Bild: Marcel Kusch/dpa
"Damit kann ich nicht leben."

Es ist ein bisschen wie am Familientisch, wenn die Eltern ermahnen, dass es so nicht weitergehen kann – zu schlechte Noten, zu schlechte Laune, einfach wieder mehr gehorchen.

SPD-Partei-Mutter Andrea Nahles hat jetzt die Jusos ermahnt, nicht weiter so viel an der Partei herumzunörgeln. "Damit kann ich nicht leben", sagte Nahles auf dem Bundeskongress der Parteijugend. 

Die wichtigsten Punkte:

  • Dabei ging es ihr vor allem um die schon häufiger genannte Forderung, die Koalition mit der CDU/CSU zu überdenken. Schließlich habe sich die Partei nach einer harten Debatte letztlich für ein erneutes Bündnis mit der Union entschieden, sagte sie bei dem Treffen in Düsseldorf. Sie habe aber den Eindruck, dass "diese Entscheidung nicht wirklich akzeptiert" worden sei.
  • Bei jedem Konflikt zwischen Union und SPD komme von den Jusos die Forderung: "Raus aus der GroKo", kritisierte Nahles. Sie erklärte auch, warum sie keinen Streit mehr zwischen Jusos und SPD will: Die Partei wirke, als sei sie mit sich selbst nicht im Reinen. Auf diese Art und Weise könne die SPD die Bürger nicht überzeugen. Die SPD dürfe jetzt keinen Richtungsstreit führen – "das führt zur Spaltung", warnte Nahles.

Viele Umfragen sehen die SPD aktuell nur bei 14 oder 15 Prozent, wie eine SPIEGEL-ONLINE-Auswertung zeigt. 

Was hat Juso-Chef Kevin Kühnert gesagt?

Bereits am Freitag forderte Kühnert, 29, für den SPD-Nachwuchs ein maßgebliches Mitspracherecht in der krisengeschüttelten Partei und in Europa. Die Jungsozialisten müssten für ihre Überzeugungen dabei auch notwendige Konflikte eingehen, sagte Kühnert. Er gilt für viele als Hoffnungsträger in der Partei. (HAZ)

Auch Kühnert erklärte: "Niemand in diesem Raum hat Interesse an einer schwachen SPD. Und niemand will den Erfolg der Jusos auf Kosten der Mutterpartei."

Wir haben der weitgehend narkotisierten politischen Debatte einen ordentlichen Tritt in den Hintern verpasst.
Kühnert auf dem Bundeskongress

Was wir auch von den Streitereien am Familientisch wissen: Der Nachwuchs lässt sich nur bedingt was von seinen Eltern sagen. Und oft kann man von ihm eine ganze Menge lernen.

Worum es beim Kongress noch ging: 

Die Jusos wollen eine vollständige Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen: Mit großer Mehrheit stimmten die Delegierten für einen Antrag des Juso-Vorstands, wonach die Paragrafen 218 und 219 des Strafgesetzbuches gestrichen werden sollen.

Laut Paragraf 218 ist Abtreibung in Deutschland verboten, in bestimmten Fällen aber straffrei. Zum Paragrafen 219 gehört das sogenannte Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche, das die Informationen durch Ärzte über Abtreibungen beschränkt.

Mit Material von dpa


Gerechtigkeit

Warum so wenig Organe gespendet werden – obwohl die meisten Deutschen dafür sind

Jeden Tag sterben in Deutschland Menschen, denen eigentlich hätte geholfen werden können – nur, weil es nicht genügend Spenderorgane gibt. 

Ich wollte dazu gerne ein Video drehen, in dem ich Werbung für den Organspende-Ausweis mache – oder sogar für den Gesetzesentwurf von Jens Spahn, bei dem alle Deutschen bis zum Einspruch automatisch Spender währen. Im Bundestag wurde das Gesetz zuletzt kontrovers und ohne Fraktionspflicht diskutiert. (Tagesspiegel)

Doch die Zahlen der Spendewilligen sind in den letzten Jahren auch ohne die neue Regelung deutlich gestiegen: zwischen 2010 und 2015 um 14 Prozent. Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der durchgeführten Transplantationen aber um 32 Prozent gesunken. Über ein Drittel aller Deutschen hat aktuell den Spenderausweis. (SPIEGEL ONLINE)

Warum müssen dann immer noch 10.000 Menschen in Deutschland auf ein Organ warten?

Das Problem ist nicht die Bereitschaft der Bevölkerung, sondern der wirtschaftliche Druck in den Krankenhäusern.

Rund 1300 Kliniken in Deutschland sind potenzielle Entnahmekliniken und könnten hirntote Patienten bei sich als Spender identifizieren, melden und dann die Organe des Verstorbenen entnehmen. Doch knapp 700 der Kliniken haben im vergangenen Jahr aber nicht einen einzigen Organspender gemeldet.   

Das kann natürlich daran liegen, dass ein in Frage kommender Fall nicht rechtzeitig erkannt wird. Oder daran, dass in einer Patientenverfügung explizit drinsteht, dass man nicht künstlich beatmet werden möchte. 

Denn als Organspender kommt nur in Frage, wer in einer ganz besonderen Situation ist: Der Hirntod muss diagnostiziert werden, während der Patient auf einer Intensivstation noch maschinell beatmet wird. Das passiert zwar selten, aber eben doch regelmäßig. 

2015 gingen Kieler Forscher von über 27.000 Patienten aus, die als potenzielle Spender in Frage gekommen wären. Transplantationen werden im Jahr aber gerade mal um die 800 durchgeführt. (Ärzteblatt)

Viele Krankenhäuser können oder wollen sich die aufwändigen OPs nämlich einfach nicht leisten.

Ein toter Patient ist weg, sein Bett kann am selben Tag von einem anderen eingenommen werden, den man vielleicht noch retten kann. Ein hirntoter Patient, der beatmet werden muss, kostet aber vielleicht noch mehrere Tage Zeit, bis alle notwendigen Untersuchungen abgeschlossen sind. Diese Zeit ist für gestresste Ärztinnen und Klinikbetreiber ein Minusgeschäft. Vor allem kleine Krankenhäuser haben oft auch gar nicht die Kapazitäten und notwendigen Experten dafür. 

Denn eine Klink soll mit Organspenden kein Geld verdienen können, sie bekommt nur eine Aufwandsentschädigung.

Das ergibt Sinn, weil damit verhindert wird, dass rettbare Patienten für Gewinne zu früh als hirntot erklärt werden. Aber es sorgt eben auch dafür, dass Kliniken abgeschreckt werden, überhaupt den ganzen Ärger und die Überstunden auf sich zu nehmen. 

Was können wir ändern? 

Die Politik kann Ärztinnen und Ärzte auf Intensivstationen entlasten, damit sie mehr Zeit für die Betreuung ihre Patienten haben und die potenziellen Spender erkennen. Wir können Kliniken dabei unterstützen, den Aufwand und die Kosten für Organ-Entnahmen zu schultern. 

Und wir können ein Gesundheitssystem entwerfen, das wirklich auf Gesundheit ausgerichtet ist – und nicht auf Profit.

Ein entsprechender Gesetzentwurf, der die Kliniken und Mediziner in einigen Punkten stärker unterstützen soll, wird aktuell im Bundestag diskutiert. Ich kann nur hoffen, dass er schnell umgesetzt wird. Denn bis es soweit ist, sterben jeden Tag Menschen.