Bild: dpa/Daniel Karmann
Sabrina war am Münchner Viktualienmarkt, als dort Panik ausbrach. Hier schildert sie, wie sie die Nacht erlebte.

Aus München kam Freitagabend eine Schreckensnachricht nach der anderen: Schüsse am Olympia-Einkaufszentrum. Täter auf der Flucht. Die Lage war lange Zeit unklar, die Polizei forderte die Bürger auf, in ihren Wohnungen zu bleiben und evakuierte den Hauptbahnhof.

Am Marienplatz und am Stachus – beides zentrale, touristische Orte in der Innenstadt – brach Panik aus. Es gab Gerüchte über eine zweite Schießerei – und auch wenn die Münchner Polizei diese Falschmeldung schnell auflösen konnte, herrschte in der Stadt Ausnahmezustand.

Mittendrin: Sabrina, 25, und ihr Bruder Alex, 29, aus Verl in Nordrhein-Westfalen. Die beiden wollten eigentlich ein entspanntes Urlaubs-Wochenende in München verbringen.

Sabrina erzählt, wie sie die Nacht in München erlebt haben.

"Das Wochenende in München war ein Geburtstagsgeschenk von meinen Eltern. Mein Bruder und ich verbrachten fast den kompletten Freitag in dem Biergarten am Viktualienmarkt, direkt neben dem Marienplatz. Wir lernten ein paar sehr nette Münchner kennen, unterhielten uns, hatten Spaß. Gegen 18 Uhr bekam ich die ersten WhatsApp-Nachrichten von Freunden: Sie fragten, ob es mir gut gehe; sie hätten gehört, dass es in einem Einkaufszentrum eine Schießerei gegeben habe. Ich las die Nachrichten am Tisch laut vor. Die Münchner beruhigten mich: Das Einkaufszentrum sei zwei Kilometer entfernt, sagten sie.

Ich habe nicht nachgedacht, ich bin einfach mitgelaufen.
Sabrina

Trotzdem wurde ich unruhig: Wir waren an einem öffentlichen Platz, um uns herum viele Menschen. Ich fragte meinen Bruder, ob wir nach Hause gehen könnten. Aber auch er sagte, ich solle mir keine Sorgen machen. Er stand noch auf und holte sich an einem Stand neben dem Biergarten ein Fischbrötchen. Das war etwa eine halbe Stunde, nachdem wir von der Schießerei erfahren hatten.

Als er zurückkam, hörte ich plötzlich Leute schreien. Die ersten fingen an, zu rennen. Mein Bruder rief: 'Sabrina, steh auf!' Ich sprang von der Bank auf, mein Bruder nahm meine Hand – und dann sind wir nur noch gelaufen. Es ging alles so schnell, wie im Zeitraffer. Um uns herum waren Hunderte Menschen, alle schrien und rannten. Ich habe nicht nachgedacht, ich bin einfach mitgelaufen.

Plötzlich waren wir Teil von all dem Schlimmen, was gerade auf der Welt passiert.
Sabrina

Wir wussten nicht, warum die Panik ausgebrochen war. Es hieß nur, wir sollten nicht auf den Marienplatz. Also rannten wir in eine Seitengasse, dort machte irgendjemand die Tür zu einem Hinterhof auf. Wir liefen hinein, mit uns etwa 20 andere Menschen. Einer machte die Tür hinter uns zu. Ich klopfte an die Haustüren und rief, dass die Leute uns reinlassen sollten. Ich dachte, dass wir in dem Hinterhof ja auch nicht sicher sind.

Wir hörten Hubschrauber, die über der Stadt kreisten. Es war wie in einem schlechten Film, und plötzlich waren wir mittendrin. Plötzlich waren wir Teil von all dem Schlimmen, was gerade auf der Welt passiert.

Eine junge Familie ließ meinen Bruder, einen zweiten Mann und mich schließlich in ihre Wohnung. Die Frau war schwanger, sie hatte Tränen in den Augen und war total aufgelöst. Auch ihr kleiner Sohn hatte Angst; plötzlich standen da fremde Menschen in seinem Zuhause.

Sabrina und ihr Bruder Alex saßen in einem Biergarten auf dem Viktualienmarkt, als die Panik ausbrach.(Bild: dpa/Andreas Gebert)

Wir verfolgten die Nachrichten im Fernsehen. Die ganze Zeit war von drei Tätern die Rede, sie seien auf der Flucht, alle sollten drin bleiben. 'Hoffentlich kriegen sie die Täter' – das war der einzige Gedanke, der mir durch den Kopf ging. Und immer wieder kamen die Bilder hoch, wie mein Bruder meine Hand nimmt, wie wir einfach rennen. Irgendwann fing ich an, mit dem Jungen in der Wohnung Fußball zu spielen, das lenkte uns beide ab.

Wir blieben insgesamt vier Stunden in der Wohnung der Familie. Zwischendurch gingen mein Bruder und der Vater nach unten und guckten durch die Eingangstür zum Hinterhof. Sie erzählten, dass es auf der Straße schon wieder relativ normal zuging. Wir riefen einen Münchner Bekannten an, gegen 23 Uhr holte er uns mit seinem Auto ab und brachte uns zum Hotel. Es fuhren ja keine Taxis, der öffentliche Nahverkehr stand still. Und zu Fuß gehen – das kam für uns nicht infrage.

In der Slideshow: Bilder aus der Nacht in München
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Im Hotel angekommen, versuchten wir, zu schlafen. Wir waren total erschöpft. Wir überlegten auch, ob wir nach Hause fahren sollten. Heute Morgen beschlossen wir aber, zu bleiben. Wir werden den Tag im Wellnessbereich verbringen und versuchen, uns ein bisschen zu entspannen. Vielleicht gehen wir nachher noch in die Stadt. Der junge Mann, der mit uns in der Wohnung gewartet hat, arbeitet in einem Laden in der Innenstadt. Wir wollen schauen, wie es ihm geht.

Vor einer Woche war ich noch auf einem großen Festival mit 50.000 Menschen. Ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, dass etwas passieren könnte. Jetzt ist das anders. Eigentlich wollte ich zum Oktoberfest fahren, aber ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist. Wenn man einmal so nah dran war, überlegt man sich das schon."

In der Slideshow: Reaktionen zum Amoklauf in München
"So ein Abend, so eine Nacht sind schwer zu ertragen. Für jeden von uns. Wir trauern mit ganzem Herzen um die Menschen, die niemals zu ihren Familien zurückkehren werden."
"Der mörderische Angriff in München entsetzt mich zutiefst. In Gedanken bin ich bei allen Opfern und bei allen, die um einen geliebten Menschen trauern oder fürchten."
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Solidarität während des Ausnahmezustands: Münchner öffnen ihre Türen

Nach den Schüssen im Münchener Olympia-Einkaufszentrum mit mindestens zehn Toten herrschte Ausnahmezustand in der Landeshauptstadt. Die Polizei war im Großeinsatz, die Bevölkerung entsetzt. S-Bahnen, Busse und Straßenbahnen standen stundenlang still, auch der Fernverkehr war eingestellt. Für viele Menschen hieß das: Wo die Nacht verbringen?

Wie oft nach Anschlägen oder Attentaten ging eine beeindruckende Welle der Solidarität durch die Bevölkerung. In den sozialen Netzwerken setzten sich nicht nur die Hashtags durch, mit denen Anteilnahme oder Beileid ausgedrückt wird. Die Bürger zeigten ihre Solidarität auch durch ganz praktische Hilfestellung.