Bild: dpa/ Oliver Killig

Immer mehr Menschen in Deutschland rüsten mit einem kleinen Waffenschein für Schreckschusspistolen oder Pfefferspray auf. Von Ende November bis Ende Januar nahm die Zahl dieser Waffenscheine um mehr als 21.000 zu. Das geht aus einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Frage der Grünen-Abgeordneten Irene Mihalic hervor. Demnach waren im Nationalen Waffenregister Ende Januar insgesamt fast 301.000 kleine Waffenscheine gespeichert.

Bereits nach den sexuellen Übergriffen auf Frauen in der Kölner Silvesternacht hatten die Behörden in mehreren Bundesländern wachsendes Interesse am kleinen Waffenschein gemeldet. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Was ist der kleine Waffenschein?

Sogenannte Schreckschuss,- Reiz- und Signalwaffen, die das Siegel der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) tragen, dürfen Volljährige in Deutschland frei erwerben. Diese Waffen dürften auch ohne Genehmigung zu Hause aufbewahrt werden. Wer die Waffen in der Öffentlichkeit trägt, braucht allerdings den Kleinen Waffenschein, sonst liegt eine Straftat vor, wie die Berliner Polizei deutlich macht.

Harmlos sind die Schreckschuss-Waffen, die oftmals wie scharfe Waffen aussehen, keineswegs. "Ein aufgesetzter Schuss kann tödlich sein", sagt die Leiterin der Hamburger Waffenbehörde, Christina Gerstle.

Auch ohne Kleinen Waffenschein dürfen sogenannte Reizstoffsprühgeräte, umgangssprachlich häufig als Pfefferspray bezeichnet, mitgeführt werden - dies gilt schon für 14-Jährige. Entscheidend ist auch hier das Siegel der Bundesanstalt, die zugelassenen Sprays sind mit dem Siegel "PTBr" gekennzeichnet.

Wer bekommt einen Kleinen Waffenschein?

Prinzipiell kann jeder Volljährige einen Kleinen Waffenschein bei der Waffenbehörde beantragen. Voraussetzungen sind die Zuverlässigkeit des Antragstellers und eine ausreichende körperliche und geistige Eignung. "Personen, die einschlägig vorbestraft sind, haben in der Regel keine Aussicht auf Ausstellung eines Kleinen Waffenscheins", schreibt die Stadt Hamburg.

Was bleibt auch mit Schein verboten?

Man darf die Waffe nicht in der Öffentlichkeit abfeuern. Neben Sonderfällen wie Theateraufführungen oder Startschüssen bei Sportveranstaltungen gibt es nur eine Ausnahme: Eine Notwehr- oder Notstandssituation. Pauschale Aussagen, wann Notwehr vorliegt, sind allerdings schwierig.

Bei öffentlichen Veranstaltungen, also beispielsweise auf Demonstrationen, im Kino, bei Fußballspielen oder auf Jahrmärkten, dürfe man die Waffen auch mit Kleinem Waffenschein nicht dabeihaben, erläutert Juristin Gerstle. Bei einer öffentlichen Silvesterparty oder in einer Diskothek sei die Waffe meist auch verboten. Es gebe aber Grauzonen bei der Frage, ob es sich um eine öffentliche Veranstaltung handelt oder nicht. Für Nicht-Juristen macht dies die Einschätzung schwer und führt zu Rechtsunsicherheit.

"Schreckschusspistolen in einer Konfliktsituation erhöhen immer die Wahrscheinlichkeit, dass die Situation eskaliert."
Was rät die Polizei?

"Waffen bieten nur eine scheinbare Sicherheit", sagt Martina Baumgart vom Landeskriminalamt Hamburg, Fachkommissariat Prävention und Opferschutz. Wenn Laien sich bewaffnen, stelle das im Ernstfall eine zusätzliche Gefahr dar. "Es ist eine absolute Stresssituation und man ist nur bedingt handlungsfähig", sagt Baumgart. Im Gegensatz zu trainierten Beamten würden bei den meisten Menschen keine automatisierten Handlungen ablaufen. Und deshalb bringen laut Baumgart auch erlaubnisfreie Waffen Gefahren mit sich.

  • "Schreckschusspistolen in einer Konfliktsituation erhöhen immer die Wahrscheinlichkeit, dass die Situation eskaliert", sagt Baumgart. Natürlich könne man das Glück haben, dass der andere nachgibt, er könne aber auch selbst eine Waffe ziehen. Der Angreifer könnte auch erkennen, so Baumgart, dass sein Opfer gar nicht mit der Pistole umgehen kann, ihm die Waffe entreißen und sie selbst einsetzen.
  • Auch beim Einsatz von Reizgas-Sprays gebe es unter Stress einiges zu bedenken: Wie entsichert man die Dose? Wie weit sprüht sie? Bekommt man sie überhaupt schnell genug aus der Tasche? "In Räumen sollte man Reizgas gar nicht einsetzen", sagt die Expertin. "Draußen gilt es immer, die Windrichtung zu bedenken, wenn man sich nicht selbst außer Gefecht setzen will."

"Sie im karierten Hemd! Helfen Sie mir, bitte rufen Sie die Polizei."
Was sind Alternativen bei der Selbstverteidigung?

Im konkreten Verteidigungsfall können auch "Alltagswaffen" wie eine Handtasche, ein Haustürschlüssel oder ein Regenschirm eingesetzt werden.

Die Polizistin empfiehlt zudem, auf das Bauchgefühl zu hören. In einer Situation, die sich bedrohlich anfühlt, gehe es um intelligente Konfliktvermeidung. Wenn möglich, sollte man einen anderen Weg wählen, die Straßenseite wechseln oder so tun, als würde man telefonieren. Ansonsten helfe es, laut zu sein, möglicherweise mit Hilfsmitteln wie Trillerpfeifen oder Schrillalarm. Auch konkrete Aufforderungen mit der Bitte um Hilfe können eine bedrängende Situation lösen. Dabei sei es wichtig, so Baumgart, Umstehende ganz klar anzusprechen: "Sie im karierten Hemd! Helfen Sie mir, bitte rufen Sie die Polizei."

Wissenschaftler wie der Angstforscher Ulrich Wagner weisen darauf hin, dass es für verängstigte Personen wichtig ist, sich bestimmten Situationen wieder auszusetzen, um die Angst loszuwerden. Wenn Pfefferspray in der Tasche dabei helfe, könne auch das sinnvoll sein, so der Sozialpsychologe.

Dieser Text ist zunächst auf SPIEGEL ONLINE erschienen und aktualisiert worden.