbar genau, was er tat, als er am Donnerstagabend auf die Polizisten zu schießen begann; nach Angaben des Bürgermeister von Dallas, Mike Rawlings, sind die Ermittler auf Notizen gestoßen, in denen J. beschreibt, wie man gleichzeitig feuere und sich schnell bewege.

Am Donnerstagabend führte er eine halbautomatische Waffe sowie eine Handfeuerwaffe mit sich, er bewegte sich taktisch so klug, dass die Beamten zuerst von mehreren Tätern ausgingen und ihn trotz eines 45-minütigen Feuergefechts nicht ausschalten konnten; erst ein Spezialroboter sprengte den Täter in die Luft.

Zu den Hinweisen, auf die die Ermittler ihre Theorie einer sukzessiven Politisierung stützen, zählt J.s Facebook-Seite, auf der er ein Bild veröffentlicht hat, das ihn mit erhobener rechter Faust und ernstem Blick zeigt. Im Mai veröffentlichte J. auf Facebook ein Poster einer stilisierten schwarzen Faust, versehen mit dem Slogan: "Black Power".

Auch ein Foto, das ihn mit Professor Griff von Public Enemy zeigt, hat J. gepostet, es entstand offenbar während einer Autogrammstunde im April. Der Musiker hat mittlerweile in einem Statement erklärt, er kenne den Schützen nicht und trete nicht dafür ein, Polizisten zu töten.

"Schaut euch ihre Freude im Gesicht an. Warum genießen viele (nicht alle) Weiße das Töten und die Beteiligung am Tod unschuldiger Wesen so sehr?"

Viel hat J. nicht auf Facebook veröffentlicht, aber andere Seiten geliket, die zumindest belegen, wofür er sich interessierte. Darunter sind Seiten für die Gründer radikaler schwarzer Gruppen wie der Black Riders Liberation Party und der Nation of Islam sowie der African American Defense League; auch eine Seite des nach einem der Mitgründer der Black Panther benannten Huey P. Newton Gun Club mochte er. Der Club organisiert Selbstverteidigungskurse für Schwarze und läuft Patrouillen, um Polizeigewalt zu begegnen, ein Sprecher hat inzwischen mitgeteilt, man habe J. "nie gesehen" und kenne ihn nicht.

Schließlich J.s letzter größerer Post vom vergangenen Samstag auf einer anderen Facebook-Seite: ein Video, das Walfänger auf den Faröer Inseln zeigt, die Tiere im flachen Wasser schlachten, verbunden mit dem Kommentar: "Schaut euch ihre Freude im Gesicht an. Warum genießen viele (nicht alle) Weiße das Töten und die Beteiligung am Tod unschuldiger Wesen so sehr?" Da müssen sich seine Gedanken schon in rassistischen Kategorien verfangen haben, nur drauf wartend, dass ein Funke das Pulver entzündet.

Die Nachrichten werden sagen, was sie wollen, aber die, die ihn kannten, wissen, dass das nicht er war.
Die Schwester von J.

Viel hat J. seiner Umgebung nicht von seinen Ansichten erzählt. In seiner Nachbarschaft, wo sie ihn "X" für seinen zweiten Vornamen Xavier nannten, galt er als ruhig und zurückgezogen. J. habe eine "coole Ausstrahlung" gehabt, sagte sein Bekannter Israel Cooper, mit dem J. häufiger Basketball spielte, der Nachrichtenagentur Associated Press.

Für seine Familie ist es noch immer schwer zu glauben, dass aus "X", dem ruhigen Jungen, der einst am Hindukusch seinem Land diente, ein Mörder von fünf Polizisten geworden ist. "Ich sage, dass das nicht stimmt", schrieb seine Schwester Nicole J. auf Facebook. "Die Nachrichten werden sagen, was sie wollen, aber die, die ihn kannten, wissen, dass das nicht er war."

Mitarbeit: Franca Wolf

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Wenn Schweden und Dänemark auf Twitter trollen
"Boy, was it fun!"

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Dort kämpfen @denmarkdotdk, betrieben vom dänischen Außenministerium, und @swedense, betrieben vom staatlich finanzierten Svenska institutet, für ihre Länder um Herzen. Mit Tweets über Elche, Samenbanken und Meerjungfrauen.

Ende der Woche haben sich diese beiden offiziellen Accounts so bizarr und unterhaltsam getrollt, dass wir euch hier noch mal die Highlights zusammenfassen: