Bild: dpa/Yui Mok / Pa
"Sie war eine Naturgewalt"
Was ist passiert?

Nach dem tödlichen Attentat auf die britische Parlamentarierin Jo Cox sind die Briten tief getroffen. Ein offenbar psychisch kranker Mann hat am Mittwoch auf Cox geschossen und sie mit einem Messer angegriffen.

Die 41-jährige Labour-Politikerin war in ihrem Wahlkreis in Birstall in der Nähe von Leeds im Norden Englands bei einer Bürgersprechstunde, als sie der Täter attackierte. Cox starb wenig später im Krankenhaus.

Wer ist der Täter?
  • Die Polizei hat inzwischen einen 52-jährigen Mann festgenommen. Sie sei sich sicher, den Täter gefasst zu haben.
  • Der Täter soll während der Attacke "Britian first" gerufen haben. Das berichten britische Medien unter Berufung auf Augenzeugen, die Polizei bestätigte das aber nicht. "Britian first" ist der Slogan der Brexit-Befürworter, außerdem heißt so auch eine rechtsextreme britische Partei. Sie distanzierte sich von dem Attentat.
  • Der 52-Jährige habe psychische Probleme gehabt, sagt sein Bruder. Außerdem hat der mutmaßliche Täter möglicherweise jahrelang die amerikanische Neonazi-Gruppierung National Alliance mit Geld unterstützt. Das berichtet zumindest das Southern Poverty Law Center, eine anerkannte Anti-Rassismus-Organisation in den USA. Die Polizei hat das bisher nicht bestätigt (Süddeutsche).
  • In der Vergangenheit war Cox bereits einmal zur Polizei gegangen, um "bösartige Mitteilungen" zu melden (SPIEGEL ONLINE).
Wofür Jo Cox kämpfte
Our communities have been deeply enhanced by immigration, be it of Irish Catholics across the constituency or of Muslims from Gujarat in India or from Pakistan, principally from Kashmir.
Jo Cox in ihrer ersten Rede im britischen Parlament

Die genauen Motive für das Attentat sind also weiter unklar. Derzeit weiß niemand, ob es ein politisch motiviertes Attentat eines Rechtsextremen war – oder die Tat eines verwirrten Einzeltäters.

Das Attentat hat die Briten aber auch deshalb so schwer getroffen, weil Cox als der kommende Führungspersönlichkeit der Labour-Partei galt, als eine Stimme des Mitgefühls inmitten einer zunehmend verrohenden Debatte um Einwanderer und den Brexit.

Cox engagierte sich gegen den möglichen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union.

Viel Aufmerksamkeit zog sie bereits mit ihrer ersten Rede im britischen Parlament auf sich, in der sie sich für Einwanderer aussprach – und nicht wie die meisten anderen britischen Politiker nationale und kulturelle Unterschiede in den Vordergrund stellte:

"Our communities have been deeply enhanced by immigration, be it of Irish Catholics across the constituency or of Muslims from Gujarat in India or from Pakistan, principally from Kashmir. While we celebrate our diversity, what surprises me time and time again as I travel around the constituency is that we are far more united and have far more in common with each other than things that divide us."

Noch im Mai setzte sie sich in einer Rede dafür ein, mehr syrische Bürgerkriegsflüchtlinge aufzunehmen (Time).

"And surely, given what we know about the horror that many of the refugee children in Europe have fled, isn’t it time to end the government’s shameful refusal to give 3,000 unaccompanied children sanctuary here in the U.K.?”
  • In einem Gastbeitrag für den Guardian prangerte Cox das Versagen der internationalen Gemeinschaft im Syrien-Krieg an.
  • Gemeinsam mit dem konservativen Abgeordneten Andrew Mitchell gründete sie eine parlamentarische Initiative, die sich mit dem Syrien-Krieg beschäftigte. In einem Artikel für den Telegraph beschrieb Mitchell sie als "Naturgewalt".
Sie war furchtlos. Total furchtlos. Ihre politische Leidenschaft half den ärmsten Menschen der Welt.
Andrew Mitchell über Jo Cox

Ihr Ehemann postete am Donnerstag auf Twitter ein Bild von Jo Cox und schrieb in einem Statement:

Sie glaubte an eine bessere Welt und kämpfte dafür jeden Tag ihres Lebens mit einer Energie und einer Lust am Leben, die andere Menschen kaum aufgebracht hätten.
Brendan Cox
Was bedeutet der Angriff für das Brexit-Referendum?

Beide Seiten haben den Wahlkampf derzeit ausgesetzt; am Montag wollen die Brexit-Gegner weitermachen, die Befürworter eines EU-Austritts schon am Samstag. Am 23. Juni wählen die Briten. Die Abstimmung über einen möglichen Austritt der EU ist in den letzten Wochen zu einer hitzigen Debatte über Einwanderer geworden. Zuletzt sind die Brexit-Befürworter um den Ukip-Politiker Nigel Farage mit einem umstrittenen Poster aufgefallen. Darauf waren vor allem muslimische junge Männer zu sehen. Die Überschrift: "Breaking Point". Kritiker werteten das Poster schlicht als rassistisch (Guardian).

Nach dem Tod von Cox wird die Diskussion wohl nicht rationaler werden. In Umfragen liegen zum ersten Mal die Brexit-Befürworter deutlich vorne. Viel wird davon abhängen, aus welchen Motiven der Täter Cox attackierte. Sollten sich die Spekulationen über ein politisches Motiv bewahrheiten, könnten auch die bisweilen fremdenfeindlichen und hasserfüllten Botschaften der Brexit-Befürworter noch stärker debattiert werden.


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