Bild: Getty Images / Pablo Blazquez Dominguez
"Ich bin sehr zufrieden, dass ich es getan habe."
Was ist passiert?

Es ist der unrühmliche Höhepunkt des spanischen Wahlkampfes: Ein 17-Jähriger hat dem spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy am Mittwochabend ins Gesicht geschlagen – mit der Faust.

Das Video

Andrés V. F. attackierte Rajoy am Mittwochabend während einer Wahlkampfveranstaltung in Rajoys Heimatstadt Pontevedra in der spanischen Region Galicien.

"Capi", wie Andrés von seinen Freunden offenbar genannt wird, stand lange ruhig in der Nähe von Rajoy, inmitten von Menschen, die Selfies mit dem Ministerpräsidenten machten. Schließlich schlug Andrés zu, mit voller Kraft. Er traf Rajoy im Gesicht, die Brille zerbrach.

Auf Fotos ist Rajoy mit kleineren roten Schwellungen im Gesicht zu sehen. Seine Wahlkampftour setzte er trotzdem fort.

"Töte ihn, Capi"

Die Attacke auf Rajoy war offenbar keine spontane Entscheidung. Spanische Medien (El Mundo, El Español) zitieren übereinstimmend aus WhatsApp-Nachrichten zwischen Andrés und seinen Freunden. Demnach stachelten Andrés' Freunde ihn kurz vor der Attacke an – unter anderem mit den Worten: "Töte ihn, Capi". Capi habe mit einem Selfie geantwortet und geschrieben: "Jetzt gehe ich raus."

Die Motive des Jugendlichen sind noch unklar, es gibt aber einige erste Hinweise.

Auf Twitter soll der Jugendliche 2014 den beiden Zeitungen zufolge angekündigt haben: "Ich werde ein Attentat auf die Parteizentrale der PP verüben." PP steht für Partido Popular, die konservative Regierungspartei von Mariano Rajoy. Schon im Juli 2013 soll Andrés die Partei und Rajoy persönlich auf Twitter heftig beschimpft haben – unter anderem als "Schande von Pontevedra" und "Diebe", die endlich zurücktreten sollten. Dass der Account wirklich der von Andrés V. F. ist, haben die Behörden bisher noch nicht offiziell bestätigt.

Seit Anfang 2013 ist klar, dass die Regierungspartei von Rajoy und auch die Parteispitze in einen großen Korruptionsskandal verwickelt sind. Die Partei hatte jahrelang illegale Spenden von Unternehmen erhalten.

Spanische Medien beschreiben Andrés als linken Nationalisten und Fußballfan mit Kontakten zur örtlichen Hooliganszene. Auf dem Twitterprofil beschreibt er sich selbst auf galicisch als "Antifaschisten". Außerdem berichten El Mundo und El Español unter Berufung auf anonyme Quellen im Umfeld der Familie, dass Andrés psychische Probleme habe.

Was Andrés jetzt erwartet
Ich bin sehr zufrieden, dass ich es getan habe.
Andrés zur Polizei

Andrés wurde nach der Attacke von der Polizei festgenommen und verhört. Den Schlag bereut er nicht. Zur Polizei sagte er: "Ich bin sehr zufrieden, dass ich es getan habe."

Ihm droht nun eine Anklage wegen eines Anschlags auf die Staatsgewalt. Normalerweise kann das mit bis zu sechs Jahren im Gefängnis bestraft werden. Allerdings wird das spanische Jugendstrafrecht den 17-Jährigen wohl vor einem Gefängnisaufenthalt bewahren.

Wie ist die Situation junger Spanier?

Nicht gut. Viele sind frustriert, vor allem wegen der hohen Arbeitslosigkeit und korrupter Politiker.

Seit Beginn der Wirtschaftskrise hat sich die spanische Wirtschaft zwar leicht erholt. Aber die Jugendarbeitslosigkeit ist weiter extrem hoch, sie liegt bei knapp 48 Prozent. Viele sind inzwischen ausgewandert, um woanders nach Arbeit zu suchen. Selbst diejenigen, die eine Stelle finden, bekommen häufig nur schlecht bezahlte befristete Verträge.

Arbeitslosigkeit in Spanien(Bild: SPIEGEL ONLINE)
Was passiert bei den Wahlen?

Am Sonntag stehen in Spanien Wahlen an. Sie werden wahrscheinlich das Ende der Dominanz der beiden großen Parteien bedeuten. Sozialisten (PSOE) und Konservative wechseln sich seit dem Übergang zur Demokratie 1982 an der Regierungsspitze ab.

Die Regierungspartei Partido Popular von Mariano Rajoy liegt in Umfragen zwar noch knapp vorne – wird aber aller Voraussicht nach, wenn überhaupt, nicht mehr alleine regieren können. Bisher regiert die PP mit absoluter Mehrheit.

Hoffnung auf einen Neuanfang machen zwei neue Parteien: Die linke, bisweilen populistisch auftretende Bewegung Podemos (übersetzt: "Wir können") und Ciudadanos ("Die Bürger"), die häufig als FDP Spaniens beschrieben wird. Beide hoffen auf eine Beteiligung an der künftigen Regierung. Gerade junge Spanier wollen diese Parteien wählen, zeigen Umfragen.

Weit vorne bei den jungen Wählern liegt Podemos.

Podemos-Chef Pablo Iglesias(Bild: Getty Images / David Ramos)

Die Partei ist aus Unzufriedenheit mit der Regierung und ihrem Umgang mit der Wirtschaftskrise entstanden. Was 2011 mit großen Demonstrationen der "Empörten" gegen die Regierung und Korruption begann, hat sich in eine politische Partei gewandelt. In Umfragen liegt sie inzwischen mit den alten Parteien fast gleichauf.