Bild: Imago/UPI Photo

Vielleicht muss man sich Melania Trump als glückliche Frau vorstellen. Aus einem mittelmäßig erfolgreichen Model aus Slowenien ist die First Lady der USA geworden. Ihre Vorgängerin Michelle Obama hat gerade eindrucksvoll gezeigt, wie viel man in diesem Amt bewegen kann, auch wenn es ein rein repräsentatives ist.

Und selbst wenn Melania Trump für sich beschlossen haben sollte, dass sie eigentlich gar nicht so viel bewegen will, sondern lieber die Klappe hält: Man darf annehmen, dass die Ehefrau von Donald Trump ein weitaus privilegierteres Leben führt als die allermeisten anderen Frauen.

Im Internet hat sich trotzdem eine bunte Allianz aus Feministen und Kritikern des Präsidenten formiert, die unter dem Slogan "FreeMelania" dafür eintritt, die First Lady aus den Fängen ihres Ehemanns zu befreien.

Hunderttausendfach geteilt macht in den sozialen Netzwerken gerade eine kurze Videosequenz von Trumps Amtseinführung die Runde. Darin ist zu sehen, wie Melania vermeintlich gezwungen lächelt, als ihr Mann sich kurz zu ihr umdreht. Kaum wendet er sich wieder nach vorne, verschwindet das Lächeln blitzartig:

Das sieht alles erst mal irgendwie witzig aus und Donald Trump, dem pussy-grabschenden Ekel, gibt man bei jeder Gelegenheit gerne eins mit, schließlich ist man ja moralisch überlegen. Doch tatsächlich transportieren die "FreeMelania"-Scherzkekse selbst ein Frauenbild, das sie unter anderen Umständen wohl eher Donald Trump zuschreiben würden.

Die Frau weiß sich eben nicht zu helfen, heißt es hochnäsig

Während feministische Theorien das Problem mangelnder Handlungsmacht (Agency) von Frauen behandeln, wird Melania unter dem Hashtag #FreeMelania jede Fähigkeit zur Selbstbestimmung abgesprochen, weil man ihre Unterstützung eines offensichtlich sexistischen Mannes ideologisch nicht nachvollziehen kann.

Im Kern gründet sich der "FreeMelania"-Humor auf dem Bild der schutzbedürftigen, abhängigen Frau, die nicht selbstbestimmt handelt. Die scherzhaft demonstrierte Hilfsbereitschaft bricht dieses Frauenbild nicht ironisch. Ausgangspunkt ist vielmehr die Annahme, dass sich eine 46-jährige Frau nicht selbst helfen kann, oder es eben nicht besser weiß, und zum Licht der Erkenntnis geführt werden muss. Wie könnte es auch anders sein, schließlich war Melania auch einmal leicht bekleidet auf einem Magazincover zu sehen gewesen.

Die "FreeMelania"-Meme im Netz werden von vielen geteilt, die zwei Tweets vorher noch den Trump-Sieg altklug damit begründet haben, dass Hillary Clintons Feminismus eben nur eine kleine, weiße Elite angesprochen habe, während People of Color sich darin nicht wiedergefunden hätten. Klar, dass man so keine Wahlen gewinnt und das Land vereint.

Wer Donald Trump treffen will, sollte nicht auf seine Frau zielen

Die vermeintlichen Belege für Melanias öffentlich demonstrierte Abscheu für ihren Ehemann sind ohnehin wenig überzeugend. Der kurze Videoausschnitt von der Inaugurations-Zeremonie zeigt allenfalls, wie Melania Trump während einer religiösen Ansprache schnell versucht, ihre Mimik unter Kontrolle zu bringen, wohl, weil sie währenddessen nicht grinsend abgelichtet werden wollte.

Die Verschwörungstheorie, nach der Trump-Kritiker das Video rückwärts laufen lassen, um den erwünschten Effekt zu erzielen, ist übrigens falsch.

Dass jede Regung einer First Lady genau analysiert wird, damit muss Melania Trump nun leben. Auch mit dem Spott über ihre verpatzten öffentlichen Reden. Es gibt wahrlich genügend Gründe, kein Fan von Melania Trump zu sein. Der "FreeMelania"-Bewegung sollte man sich aber trotzdem nicht anschließen. Nicht zuletzt, weil eine Frau nie das Vehikel dafür sein sollte, um dem Mann an ihrer Seite zu schaden. Auch nicht, wenn es sich dabei um Donald Trump handelt.

Dieser Text ist zuerst bei Spiegel Online erschienen.


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