Bild: dpa / Martin Schutt

Wer sind wir Deutschen, wer wollen wir sein? Diesen großen Fragen widmet sich Innenminister Thomas de Maizière in der "Bild am Sonntag". In zehn Punkten fasst er dort zusammen, welchen bisher ungeschriebenen Regeln unsere Gesellschaft seiner Meinung folgt – nach welcher "Leitkultur" wir leben. 

"Es ist die Mischung, die ein Land einzigartig macht und die letztlich als Kultur bezeichnet werden kann", schreibt der CDU-Politiker und oberste Polizeichef des Landes. Dann kommen die zehn Thesen über die Gegenwart und über die Vergangenheit Deutschlands. Es geht ihm um Bildung, Patriotismus und Religion. 

Soziale Gewohnheiten

Wir legen Wert auf einige soziale Gewohnheiten: Wir sagen unseren Namen, wir geben uns zur Begrüßung die Hand. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka. 

Gerade noch freut sich de Maizière über unsere offene Gesellschaft, schon kommt er mit Vorschriften. In seiner Vorstellung von offener Gesellschaft dürfen wir nicht selbst entscheiden, ob wir jemandem zur Begrüßung die Hand geben oder lieber eine Armlänge Abstand halten.

Titel der "BamS": "Wir sind nicht Burka"(Bild: bento / Nike Laurenz)

Dabei kann in Norddeutschland schon ein kurzes "Moin" als unzumutbar aufdringlich empfunden werden, während man im Süden nicht ohne eine herzliche Umarmung und drei nasse Küsse an einem Fremden vorbeigehen kann. Manchmal ist es auch umgekehrt: Unsere Begrüßungsformen sind schließlich höchst individuell.

"Wir sind nicht Burka" ist billiger Populismus. Hier wird das typische Feindbild von AfD und Pegida hinaufbeschworen. Dabei ist gar nicht so einfach, auch nur eine Burka-Trägerin in Deutschland zu finden. Vor allem aber gibt das Grundgesetz keine Styling-Tipps: In einer offenen und freien Gesellschaft kann jeder anziehen, was er mag.

Bildung

Wir sehen Bildung und Erziehung als Wert und nicht allein als Instrument. 

Es entspreche nicht unserem Verständnis von Bildung, dass Schule stärker auf spätere Berufe vorbereiten soll, schreibt de Maizière.

Ah! Deswegen gibt es jetzt auch so viele Bachelor-Studiengänge, in denen man im Eiltempo auf spätere Berufe vorbereitet wird. Häh?

Leistung

Wir sehen Leistung als etwas an, auf das jeder Stolz sein kann. 

Leistung bringt Wohlstand, findet der Innenminister. Keine Frage, die Wirtschaftslage in Deutschland ist gut – doch große Teile der Bevölkerung können davon nicht profitieren:

  • Mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens konzentriert sich auf zehn Prozent der Haushalte. (SPIEGEL ONLINE)
  • Das Armutsrisiko ist auf dem höchsten Stand seit der Wiedervereinigung 1990. (SPIEGEL ONLINE)
  • Besonders in sozialen Bereichen kommt es immer wieder zu Notständen, zum Beispiel in der Pflege. (SPIEGEL ONLINE)

Religion

In unserem Land ist Religion Kitt und nicht Keil der Gesellschaft. Dafür stehen in unserem Land Kirchen mit ihrem unermüdlichen Einsatz für die Gesellschaft.

In Deutschland herrscht Religionsfreiheit. So steht es im Grundgesetz. Gleichzeitig stellt eine christliche Partei die Bundeskanzlerin und de Maizière schreibt als Christ hingebungsvoll von Kirchtürmen, Feiertagen und christlicher Prägung. Rund 60 Prozent der Bevölkerung zählt sich zum Christentum.

Wie frei können sich Religiöse in Deutschland also wirklich fühlen? Die, die keine Christen sind, sondern anderen Religionen angehören? 

Lebensformen

Wir akzeptieren unterschiedliche Lebensformen, und wer dies ablehnt, stellt sich außerhalb eines großen Konsenses.

Ach ja? Eigentlich müsste er schreiben, dass unterschiedliche Lebensformen schulterzuckend hingenommen werden. Denn von Akzeptanz kann keine Rede sein: De Maizière ist in der CDU, und die lehnt die Ehe für alle ab. 

Immer wieder demonstrieren Homosexuelle in Deutschland für die Gleichstellung, weil viele ihre Lebensform nicht akzeptieren. Und: Das Gesetz verbietet es zwei Homosexuellen noch immer, gemeinsam ein Kind zu adoptieren.

Patriotismus

Wir sind aufgeklärte Patrioten. Ein aufgeklärter Patriot liebt sein Land und hasst nicht andere. Wir sind Teil des Westens. Kulturell, geistig und politisch. 

Es habe in der Vergangenheit zwar Probleme mit dem deutschen Patriotismus gegeben, schreibt de Maizière. Das dürfte die Untertreibung des Jahrhunderts sein: Im patriotischen Wahn haben Deutsche einen Weltkrieg angezettelt und mehrere Millionen Menschen getötet. "Problem" trifft es vielleicht nicht ganz.

Wo jemand etwas eingrenzt, da schließt er andere aus.

Vaterlandsliebe und Nationalstolz kommen im Grundgesetz nicht vor. Niemand muss stolz auf Deutschland sein – schließlich ist es Zufall, dass man ausgerechnet in Deutschland geboren wurde und nicht in einem anderen Land. Deutscher zu sein, das ist keine Leistung.

So können de Maizières Worte wohl kaum zu einem Miteinander beitragen, in dem sich alle wohlfühlen. Denn wo jemand etwas eingrenzt, da schließt er auch andere aus. Es passt nicht zusammen: Die offene Gesellschaft auf der einen Seite zu feiern – und auf der anderen Seite all jenen Vorschriften machen wollen, die nicht genau so sind wie die gefühlte Mehrheit.


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