Bild: Getty Images / Shaun Botterill
Sie sind wütend, richtig wütend

An einem Freitagvormittag Ende März loggt sich der isländische Cartoonist Hugleikur Dagsson bei Facebook ein. Wütend schreibt er einen Beitrag, sein Ärger gilt einem Mann, den er als Dieb sieht. Die Identität verschweigt er. Doch Dagsson ist bekannt in Island, Dutzende Nutzer teilen den Post und schon bald taucht ein Name auf: Gunnar Thor Andrésson. In den Tagen darauf, berichtet Andrésson später, erhält er wütende Nachrichten, wird angefeindet und beschimpft. Die Leute, so scheint es, fühlen sich bestohlen.

Worum geht es? Was erzürnt Dagsson und seine Landsleute?

Andrésson gehört etwas, was nach Ansicht vieler Isländer jedem und niemandem gehören sollte: das Wort "Húh". Millionen Menschen hörten den Schlachtruf der isländischen Fußballfans bei der Europameisterschaft 2016. Andrésson hat sich das Wort gesichert, als Marke beim isländischen Patentamt.

Was sagt Dagsson?

Inzwischen tut Dagsson sein Facebook-Post leid. Doch anders habe er sich nicht zu helfen gewusst in diesem irrwitzigen Streit, sagt er am Telefon. "Das Hú ist der Sound der Einheit Islands", meint Dagsson. Andrésson habe dies "allen anderen weggenommen". Insbesondere allerdings hat er es Dagsson persönlich weggenommen. Der Cartoonist verkauft T-Shirts mit einem Aufdruck des Schlachtrufs. Zwar ist dort nur ein Hú ohne h am Ende zu sehen, doch Andrésson hat trotzdem seine Markenrechte geltend gemacht – für ein Húh mit h am Ende.

Die beiden Männer streiten deshalb seit Monaten, seit Dagssons Facebook-Post aber streitet halb Island mit. Viele Medien im Land haben den Fall aufgegriffen, es geht um ein Wort und um eine Marke - und auch um die Frage, wo die Grenze verläuft zwischen Eigentum und Gemeingut.

Wie war das damals?

Sommer 2016: Bei ihrer ersten Europameisterschaft kämpft sich die isländische Fußballnationalmannschaft auf Anhieb in die K.-o.-Phase, schlägt im Achtelfinale die Engländer und scheitert erst im Viertelfinale am Gastgeber Frankreich. Europa staunt, Island jubelt - und durch die Stadien hallt der "Viking Clap", ein rhythmisches Klatschen, begleitet von "Hú"-Rufen.

"Für eine Weile hat es sich angefühlt, als wären alle Freunde", sagt Dagsson. "Fremde haben sich auf der Straße umarmt." Der Cartoonist lässt sich inspirieren und zeichnet einen Wikinger im isländischen Nationaltrikot, in der Sprechblase ein "Hú!". Wenig später druckt er die Zeichnung auf T-Shirts und vertreibt sie über seinen Onlineshop. 

Das geht rund anderthalb Jahre gut - bis Andrésson sich im vergangenen Dezember meldet. Ihm gehöre die Wortmarke "Húh", unter anderem für Kleidung, und auch Dagssons Version des Wortes, ohne h am Ende, verletze seine Markenrechte. Ob das stimmt, ist jedoch fraglich.

Zwar ließ das isländische Patentamt gegenüber Dagsson durchblicken, dass sich die Markenrechte am Wort "Húh" auch auf das Wort "Hú" erstrecken. Aber hat Dagsson diese Rechte verletzt? "Ich glaube eher, dass der Cartoonist im Recht ist", sagt Karl-Heinz Fezer, Markenrechtsexperte von der Universität Konstanz. Das Wort "Hú" auf dem T-Shirt habe eine "ornamentale Funktion", sei lediglich Verzierung. Nur wenn es kennzeichnen würde, aus welchem Betrieb das Produkt stamme, wenn es also tatsächlich als Marke fungieren würde, läge eine Markenrechtsverletzung vor.

Doch Andrésson ließ nicht locker. "Er forderte, dass wir den Verkauf stoppen oder ihm Geld zahlen", sagt Dagsson. Das sieht der Cartoonist bis heute nicht ein: "Die Zeichnung ist von mir und das 'Hú' gehört allen gemeinsam." Das aber ist ebenfalls fraglich.

Isländische Fans beim Viking Clap(Bild: Getty Images)

Kann auch ein "Hallo" als Marke geschützt werden?

Grundsätzlich sei ein Wort wie "Húh" durchaus schutzfähig, sagt Markenrechtsexperte Fezer. Unter dem europäischen Markenrecht könnten auch alltägliche Wörter als Marke eingetragen werden. Das isländische Patentamt bestätigt das auf Anfrage. Selbst ein Wort wie "Hallo" könne geschützt werden, jedoch nur für bestimmte Produkte. "Eine Markeneintragung gibt dem Inhaber keine unbegrenzten Exklusivrechte auf ein Wort", sagt ein Sprecher. "Die 'Húh'-Marke hält niemanden vom 'Viking-Clap' ab." 

Der Streit zwischen den beiden Männern spitzte sich über Monate zu, Dagsson verkaufte weiterhin seine T-Shirts, Andrésson drohte zuletzt offenbar mit einer Klage. Jetzt aber, nach dem Facebook-Beitrag, scheint der Markeninhaber einzulenken. Man habe ihn bedroht und seine Adresse und Telefonnummer veröffentlicht, schreibt Andrésson in einer Stellungnahme, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk Islands verbreitete. Er verstehe die Kritik und bereue die ganze Sache. Weiter werde er sich nicht äußern, auf eine Anfrage des SPIEGEL reagierte er nicht. 

Bis auf die Stellungnahme hat auch Dagsson nichts von Andrésson gehört. Seine T-Shirts will er weiterhin vertreiben, der Zwist dürfte ihm geholfen haben. Allein am Tag des Facebook-Posts habe er 300 Stück verkauft, sagt er. Preis: 39 US-Dollar. Die Hälfte des Gewinns spendet er nach eigenen Angaben der isländischen Krebsgesellschaft.

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


Fühlen

Lasst mich mit euren Frühlingsgefühlen in Ruhe!
Er ist die Jahreszeiten-gewordene Diskriminierung von Menschen wie mir.

Der Frühling ist da. Sonnenschein. Die Natur erwacht und so. Toll, ganz toll. Und ich, ich hasse jede Sekunde davon.