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Ein Überblick
Was weiß man über die Anschlägspläne?

Am Donnerstagabend warnte das Bundeskriminalamt (BKA) gegen 19.40 Uhr das bayerische Innenministerium vor möglichen Anschlägen in München gegen Mitternacht. Vorausgegangen war die Warnung eines befreundeten Geheimdiensts.

Nach Informationen von "Süddeutscher Zeitung", NDR und WDR wussten die Behörden bereits spätestens am 23. Dezember von der Gefahr eines islamistischen Anschlags in München. Dem Bericht zufolge befragte der Bundesnachrichtendienst einen Hinweisgeber im Irak. Am Silvestertag verdichteten sich die Informationen und beschrieben folgendes Szenario: Selbstmordattentate am Münchner Hauptbahnhof sowie am Bahnhof München-Pasing. Es handelt sich um zwei Verkehrsknotenpunkte der Stadt.

Offenbar sollte zunächst ein kleinerer Anschlag verübt werden, um anschließend nach Eintreffen der Rettungskräfte ein weiteres und zudem größeres Attentat zu verüben - dies erfuhr SPIEGEL ONLINE aus Sicherheitskreisen. Ein solches Vorgehen kennen Sicherheitsexperten sonst vor allem aus Krisengebieten wie dem Irak; dort gab es unzählige Anschläge, die nach ähnlichem Muster verliefen.

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Wie haben die Sicherheitskräfte reagiert?

Die Behörden waren angesichts der übereinstimmenden Informationen zweier Geheimdienste alarmiert und entschlossen sich zu raschem Handeln: Beide Bahnhöfe wurden vorübergehend gesperrt, 550 Polizisten waren im Einsatz, darunter Spezialkräfte des Unterstützungskommandos USK. Die Münchner wurden dazu aufgerufen, die beiden Bahnhöfe ebenso zu meiden wie größere Menschenmengen.

Schwer bewaffnete und mit Schutzwesten ausgestattete Sicherheitskräfte im Herzen der Stadt - das passte nicht zum Bild einer Nacht, in der die Menschen fröhlich und ausgelassen den Beginn des neuen Jahres feiern möchten. An etlichen Orten Münchens herrschte dennoch Partystimmung.

Das mag daran gelegen haben, dass die etwa an Redaktionen verschickte und zudem über Twitter verbreitete Warnung der Polizei viele Bürger nicht erreichte und dass die Sicherheitsbehörden zudem gezielt vorgingen. Man habe die Sicherheitsmaßnahmen "chirurgisch konzentriert" und nicht flächendeckend in der gesamten Stadt durchgeführt, sagte Münchens Polizeipräsident Hubertus Andrä am Freitag.

Was weiß man über die Verdächtigen?

Die Polizei fahndet weiterhin nach fünf bis sieben Verdächtigen, die aus Syrien und dem Irak stammen sollen. Von einigen, aber nicht allen Verdächtigen seien in der geheimdienstlichen Warnung Personalien übermittelt worden, sagte Andrä.

Laut Bayerns Innenminister Joachim Herrmann gab es Hinweise vom Bundeskriminalamt, dass die Verdächtigen im Auftrag oder aus Sympathie zum "Islamischen Staat" handelten.

Viel wissen die deutschen Behörden derzeit offenbar dennoch nicht: Es sei nicht klar, ob sich die Verdächtigen in München oder in Deutschland aufhalten würden, so Polizeipräsident Andrä. Man könne derzeit auch weder bestätigen noch ausschließen, dass es die mutmaßlichen Verdächtigen überhaupt gebe. Die Ermittlungen würden weiter laufen, Festnahmen habe es bislang nicht gegeben.

Vorerst kam die Polizei zu dem Ergebnis, dass sich im Laufe der Silvesternacht keine Konkretisierung der Hinweise ergeben habe.

In den vergangenen Tagen soll es laut "Süddeutscher Zeitung" Durchsuchungsbeschlüsse gegeben haben, die allerdings nicht vollzogen wurden, weil das Szenario eines Anschlags noch als zu unwahrscheinlich erschienen war. Auch waren die angeblichen Täter, die in einem Hotel in der Innenstadt untergekommen sein sollten, nicht auffindbar. Die Einschätzung der Gefahr habe sich in den folgenden Tagen geändert.

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Hat die Polizei überreagiert?

Ob er die Ereignisse der vergangenen Nacht als Fehlalarm bezeichnen würde, fragte am Freitag ein Journalist. Nein, antwortete Andrä. Die Hinweise seien so konkret gewesen, dass man habe handeln müssen.

Auch die bayerische Opposition, die das Vorgehen der Sicherheitskräfte des Freistaats häufig kritisiert, lobte am Freitag den Einsatz: Die SPD-Fraktion dankte den Behörden für die schnelle und entschlossene Reaktion, die Grünen-Fraktion sprach von einem überlegten Handeln der Sicherheitskräfte.

Die Polizei, die in der Silvesternacht Bürger und Touristen via Twitter in mehreren Sprachen - darunter Englisch, Französisch und Italienisch - gewarnt hatte, meldete am Freitagnachmittag: "Wir arbeiten nach wie vor mit Nachdruck an der Ermittlung möglicher Tatverdächtiger."

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