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Nach dem tödlichen Marsch in Munster kommt auf die Bundeswehr-Ausbilder nach SPIEGEL-Informationen ein Strafverfahren zu. Rechtsmediziner sagen: Der Tod des Offiziersanwärters war vermeidbar.

Die Rechtsmediziner des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) erheben nach einem fatalen Marsch von jungen Bundeswehrsoldaten im niedersächsischen Munster Vorwürfe gegen die verantwortlichen Ausbilder.

Nach SPIEGEL-Informationen schreiben die Experten in einem Gutachten, der tragische Tod eines Soldaten und Hitzschläge bei mehreren seiner Kameraden seien vermeidbar gewesen, wenn sich die Ausbilder an die Regeln der Bundeswehr gehalten und ihre Fürsorgepflicht ernst genommen hätten.

Am Freitag unterrichtete Generalinspekteur Volker Wieker die Obleute des Verteidigungsausschusses in einer Telefonschaltung über die brisanten neuen Details aus dem Gutachten. Wegen diesem und anderen Vorfällen bei der Ausbildung kündigte er eine komplette Überprüfung aller Teilstreitkräfte der Bundeswehr an.

Das Gutachten, das erst einige Tage vorliegt, wirft ein völlig neues Licht auf den Marsch von jungen Soldaten im Sommer 2017. Während des Eingewöhnungsmarsches der Offiziersanwärter waren bei knapp 30 Grad Außentemperatur mehrere Soldaten kollabiert, einige erlitten einen Hitzschlag.

Der warme Sommertag endete mehr als tragisch tragisch: Zwei Soldaten mussten per Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden. Der damals 21-jährige Offiziersanwärter Jonas K. verstarb kurz darauf im UKE an multiplem Organversagen. Der zweite Soldat leidet bis heute an den Spätfolgen des Vorfalls.

Rechtsmediziner: Kollabieren der Soldaten war vermeidbar

Das Heer, das für den Lehrgang der Offiziersanwärter verantwortlich war, hat bis heute keinen Abschlussbericht über den fatalen Marsch vorgelegt. In einem Zwischenbericht war zwar von kleineren Regelbrüchen die Rede, die Frage der Verantwortung einzelner Ausbilder aber wurde wortreich umschifft.

Die Rechtsmediziner sehen da etwas klarer. In ihrem Obduktionsbericht stellen sie zunächst fest, dass das Kollabieren der Soldaten alleine durch den Marsch und nicht durch Vorerkrankungen ausgelöst wurde. Auch die kolportierte These, die Soldaten hätten Aufputschmittel oder Drogen genommen, verneinen sie eindeutig.

Stattdessen kommen die erfahrenen Pathologen zu einem eindeutigen Ergebnis: Die kollabierten Soldaten hätten laut ihrem Gutachten keinen Hitzschlag erlitten, wenn die Ausbilder die Bundeswehr-Regeln für solche Märsche und ihre eigene Fürsorgepflicht gegenüber den Soldaten ernst genommen hätten.

Konkret geht es bei den Vorwürfen um Regeln, die etwa das Anhalten der ganzen Gruppe vorsehen, wenn ein Soldat auf einem Marsch zusammenbricht. Stattdessen aber spornten die Ausbilder in Munster ihre Rekruten weiter an, sie ließen den Rest des Trupps sogar Strafrunden drehen als die ersten Soldaten zusammensackten.

Die Regelverstöße sind nur ein Teil eines Puzzles von Merkwürdigkeiten bei dem Marsch. Unverständlich erscheint zum Beispiel, dass die Ausbilder die ersten Strafrunden der Soldaten quasi provozierten und zudem eine nicht dem Wetter angepasste Kleidung für den Sommertag anordneten.

Strafverfahren droht

Mit dem Gutachten kommt auf die verantwortlichen Ausbilder, die in den Bundeswehrberichten stets nur anonymisiert als A1 und A2 auftauchen, nun ein folgenreiches Strafverfahren zu. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft Lüneburg, so Insider, muss sie aufgrund des Gutachtens mindestens wegen fahrlässiger Körperverletzung anklagen, vielleicht sogar wegen fahrlässiger Tötung.

In der Bundeswehrführung sorgen ähnliche Auswüchse von Ausbildern und ein Hang zu drakonischen Trainingsmaßnahmen, die an Hollywoodfilme wie "Full Metal Jacket" erinnern, seit Monaten für Ärger und Unverständnis. Seit Monaten versuchen die Generäle, die Ausbilder durch Appelle zur Vernunft zu bringen.

Der Fall in Munster, der mit dem Tod eines jungen Soldaten endete, gilt als tragisches Beispiel für eine generelle Fehlentwicklung, die besonders im Heer zu beobachten ist. Ministerin Ursula von der Leyen findet solche Vorgänge abstoßend, bei einem Treffen mit den Angehörigen von Jonas K. sprach sie ihnen ihr Beileid aus.

Generalinspekteur Wieker will nun durchgreifen. Nach SPIEGEL-Informationen versandte Wieker, der oberste Soldat der Bundeswehr, am Donnerstag eine Art Brandbrief an alle Inspekteure der Teilstreitkräfte und befahl, Vorfälle wie in Munster müssten durch eine bessere Führung ein für alle Mal ausgeschlossen werden.

Generalinspekteur kritisiert zögerliche Ermittlungen

In seinem Brief kritisiert Wieker indirekt auch die zögerlichen Ermittlungen gegen die Verantwortlichen. Es bestehe in puncto Ausbildung "weiterer dringender Handlungsbedarf", eine "spürbar engere Begleitung der Ausbilder" und eine genaue Prüfung ihres Führungs- und Fürsorgeverhaltens sei dringend erforderlich.

Den Inspekteuren setzte Wieker eine Frist. Bis Anfang März sollen sie schriftlich vorlegen, wie sie die Ausbildung von jungen Soldaten besser kontrollieren und Auswüchse verhindern wollen. Ein paar Tage später dann wird sich der Verteidigungsausschuss mit dem Thema Munster erneut befassen.

Die Abgeordneten haben schon jetzt viele Fragen. "Nach den Ergebnissen der Rechtsmedizin bekommt man an der bisherigen Darstellung der Ereignisse erhebliche Zweifel", sagte Tobias Lindner, der grüne Obmann des Ausschusses. Für die kommende Sitzung mahnte Lindner vollständige Aufklärung an.

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


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