Bild: dpa / Sven Hoppe
Ärztepräsident Montgomery widerspricht Vorurteilen

Flüchtlinge bringen gefährliche Krankheiten nach Deutschland. Sie überfordern das Gesundheitssystem und Ärzte. Immer wieder verbreiten Menschen diese Vorurteile, im Internet, am Stammtisch, auf der Straße. In einem Interview mit der "Welt" widerspricht jetzt Frank-Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, die Organisation vertritt die Interessen der rund 420.000 Ärzte in Deutschland.

Der Zeitung sagte er:

  • "Das Krankheitsbild der Flüchtlinge ist auch nicht so schlimm, wie wir anfangs befürchtet haben. Sie schleppen keine Infektionskrankheiten ein, und es kommen auch keine chronisch Kranken."
  • "In der Regel sind es junge, dynamische Männer. Die durchschnittlichen Gesundheitskosten eines Asylbewerbers liegen bei 2300 Euro, das sind 600 Euro weniger als bei einem Deutschen. Das sind übernormal gesunde Menschen. Die können wir in unserem Gesundheitssystem gut behandeln."
  • "Die Impfbereitschaft der Flüchtlinge ist groß."
Warum so viele junge Männer?

Die Flucht ist gefährlich, anstrengend und teuer - unter anderem deswegen kommen derzeit viele junge Männer nach Deutschland. Erst mal soll eine Person den Weg gehen, in der Hoffnung, dass der Rest der Familie dann folgen darf.

Frank-Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer(Bild: dpa / Stephanie Pilick)
Es gibt keine Probleme?

Doch, die gibt es. Eigentlich sollen Flüchtlinge innerhalb von drei Tagen ärztlich untersucht werden, so steht es im Gesetz. Das schaffe kaum ein Land, sagte Montgomery der "Welt". "Aber wir kriegen das zeitnah hin." Auch haben die Männer, Frauen und Kinder natürlich auf der Flucht gelitten: "Sicherlich, fluchtbedingt gibt es traumatische Erlebnisse und auch körperliche Beschwerden."

Schon im September hatte das Robert-Koch-Institut, ein Bundesinstitut für Infektionskrankheiten, gesagt: Die Menschen seien durch die anstrengende Flucht zwar anfälliger für Krankheiten. Aber: "Wir sehen im Moment keine Gefahr für die Allgemeinbevölkerung", sagte damals der Infektionsspezialist Andreas Gilsdorf vom Institut. (SPIEGEL ONLINE)

Und die kulturellen Unterschiede?

Die sprachlichen Verständigungsprobleme lassen sich recht leicht beheben: Dolmetscher würden den Ärzten helfen, sagte Montgomery, manchmal auch via Skype. Kulturelle Unterschiede lassen sich nicht immer so leicht überwinden. So würden strenggläubige Muslime manchmal Frauen nicht die Hand geben. Das wird vielleicht als unhöflich empfunden, hat aber keine gesundheitlichen Konsequenzen. Problematischer ist es, wenn der Patient Beschwerden verschweigt, weil er mit seiner Ärztin "nicht über Probleme zwischen Bauchnabel und Kniescheibe reden" will.

Dazu sagte der Ärztepräsident: "Wir können doch auch nicht erwarten, dass sich jemand nach dem Übertritt der deutschen Grenze perfekt so verhält wie wir. Dann bräuchten wir ja keine Integrationskurse mehr. Wir müssen ihnen doch eine Chance und auch die Zeit geben, Integration zu lernen, auch nach dem, was sie alles auf der Flucht erlebt haben."

Quellen
  • "Die Flüchtlinge sind übernormal gesunde Menschen" (Die Welt)
  • Krankheiten in Flüchtlingslagern: "Kein Anlass zur Sorge" (SPIEGEL ONLINE)

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