Bild: Pool Presidency Press Service/AP & Frank Rumpenhorst / dpa

Seit Tagen geht es in den Nachrichten immer wieder um den starken Wertverlust der türkischen Lira. Aber was bedeutet das denn überhaupt, wenn so eine Währung an Wert verliert? Wie kann so etwas passieren?

Wie kam es dazu, dass die türkische Lira so sehr an Wert verliert?

Viele Ursachen spielen hier mit rein, denn schon seit Jahren sinkt der Wert der türkischen Lira, allein seit Beginn diesen Jahres hat die Lira mehr als 40 Prozent ihres Wertes verloren. 

Die Gründe: 

  • ein starker Anstieg der Inflation
  • sowie die Sorge der Finanzmärkte vor einer wachsenden Kontrolle der Notenbank des Landes durch den Staatspräsidenten Erdogan (SPIEGEL ONLINE). 
  • Die Krise zwischen der Türkei und der USA gilt als ein besonderer Verstärker der Wirtschaftskrise in der Türkei, der Beginn dieser Krise hatte die Lira in den freien Fall befördert:

Der evangelikale Pastor Brunson aus den USA war 2016 im westtürkischen Izmir wegen Terrorvorwürfen in Untersuchungshaft genommen worden und wurde kürzlich unter Hausarrest gestellt. US-Präsident Donald Trump hat wiederholt seine umgehende Freilassung gefordert. Anfang August verhängte seine Regierung Sanktionen gegen zwei türkische Minister, die die Türkei erwiderte. (SPIEGEL ONLINE)

Die Regierung in Ankara ist dagegen verärgert, dass die USA eine Auslieferung des in den USA lebenden Erdogan-Rivalen Fethullah Gülen verweigern, den Erdogan für einen Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich macht.

Trump hatte dann im Verlauf des Streits auch eine Verdopplung von Strafzöllen auf türkische Einfuhren von Stahl und Aluminium verkündet. Erdogan reagierte mit einem Aufruf zum Boykott von Elektrogeräten aus den USA (SPIEGEL ONLINE).

Der Wert der Lira sank und sank.

Was sind die Folgen dieser Währungskrise für die Türkei?

Zunächst könnte man denken, dass eine schwache Währung ja gut sein kann – zumindest für Exporteure. Also wenn jemand etwas ins Ausland verkauft und dafür Dollar oder Euro kassiert, bekommt er dafür ja jetzt mehr Lira. 

Außerdem müsste eine schwache Währung Touristen anlocken, denn für die ist ein Urlaub in einem Land mit schwacher Währung auch günstig. Für ihre paar Euro bekommen sie viele Lira, beziehungsweise Dienstleistungen und Produkte, raus. 

Klingt erst mal positiv. ABER:

Während Exporte profitabler werden, werden Importe logischerweise gleichzeitig teurer. Denn für Importe müssen in wertvollen Euro oder Dollar bezahlt werden.
Das lässt die Inflation und die Preise im Inland steigen, aktuell vor allem bei Strom, Treibstoff und Lebensmitteln. Das Vertrauen in die Währung sinkt im In- und Ausland.
Zusätzlich hat sich die Türkei in ihren "fetten Jahren", den frühen 2000er Jahren, sehr auf ausländische Märkte gestützt und sich in Euro und Dollar verschuldet. Die Zinsen und Tilgungsraten aus diesen Schulden ziehen die Türkei in noch größere Schulden.
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Aber wer gibt der Türkei jetzt noch Kredite, damit sie damit ihre Schulden abbezahlen kann? Darum müssen sich die alten Kreditgeber der Türkei darüber Sorgen machen, ob sie ihr Geld überhaupt zurückbekommen. Damit kommen wir unmittelbar zum nächsten Punkt, den Folgen für den Rest der Welt.  (Focus/Tagesschau

Was sind die Folgen für den Rest der Welt?

Da die Türkei wahrscheinlich gerade ihre Schulden nicht zurückzahlen kann, entsteht die Sorge der Börsen, dass die Kredite europäischer Banken an die Türkei reihenweise ausfallen könnten.

So berichtete die "Financial Times" am Freitag vergangener Woche, dass die Europäische Zentralbank (EZB) besorgt um Großbanken aus dem Euroraum mit starker Verbindung in die Türkei sei. Vor allem drei Institute stünden unter der besonderen Beobachtung der EZB: die spanische BBVA, die französische BNP Paribas und die italienische Unicredit. Auch die Anleger scheinen diese Sorge zu teilen: Die Aktienkurse dieser Banken sind seit Anfang August um zehn bis zwölf Prozent gesunken.

Allerdings besteht wohl keine große Gefahr, dass wir eine zweite Griechenlandkrise bekommen. Zum einen ist die Türkei kein EU-Mitglied. Die Banken haben aber auch aus der Schuldenkrise Griechenlands gelernt und sind heute viel robuster. Eine große, europaweite Krise ist also nicht zu erwarten. (SPIEGEL ONLINE)

Außerhalb der EU könnte mehr passieren: An der Börse flüchten Anleger in die harte Währung Dollar. Die Folge: die Währungen anderer (Schwellen-)Länder wie Südafrika, Russland und Indien brachen kurzzeitig ein. Diese Währungen konnten ihre Verluste zwar inzwischen verringern, aber die Angst bleibt. (SPIEGEL ONLINE)

Wie geht es jetzt weiter?

Wie hilft sich die Türkei selbst?

Unter normalen Umständen wäre eine offene Leitzins-Erhöhung naheliegend. Höhere Zinsen halten Anleger tendenziell davon ab, ihr Geld abzuziehen, weil Finanzanlagen in der Türkei wieder attraktiver werden. Dadurch wird die Lira tendenziell gestärkt. Sind die Zinsen dagegen zu niedrig, kann wegen der Unsicherheit um den Wert der Lira in Kombination mit der hohen Inflation Kapitalflucht folgen. 

Erdogan ist ein erklärter Feind hoher Zinsen, weshalb die Notenbanker in Ankara es bisher nicht wagten, die Zinsen anzuheben – offiziell jedenfalls. 

Inoffiziell haben sie sich einen Tricks bedient: Statt sich an eine offizielle Zinserhöhung heranzutrauen, die bei Erdogan in Ungnade gefallen wäre, boten sie den Geschäftsbanken einfach seit dem Wochenbeginn gar kein Geld mehr an, für das der Haupt-Zinssatz von 17,75 Prozent fällig gewesen wäre. 

Die Banken, die Verbraucher und Unternehmen mit Krediten versorgen, mussten daher auf den sogenannten Übernacht-Zins ausweichen – mit 19,25 Prozent liegt der klar höher. So könnte sich die Menge des umlaufenden Geldes verknappen – und vielleicht die sehr hohe Inflation entspannen, die zuletzt bei 15,9 Prozent gelegen hatte. 

Unklar bleibt, ob Erdogan diese Strategie – sofern er im Detail von ihr weiß - eher ärgert oder freut. Einerseits untergräbt sie seine im populistischen Ton vorgetragenen Forderungen, die Zinsen nicht zu erhöhen. Andererseits gibt sie die Möglichkeit, das Nötige zur Bekämpfung der Lira-Krise zu tun – ohne dass der Staatschef öffentlich Fehler oder Schwächen einräumen muss.

Am Freitag verlor die Lira dann doch wieder stark an Wert – nach einigen Tagen der Erholung. Zum Mittag gab die türkische Währung im Verhältnis zum US-Dollar bis zu knapp acht Prozent nach. Auch zum Euro ging es ähnlich stark bergab. 


Mit Material von dpa


Future

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