Ein interner Bericht der Polizei offenbart das Ausmaß der Silvester-Übergriffe in Köln. Das Protokoll liegt dem SPIEGEL vor. Der Autor schildert darin die Situation am Kölner Hauptbahnhof als "chaotisch und beschämend".

Dem Bericht zufolge trafen die Beamten auf zahlreiche verstörte, weinende, verängstigte Passanten, insbesondere Frauen und Mädchen. Diese hätten "Schlägereien, Diebstähle, sex. Übergriffe an Frauen usw." gemeldet. Als Täter wurden immer wieder männliche Migrantengruppen genannt.

Außerdem listet das Protokoll Beispiele für konkrete Erlebnisse von Polizisten auf:
  • Beamte wurden demnach durch enge Menschenringe daran gehindert, zu Hilferufenden vorzudringen.
  • Ein Mann wird zitiert: "Ich bin Syrer, ihr müsst mich freundlich behandeln! Frau Merkel hat mich eingeladen."
  • Zeugen wurden bedroht, wenn sie Täter benannten.
  • Menschen zerrissen dem Bericht zufolge vor den Augen der Polizisten Aufenthaltstitel, grinsten und sagten: "Ihr könnt mir nix, hole mir morgen einen neuen." Ob es sich um echte Dokumente handelte und um welche Art von Dokumenten, geht aus dem Bericht nicht hervor.
  • Erteilte Platzverweise wurden ignoriert; Wiederholungstäter in Gewahrsam zu nehmen, war aufgrund fehlender Kapazitäten nicht möglich.
  • Nach Gleissperrungen wegen Überfüllung seien Leute einfach auf das Nebengleis und dann über die Schienen wieder auf den gesperrten Bahnsteig gegangen.
  • Beim Einsteigen in Züge gab es körperliche Auseinandersetzungen, es galt das "Recht des Stärkeren".

Die Kölner Polizei hatte am 1. Januar in ihrer Bilanz zunächst von einer ruhigen Silvesternacht berichtet: Der Pressemitteilung zufolge "gestaltete sich die Einsatzlage entspannt" (Mitteilung der Kölner Polizei). Später mussten sich die Beamten korrigieren.


(Bild: dpa/Maja Hitij)
Der Stand der Ermittlungen:

Die Kölner Polizei hat inzwischen mehrere Tatverdächtige identifiziert. Wie genau sie mit den Übergriffen in Verbindung stehen, ist noch unklar.

  • Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) hatte am Mittwochnachmittag zunächst von drei Verdächtigen gesprochen. (SPIEGEL ONLINE)
  • Am Dienstagabend veröffentlichte die Kölner Polizei dann eine Pressemitteilung, in der von vier männlichen Tatverdächtigen die Rede ist; zwei Beschuldigte befinden sich demnach bereits in Untersuchungshaft.
  • Noch während des Silvestereinsatzes hätten Bundespolizisten in Bahnhofsnähe "zwei aus Nordafrika stammende Taschendiebe" festgenommen, heißt es in der Mitteilung. Die Männer seien identifiziert und anschließend wieder freigelassen worden. Nun würde wegen Diebstahlverdachts gegen sie ermittelt. (Pressemitteilung der Kölner Polizei)
  • Am Sonntagmorgen hätten Bundespolizisten auf einem Gleis am Kölner Hauptbahnhof weitere Männer festgenommen. Ihnen werde vorgeworfen, kurz zuvor einen Reisenden bestohlen zu haben. Gegen zwei dieser Männer konnte der Tatverdacht erhärtet werden, sodass sie bereits am vergangen Wochenende in Untersuchungshaft geschickt wurden. "Derzeit liegen konkrete Hinweise vor, dass die Beschuldigten kurz vor dem Diebstahl mehrere Frauen angesprochen und bedrängt haben", heißt es in der Mitteilung. (Pressemitteilung der Kölner Polizei)
  • Ob und wie genau all diese Verdächtigen an den Übergriffen der Silvesternacht beteiligt waren, ist noch nicht bekannt. (Pressemitteilung der Kölner Polizei, SPIEGEL ONLINE)
  • Am Donnerstag sprach der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers dann von insgesamt 16 Tatverdächtigen. Nähere Angaben machte er nicht. (N24)

Am Donnerstag kündigte die Kölner Polizei schließlich an, vorerst keine Auskünfte zum Einsatz in der Silvesternacht mehr geben zu wollen. Man wolle abwarten, bis sich das nordrhein-westfälische Parlament mit den Vorfällen in Köln befasst habe; am kommenden Montag soll es eine Sondersitzung des Innenausschuss des Landtages geben. (N24, SPIEGEL ONLINE)

Was sonst noch wichtig ist:
  • Seit der Silvesternacht sind allein in Köln mehr als 100 Anzeigen eingegangen, ein Großteil von ihnen wegen sexueller Belästigung. Aus Hamburg gibt es bislang 53 Anzeigen, weitere Fälle wurden aus Düsseldorf und Frankfurt gemeldet. (SPIEGEL ONLINE, Tagesschau)
  • Die Ermittlungsgruppe "Neujahr" wurde inzwischen aufgestockt. Fast 80 Mitarbeiter bemühen sich laut Polizeipräsident Albers um die Aufklärung. Der Grund für die Vergrößerung: Die Ermittlungen gestalten sich laut Abers "sehr schwierig". Es müsse viel Videomaterial unterschiedlicher Qualität ausgewertet werden, außerdem müssten zahlreiche Opfer und Zeugen vernommen werden. (N24)
  • Auch die Kölner Staatsanwaltschaft hat sich inzwischen zu den Vorfällen geäußert. Laut einer Pressemitteilung ermittelt sie auch in Richtung organisierte Kriminalität: "Tat- und Täterbeschreibungen lassen es derzeit zumindest nicht als ausgeschlossen erscheinen, dass das Geschehen organisierten Täterstrukturen zuzurechnen ist." (Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Köln)
  • Zeugenaussagen zufolge sollen die Männer dem Aussehen nach "überwiegend aus dem nordafrikanischen beziehungsweise arabischen Raum“ stammen. Bislang ist über die Identität der Täter allerdings nichts bekannt. Trotzdem wird in der Politik bereits über die Abschiebung straffällig gewordener Asylbewerber diskutiert. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) zum Beispiel hält eine Ausweisung der Täter für möglich: "Wer glaubt, sich bei uns über Recht und Gesetz stellen zu können, der muss bestraft werden – völlig egal, woher er kommt." Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagte, wer schwere Straftaten begehe, "der muss damit rechnen, aus Deutschland abgeschoben zu werden“. (SPIEGEL ONLINE)
  • Dem Kölner Stadtanzeiger zufolge haben bereits erste Touristen Reisen nach Köln abgesagt. (Kölner Stadtanzeiger)