Wenig überraschend: Auch ein AfD-Politiker hat was gegen die "Juden in der AfD"

Das Holocaust-Denkmal in Berlin ein "Denkmal der Schande", die Nazizeit ein "Vogelschiss": Diese Worte stammen nicht von irgendwelchen Hinterbänklern in der AfD; Björn Höcke und Alexander Gauland haben sich so geäußert. Sie sind zwei der wichtigsten AfD-Politiker, bestimmen maßgeblich den Kurs der Partei, immer wieder verharmlosen sie die Nazizeit.

Trotzdem haben sich am Sonntag die "Juden in der AfD" gegründet. Auf den ersten Blick ist das ein Widerspruch, hier kommen die Antworten auf die drei wichtigsten Fragen zur Organisation: 

1 Was steckt hinter der Vereinigung – und was ist ihr Zweck?

Bisher haben sich 24 Menschen in der Gruppe zusammengeschlossen – die Vereinigung ist also nicht sehr groß. In die Gruppe dürfe nur, wer eine ethnische oder eine religiöse Zugehörigkeit zum Judentum habe. Das sagte Wolfgang Fuhl nach der Gründung am Sonntag. Fuhl ist AfD-Kreisvorsitzender in Lörrach und Stellvertretender Vorsitzender der "Juden in der AfD". Die Vorsitzende, Vera Kosova, sagte, die AfD distanziere sich von Antisemitismus und Rassismus in jeglicher Form.

Der Gruppe geht es offenbar vor allem um vermeintlichen und tatsächlichen Antisemitismus durch Muslime. Insofern bleibt die Partei ihrer Linie treu – sie macht Stimmung gegen Muslime.

Dem SPIEGEL liegt die Grundsatzerklärung der "Juden in der AfD" vor. In der wird vor allem muslimischer Judenhass betont – ohne Zahlen zu nennen.

Der Realität entspricht diese Darstellung nicht.

  • Tatsächlich wurden im vergangenen Jahr in Deutschland laut Polizei 1435 judenfeindliche Delikte begangen.
  • Die meisten davon jedoch von Tätern, die rechtsextrem oder zumindes "diffus rechts motiviert" waren. Zuletzt überfielen mutmaßliche  Neonazis beispielsweise in Chemnitz ein jüdisches Restaurant. (Die Welt)
  • 25 Taten gingen auf das Konto von Antisemiten, die aus religiösen Gründen handelten, darunter fällt auch religiös motivierter Hass von Muslimen.

2 Was halten jüdische Verbände von "Juden in der AfD"?

(Bild: dpa/Frank Rumpenhorst)

Auch andere Juden fragen sich, wie eine Mitgliedschaft in einer in Teilen rassistischen Partei mit dem Judentum zu vereinbaren sind. In Frankfurt demonstrierten am Sonntag einige Hundert Menschen gegen die Gründung. Die Jüdischen Studierendenunion Deutschland hatte dazu aufgerufen.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland und 16 andere jüdische Organisationen hatten da bereits deutlich gemacht, was sie von den "Juden in der AfD" halten: nichts.

Sie schrieben in einem Statement: "Die AfD ist eine Partei, in der Judenhass und die Relativierung bis zur Leugnung der Schoa ein Zuhause haben. Die AfD ist antidemokratisch, menschenverachtend und in weiten Teilen rechtsradikal."

Ihre Befürchtung: Die AfD könnte sich durch die Gruppe als Schützerin einer Minderheit inszenieren – und unter diesem Deckmantel weiterhin rassistische und antisemtische Parolen verbreiten. 

Die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde in München, Charlotte Knobloch, sagte dem SPIEGEL, die AfD verbreite ein Programm, das jüdisches Leben unmöglich mache. Außerdem sei die Anwesenheit von Juden kein Beweis, dass die AfD nicht antisemtisch sei.

3 Und was sagt der Rest der AfD?

(Bild: dpa/Frank Rumpenhorst)

AfD-Vizefraktionschefin Beatrix von Storch verteidigte die Gruppe. Die Kritik des Zentralrats halte sie für "unsachlich und unpassend". Für einige Juden sei muslimischer Antisemitismus ein "großes Thema". 

Allerdings sind natürlich in der AfD nicht alle begeistert. Wolfgang Gedeon kritisierte die Gründung der "Juden in der AfD" auf Facebook. Er schrieb:

"Die AfD hat zu Recht eine positive Haltung zum wahren christlichen Selbstverständnis des europäischen Kontinents eingenommen. Im günstigsten Fall ist diese Gründung überflüssig wie ein Kropf, im ungünstigsten Fall handelt es sich um eine zionistische Lobbyorganisation, die den Interessen Deutschlands und der Deutschen zuwider läuft."

(Bild: dpa/Silas Stein)

Die "Juden in der AfD" sollen also eine "zionistische Lobbyorganisation" sein, die gegen die deutschen Interessen arbeitet – und Europa ein "wahres christliches Selbstverständnis" haben?

Es ist nicht das erste Mal, dass Wolfgang Gedeon mit judenfeindlichen Äußerungen auffällt. Der 70-jährige Arzt hatte teils antisemtische Schriften verfasst, unter anderem das Judentum als historischen "inneren Feind" des Abendlandes bezeichnet (SPIEGEL ONLINE). Trotzdem durfte er in der Partei bleiben.


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