Liebe Hipster, ihr müsst jetzt ganz stark sein: Ihr habt Schmutz im Bart. Bei euch tummeln sich Bakterien im Gesicht, die sonst nur dort zu finden sind, wo man seine Notdurft verrichtet. Kribbelt es manchmal in eurer Haarpracht rund um das Kinn? Das sind vermutlich die Mikroben, die zu Tausenden vom Bart Besitz ergreifen. So legte es jedenfalls eine Meldung über eine Studie nahe, die erst kürzlich die Runde machte.

Beim "Focus" war zu lesen, dass es in manchen Bärten schmutziger sei als in Toiletten, auch RTL hatte berichtet. Einige News-Seiten gaben Hygienetipps oder warnten gar vor intimem Kontakt mit einem Bartträger. "Die Keime übertragen sich auch beim Küssen", so die "Wirtschaftswoche". Und so mancher bärtige Leser dürfte sich gefragt haben, ob er sich jetzt wieder ein babyhautglattes Gesicht wie in der Rasierklingenwerbung zulegen soll?

Notwendig ist das nicht, liebe Bartträger.

Denn die sogenannte Studie ist nichts weiter als eine Mini-Stichprobe des US-Senders KOAT Action 7 News aus Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico – mit einer ernsthaften klinischen Studie hat sie nichts zu tun. Die Station hatte ihre Reporterin losgeschickt, um auf der Straße bei einer "Handvoll tapferer Männer" Abstriche aus dem Fusselbart zu nehmen. Es dürften also nur eine Handvoll Proben gewesen sein – eine verschwindend geringe Zahl.

Mit den Barthaarabstrichen hat sich die Journalistin an ein Labor gewandt und sie dort analysieren lassen. "Normalerweise bin ich nicht so schnell überrascht. Aber hier war ich es", sagt der Mikrobiologe John Golobic, der die Untersuchung für das Institut Quest Diagnostics durchgeführt hat.

Einige der Bartproben sollen viele übliche Bakterien enthalten haben, manche sogar Darmkeime. "So etwas findet man sonst in Fäkalien", sagte der Wissenschaftler. Krank machen würden die Bakterien aber nicht. Über Zahl, Art oder Mengen schweigt sich der Beitrag ganz aus. Sind die Ergebnisse, die das Bartstreichen mit einem Griff ins Klo vergleichen, ernst zu nehmen?

Tatsächlich kam eine Studie aus dem Jahr 2000 zu dem Ergebnis, dass bärtiges OP-Personal trotz Mundschutz mehr Bakterien absondert als glattrasiertes. Allerdings wurden die zehn bärtigen Studienteilnehmer gebeten, ihren Kopf mit der Maske kräftig zu schütteln, während die Partikel auf Nährböden aufgefangen wurden – eine Praxis, die im OP eher selten praktiziert werden dürfte.

Andere Studien entlasten den Bart als Bakterienschleuder:

Bei einer Untersuchung der Gesichtsbehaarung von Krankenhauspersonal fanden Forscher zwar Bakterien. Die Arbeit, die im "Journal of Hospital Infection" veröffentlicht wurde, kam aber zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit, als Bartträger resistente Keime auf der Haut zu haben, sogar etwas geringer ist als bei Personen ohne Bart. Insgesamt sei die Besiedlungsdichte bei Glattrasierten und Gesichtshaarträgern ähnlich. Deshalb empfehlen die Forscher aufgrund ihrer Daten, dass ungeachtet der Gesichtsbehaarung alle Mitarbeiter bei hygienisch-sensiblen Tätigkeiten Mundschutz tragen sollten.

Und dass die Forscher sowie auch der Sender in Bärten Darmbakterien gefunden haben, ist nicht besonders verwunderlich. Sie finden sich überall: Auf Handys, Geldscheinen oder anderen Alltagsgegenständen. Und auf der Haut: 205 Gattungen und rund tausend verschiedene Bakterienarten haben Forscher auf dem größten Organ von gesunden Menschen gefunden, berichtete das Magazin "Science" 2009. Die größte Vielfalt entdecken sie übrigens weder im Gesicht noch in den Achselhöhlen, sondern auf dem Unterarm.

Mit Fäkalien hat das aber nichts zu tun – Bakterien wie E. coli sind nicht direkt mit Exkrementen gleichzusetzten, wie es in vielen Meldungen zu der US-Stichprobe kolportiert wurde. Und natürlich wurden auch keine Fäkalien in den Bärten gefunden.

Wo ein rauschender Vollbart die Gesichtsfläche vergrößert, ist eben auch Platz für Keime. Die Haarpflegespezialistin Carol Walker vom Birmingham Trichology Centre erklärte der britischen "Daily Mail", dass Barthaare stärker gekräuselt seien und die Oberfläche vergleichbar mit Dachziegeln sei, die ineinander geschoben werden. Diese Struktur würde es Keimen leichter machen, daran haften zu bleiben.

Aber es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Konzentration im Bart eine höhere oder gar eine gefährlichere wäre als woanders. Niemand muss sich also den Bart abrasieren – pflegen sollte man ihn aber schon. Zudem empfiehlt Golobic regelmäßiges Händewaschen. Das sollte allerdings auch ohne Vollbart im Gesicht völlig selbstverständlich sein.

Dieser Artikel ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.

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