Rausgehen, feiern, das Leben genießen.

Caroline, 24, Paris

(Bild: Lydia B.)

Ich erfuhr am Samstagmorgen am Flughafen von den Anschlägen. Ich hatte einige Monate in Shanghai gearbeitet und war gerade gelandet. Eine Flughafenmitarbeiterin sagte mir, was passiert war, dass mehr als 100 Menschen gestorben waren. Es war ein Schock, ich glaubte, zu fallen. Ich konnte mich nicht darüber freuen, meine Familie nach so langer Zeit wiederzusehen. Ich wusste, dass mindestens drei meiner Freunde an einem der Orte gewesen waren; wir hatten am Tag zuvor noch geschrieben. Keiner von ihnen wurde verletzt, aber einer sah, wie sich ein Attentäter am Stadion in die Luft sprengte.

Ich glaube, wir Franzosen wussten vorher nicht, was andere in uns sehen. Wir wussten nicht, dass wir für das "gute Leben“ stehen, für gutes Essen, Freiheit, Kultur. Die Anschläge haben uns das vor Augen geführt, denn genau diese Dinge wurden angegriffen. Ich habe lange darüber nachgedacht, warum Frankreich mehr Aufmerksamkeit bekommen hat als der Libanon. Vielleicht ist das der Grund: Die Lebensart Frankreichs wurde angegriffen, und sie steht stellvertretend für die westliche Kultur und Freiheit.

Ich habe vor, jetzt noch mehr zu leben als vorher
Caroline

Natürlich habe ich Angst. Aber ich will lieber sterben, während ich mein Leben genieße, als zu Hause zu sitzen und nichts zu tun. Ich habe vor, jetzt noch mehr zu leben als vorher, alles zu genießen, was Paris zu bieten hat. Ich werde in den nächsten Wochen jeden Tag ausgehen, ich werde so viel trinken, wie ich kann. Gestern war ich im neuen James Bond, heute Abend gehe ich mit Freunden etwas trinken. Ich werde mich warm anziehen und mich auf die Terrasse setzen.

Ich habe Freunde, die das anders sehen, die zu Hause bleiben wollen. Ihnen sage ich: Wir werden uns nicht unterkriegen lassen; wir werden niemals vergessen, aber das Leben geht weiter. Es geht mir weniger darum, den Terroristen etwas zu zeigen. Es geht mir um uns, um Solidarität, es geht mir darum, anderen zu zeigen, dass wir weiterleben werden. Nach Charlie Hebdo haben wir gesehen: Wenn es eine Sache gibt, in der wir gut sind, dann darin, gemeinsam stark zu sein.

Joaquin, 25, Versailles

(Bild: Leo Karnatz)

Ich war im Stadion, als es passierte. Zusammen mit vier Kommilitonen – zwei Franzosen und zwei Deutschen – schaute ich mir das Fußballspiel an. Wir saßen in der Nähe des Eingangs, wo sich die Selbstmordattentäter in die Luft sprengten. Ich weiß nicht genau, wie weit sie von uns weg waren, vielleicht hundert Meter. Die Explosionen waren sehr laut. Die Leute guckten sich um, aber keiner war beunruhigt; wir dachten, es handele sich um besonders laute Pyrotechnik.

In dem Stadion ist der Internetempfang sehr schlecht. Etwa zehn Minuten vor Spielende bekam einer meiner französischen Kommilitonen erste WhatsApp-Nachrichten: Anschläge in der Stadt, Selbstmordattentäter am Stade de France. Da wussten wir plötzlich, was so laut gewesen war.

Wir entschieden, im Stadion zu bleiben und erst nach Spielende mit den anderen rauszugehen. Bis dahin hatten es wohl alle mitgekriegt: Alle wirkten angespannt, schauten sich ständig um. Als wir draußen waren, fingen einige an zu laufen. Freunde von uns, die auch im Stadion waren, aber an einem anderen Ausgang saßen, durften nicht mehr raus; sie gingen aufs Spielfeld.

Wir klapperten alle großen Touristenattraktionen ab: Eiffelturm, Louvre, Notre Dame
Joaquin

Wir liefen zwei oder drei Kilometer, bis nicht mehr so viele Leute um uns herum waren, dann nahmen wir ein Taxi. Wir wollten zurück zum Campus in Versailles, auf der anderen Seite der Stadt. Wir baten den Fahrer, die Ringautobahn um Paris herum zu nehmen. Während wir fuhren, bekam er eine Nachricht, dass alle Fahrer aufhören sollten, zu arbeiten.

An dem Wochenende war eine Freundin zu Besuch. Am Samstagmittag, nach den Anschlägen, fuhr ich zusammen mit ihr und einem Freund ins Zentrum von Paris. Wir wollten nicht auf dem Campus bleiben, wir wollten ihr Paris zeigen.

Wir klapperten alle großen Touristenattraktionen ab: Eiffelturm, Louvre, Notre Dame. Das war eine Form des Protests; normalerweise hätten wir das wahrscheinlich nicht gemacht. Vor jeder Sehenswürdigkeit schossen wir ein Foto; daraus wurde unsere "I am not afraid"-Fotoserie. Ich weiß nicht, ob das geschmacklos war, vielleicht.

Angst hatte ich nicht. Aber ich war angespannter als sonst. Ich halte mich für einen vorurteilsfreien Menschen, der sich nicht beeinflussen lässt – und trotzdem: Ich gucke mir die Menschen um mich herum genauer an als vor den Anschlägen. Und manchmal ertappe ich mich, wie ich jemanden, der vielleicht eine dunklere Haut oder einen längeren Bart hat, etwas länger anschaue. Das finde ich besonders erschreckend.

Mathilde, 25, Paris

(Bild: Mathilde)

Am Freitagabend war ich auf dem Weg nach Lille, um das Wochenende mit meiner Familie zu verbringen. Ich hatte mein Handy ausgemacht, der Akku war fast leer. Als wir ankamen, schaltete ich es wieder ein; ich hatte Nachrichten von Freunden bekommen, die fragten, ob es mir gut ginge. Ich verstand nicht, warum.

Erst als ich las, dass es Schießereien gegeben hatte, dass im Bataclan Geiseln genommen worden waren, dass es Dutzende Tote und Verletzte gab, kapierte ich, was los war. Ich hatte schreckliche Angst, dass jemand, der mir nahesteht, verletzt oder getötet worden sein könnte. Freitagnacht schlief ich kaum.

Wir dürfen nicht aufhören, denn das ist, was sie wollen
Mathilde

Am Samstagabend wollte ich eigentlich zuhause bleiben. Es war mein Freund, der mich zwang, rauszugehen. Er sagte: "Wir müssen feiern, wir müssen weiterleben. Wir dürfen nicht aufhören, denn das ist, was sie wollen. Wir müssen ihnen zeigen: Ihr könnt Menschen töten, ihr könnte uns Angst machen, aber wir werden nicht aufhören, zu leben. Wir werden nichts ändern, nur weil ein paar Verrückte glauben, dass das, was wir tun, schlecht ist."

Am Samstagabend gingen wir in eine Bar, trafen einen Freund, tranken Bier – wie wir es immer gemacht hatten. Klar, wir haben Angst, wir sind unruhig, wir wissen, dass es jederzeit wieder passieren kann. Aber wir müssen weiterleben, das ist auch eine Form der Therapie. Weiterleben, mit Menschen sprechen, die in der gleichen Situation sind. Nicht allein sein.

Nach den Attentaten auf Charlie Hebdo durften wir uns versammeln, durften wir demonstrieren. Das dürfen wir jetzt nicht, wegen des "État d’urgence". Aber sich in Bars zu treffen und zu feiern, das ist auch eine Form von Demonstration. Ich werde heute Abend in eine Bar gehen, ich werde am Freitag und Samstag in Clubs feiern – und ich glaube, ich werde noch mehr tanzen als sonst.

Sylvia, 24, Paris

(Bild: Annie Seng)

Normalerweise verbringe ich den Freitagabend immer in meinem Viertel, dem 11. Arrondissement. Diesmal war ich bei Freunden in Montmartre. Als wir hörten, dass es Schießereien gab, hörten wir auf zu feiern. Wir schickten Nachrichten an unsere Freunde, an unsere Familie. Wir wussten, dass alle unterwegs waren, es war Freitagabend.

Ich glaube, die Terroristen wollten mit ihren Anschlägen die Jugend treffen
Sylvia

Ich blieb über Nacht dort. Am Samstagmorgen nahm ich die U-Bahn nach Hause. Ich wollte in einem Restaurant essen, aber alles war geschlossen, niemand war auf der Straße. Samstagabend war ich eigentlich auf einen Geburtstag eingeladen, aber der wurde abgesagt. Also ging ich zu Freunden, wir aßen zu Abend, redeten. Wir wollten zusammen sein.

Ich glaube, die Terroristen wollten mit ihren Anschlägen die Jugend treffen, alles, woran wir glauben, was wir gerne machen. Aber wir dürfen jetzt nicht aufhören, wir müssen weitermachen, wir müssen das machen, was wir Pariser gut können: ausgehen, essen, trinken, lachen.

Heute Abend werde ich mit Freunden in meine Stammkneipe gehen. Wenn ich ehrlich bin, habe ich schon ein bisschen Angst. Aber ich will nicht aufhören, zu leben.

Caroline, 28, Paris

(Bild: Fanny Vambacas)

Meine Mutter rief an und fragte, ob alles in Ordnung ist. So erfuhr ich von den Anschlägen. Ich war ganz in der Nähe der Rue Bichat, wo es eine Schießerei gegeben hatte. Ich bin dann sofort nach Hause gefahren.

Ich wohne bei meinen Eltern, sie sind viel beunruhigter als ich. Meine Mutter wollte, dass wir alle zu Hause bleiben, aber ich sagte ihr, dass wir so weiterleben müssen, wie wir es immer gemacht hatten.

Also ging ich am Sonntag zu einer Freundin; wir hatten uns noch mit anderen Freunden verabredet, wir wollten einfach zusammen sein. Dort erfuhr ich, dass einer meiner Freunde im Bataclan gewesen war, dass ihn eine Kugel am Rücken getroffen hatte, dass er im Krankenhaus war. Bis dato hatte ich gedacht, allen ginge es gut.

Montagabend war ich mit Kollegen unterwegs, heute werde ich mit Freunden etwas trinken gehen, und Freitagabend werde ich mich mit Freundinnen treffen. Wahrscheinlich werden wir in Clubs gehen, um zu tanzen.

Meine Freunde und ich sind uns einig: Wir dürfen nicht aufhören, auszugehen, zu trinken, Menschen zu treffen. Denn wenn wir aufhören, haben sie gewonnen. Für mich haben sie unsere Lebensart angegriffen, die gefällt ihnen nicht. Deshalb steht für mich außer Frage, diese Lebensart zu ändern. Ich will den Terroristen zeigen: Sie können Frankreich angreifen, aber wir werden unsere Art zu leben nicht ändern.

Vincent, 24, Charenton le Pont

Ich bin zutiefst schockiert von den Taten, und versuche noch immer, meine Gedanken wieder zu ordnen. Zwar wurde ich physisch nicht verletzt, aber ich bin immer noch durcheinander.

Ich finde, jeder sollte selbst entscheiden
Vincent

Trotzdem wehre ich mich dagegen, mich von der Angst treffen zu lassen. Ich wehre mich dagegen, dass mir bestimmte Personen vorschreiben, was ich nicht tun darf, dass sie mir meine Freiheiten entziehen.

Ich verstehe sehr gut, dass man Angst haben kann, und dass man lieber nicht nach draußen geht. Aber ich finde, jeder sollte selbst entscheiden.

Julia, 25, Paris

(Bild: Carmelo Naranjo Garcia)

Die Terroranschläge in Paris haben mich zutiefst schockiert und machen mich traurig. Wie nah ist uns der religiöse Wahn durch den IS gekommen?

Aber ich werde nicht zulassen, dass das Gefühl der Angst mein Leben in Paris bestimmt. Ich werde weiterhin meinen Café au lait auf den Terrassen in Saint-Germain-de-Près trinken, ich werde auch künftig zu Konzerten am Canal Saint Martin gehen und auch auf den Place de la République.

Ich werde den Islamisten nicht den Gefallen tun, meinen Lebensstil zu ändern. Aber klar, ich fühle mich in diesen Tagen nicht mehr so leicht und unbeschwert wie vorher.

Céline, 29, Grenoble

(Bild: Céline)

Ich wohne schon eine Weile nicht mehr in Paris, sondern in Grenoble. Auf meinen Heimatbesuch hatte ich mich lange gefreut, besonders darauf, meine Freunde wiederzusehen.

Am Freitagabend war ich in einer Tanzaufführung. Die Veranstaltung war gerade vorbei, als wir auf unseren Handys von den Anschlägen erfuhren. Die Verbindung war schlecht, deswegen konnten wir die Nachrichten nicht richtig verfolgen. Der Freund einer Freundin schickte uns deswegen permanent SMS aus den USA, er lebt dort. Ich blieb bis etwa drei Uhr morgens in dem Theater, dort fühlten wir uns sicherer. Einige schliefen sogar dort.

Am nächsten Morgen fühlte sich alles an wie ein einziger Albtraum. Trotzdem wollte ich meine Freunde am Samstag unbedingt sehen. Wir können ja wegen der Anschläge nicht aufhören zu leben.

Eigentlich wollten wir am Samstagmittag in der Nähe des Bataclan essen gehen, schließlich gehen wir dort sonst auch immer aus. Ich dachte, am Tag nach den Anschlägen wird sicher nichts passieren. Einer aus der Gruppe fühlte sich aber unsicher, deswegen machten wir es uns doch zuhause gemütlich. Samstagabend war ich dann auf einer kleinen Party bei einem Freund, das war schon lange so geplant.

Bier trinken ist Résistance
Céline

Wir sprachen natürlich viel über die Anschläge. Ein Freund sagte die ganze Zeit: "Il ne faut pas se laisser abattre" (wörtlich: "Wir dürfen uns nicht erschießen lassen.", sinngemäß: "Wir dürfen uns nicht unterkriegen lassen."). Plötzlich haben wir realisiert, wie furchtbar es ist, die Redewendung in dieser Situation zu verwenden. Wir mussten daraufhin alle lachen. Es war ein hysterisches, gestresstes Lachen.

Nach der Party bin ich mit der Bahn nach Hause gefahren. Insgesamt waren etwas weniger Leute unterwegs als an einem normalen Wochenende, viele sind noch geschockt. Aber das wird sich sicher bald wieder ändern. Schon jetzt posten sehr viele Freunde von mir auf Facebook: Lass uns rausgehen und ein Bier trinken. Denn Bier trinken ist Résistance.