Bild: bento / dpa

Eine Veganerin stört sich an "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" – und die Stadt Limburg streicht das Lied aus dem Glockenspiel des Rathauses. Nun muss der Bürgermeister einen Sturm der Entrüstung ertragen.

Johannes Laubach kann die ganze Angelegenheit nicht wirklich begreifen. "Eigentlich dachte ich", sagt der Pressesprecher der Stadt Limburg, "dass diese Sache im Bistum heute das große Thema ist." Mit "dieser Sache" meint Laubach die derzeitigen Kinderporno-Ermittlungen gegen einen Mitarbeiter der Diözese. Doch die seien nicht das bestimmende Thema in der hessischen Stadt – sondern der Streit um ein uraltes Kinderlied.

Aber von vorn.

Vor Kurzem, so sagt Laubach und so berichten es lokale Medien, habe sich eine Veganerin bei der Stadt über das Glockenspiel des Rathausturms beschwert. Das spielt unter anderem die Melodie des Kinderliedes "Fuchs, du hast die Gans gestohlen" – und das störte die Limburgerin demnach: Die Frau, die nach eigenen Angaben keine tierischen Produkte esse, störe sich an der Liedzeile "Sonst wird dich der Jäger holen, mit dem Schießgewehr".

Seit dieser Woche spielt das Glockenspiel das Lied nun nicht mehr, das hat die Stadtverwaltung von Bürgermeister Marius Hahn so entschieden. Seitdem klingele bei ihm permanent das Telefon, so Laubach. Vor allem aber werde die Stadtverwaltung derzeit von einer beispiellosen Welle des Hasses überrollt.

Viele Leute regten sich demnach im Internet über den Protest der Veganerin auf, so Laubach, aber auch der Bürgermeister werde in den sozialen Netzwerken massiv angefeindet – "bis hin zu Rücktrittsforderungen". "Die Leute fragen sich, warum wir uns für so etwas überhaupt Zeit nehmen", sagt Laubach, "dabei war das eine Sache von fünf Minuten."

Um dieses Kinderlied geht es:
"Der Hahn, der Hahn, der ist nicht vegan"

Zudem ist die Aufregung offenkundig übertrieben: Das umstrittene Lied ist eines von insgesamt 33 Stücken, die im Wechsel aus der Turmuhr klingen - für jeweils etwa eine Minute, ohne Text. Zum Repertoire gehören laut Laubach Weihnachtslieder, die Nationalhymnen der Länder aller Partnerstädte Limburgs sowie 16 Volks- und Kinderlieder.

Verantwortlich für den Wechsel der Lieder sei der Hausmeister, so Laubach, "ich bin selbst erst seit gestern im Besitz der Liste". Soll heißen: Die Musik des Glockenturms ist für gewöhnlich nicht Chefsache. Dass sich Bürgermeister Hahn trotzdem der Angelegenheit annahm, habe mit dem Karneval zu tun.

Denn nachdem sich die Veganerin, die in Hörweite des Rathauses arbeitet, bei der Stadt über das Lied beschwert hatte, nahm Bürgermeister Hahn die Anregung in einer karnevalistischen Büttenrede aufs Korn:

"Der Hahn, der Hahn, der ist nicht vegan - und sagt ganz unverhohlen: Der Fuchs, der hat die Gans gestohlen."

Erst nach der Rede habe SPD-Politiker Hahn entschieden, das Lied vorerst aus dem Repertoire des Glockenspiels zu nehmen, so Laubach: "aus Nettigkeit, als Geste". Die Melodie sei aber keineswegs komplett aus dem Programm genommen worden - sondern werde in wenigen Wochen turnusgemäß wieder gespielt.

"Es gibt hier im Moment keine inhaltliche Debatte über das Lied", sagt Laubach, "sondern ein Kopfschütteln über den jetzigen Hype darum."

Dieser Text ist zuerst bei SPIEGEL ONLINE erschienen.


Gerechtigkeit

Was junge Menschen aus Aleppo jetzt berichten

Einen Tag vor Weihnachten fielen in Aleppo keine Bomben mehr. Nach mehr als fünf Jahren Kampf hatte die syrische Armee die Stadt Ende Dezember 2016 komplett erobert (bento). In Syrien herrscht seit bald sechs Jahren Bürgerkrieg – die Handelsmetropole Aleppo im Norden galt als der am härtesten umkämpfte Ort. Fast täglich gab es Berichte aus "der Hölle von Aleppo", wie der Kampf bald genannt wurde.

Jetzt, knapp zwei Monate später, hört man nur noch wenig aus der "Hölle": Die syrische Regierung sagt, sie habe die Stadt befreit und baue sie nun wieder auf. Rebellen sagen, sie seien vertrieben worden, zwangsevakuiert – und das Regime von Baschar al-Assad bringe weiter Menschen um. Was stimmt, ist unklar.

bento hat daher in den vergangenen Wochen mit mehreren Menschen aus Aleppo gesprochen – denen, die in der Stadt blieben und denen, die sie verlassen haben.