Bild: Reuters

Der IS hat steinzeitliche Vorstellungen von der Gesellschaft, aber in seinem Marketing ist die islamistische Terrorgruppe hochmodern. Seine Enthauptungsvideos verbreiten sich rasant im Internet, die Werbung neuer Rekruten findet in sozialen Netzwerken statt.

Um überhaupt ins Internet gehen zu können, sind die Islamisten offenbar auf die Hilfe europäischer Firmen angewiesen. SPIEGEL ONLINE liegen Dokumente vor, die zeigen, dass in Syrien und im Irak Tausende Anlagen installiert sind, mit denen Nutzer per Satellit auf das Internet zugreifen. Mindestens einige Hundert stehen in den vom IS besetzten Gebieten.

Die Anlagen bestehen aus Satellitenschüssel, Modem sowie Sende- und Empfangsgerät; sie verbinden sich vor allem mit den Satelliten der europäischen Firmen Avanti Communications aus Großbritannien und Eutelsat, die teilweise dem französischen Staat gehört – letzteres eine besonders bittere Ironie, seit IS-Terroristen am 13. November in Paris weit mehr als 100 Menschen töteten.

Auch eine deutsche Firma könnte in die Geschäfte mit dem IS-Internet involviert sein: Sat Internet Services aus dem norddeutschen Neustadt am Rübenberge verkauft Anlagen, mit denen die Satellitensignale empfangen werden können, in großer Zahl in die Türkei, von denen viele den Weg über die Grenze in das vom IS kontrollierte Gebiet finden.

Warum ist der IS von europäischen Satelliten abhängig?

Wer in Syrien ins Internet will, muss das per Satellit tun; die Telekommunikationsinfrastruktur ist weitgehend zerstört. Theoretisch kann das jeder tun, in Städten mit starker IS-Präsenz wie Rakka oder Deir al-Sor kontrolliert die Terrormiliz allerdings die Internetzugänge und verbietet Privatleuten sogar den Kauf entsprechender Anlagen.

Wissen die Unternehmen, dass sie dem IS bei seiner Propaganda helfen?

Es ist unklar, ob die Unternehmen dem IS ihre Dienste wissentlich anbieten. Entscheidend ist aber: Sie könnten es wissen, das zeigen die Dokumente, die SPIEGEL ONLINE vorliegen. Die Unternehmen wären ohne großen technischen Aufwand sofort in der Lage, die Kommunikationswege der Terroristen zu kappen.

Ein Klick über das Webportal OSS legt den Zugang lahm. Bei einem Verdacht wären die Betreiber technisch sogar dazu in der Lage zu sehen, welche Daten über die Anlagen verschickt oder abgerufen werden.

Warum kappen die Firmen nicht einfach die Internetverbindung des IS?

Die Firmen haben verschiedene Erklärungen:

  • Avanti antwortete SPIEGEL ONLINE über seine Anwälte. Zitiert darf aus der dürren Antwort nicht werden.
  • Eutelsat verweist darauf, dass die Satellitenterminals klein und mobil seien – und die Kontrolle, wer sie verwendet, deshalb sehr schwer.

Das ist wenig glaubhaft: Die Satellitenbetreiber und ihre Vertriebspartner kennen in der Regel die Standorte ihrer Anlagen. Wenn sie ihre Schüsseln installieren und den Internetzugang konfigurieren, müssen die Nutzer ihre GPS-Koordinaten angeben - sollten sie falsche Daten liefern, haben sie keine oder nur eine schlechte Verbindung, auch das zeigen die vorliegenden Dokumente.

Andere mögliche Erklärungen sind:

  • Die Firmen freuen sich über das Geschäft und fragen lieber nicht genauer nach, mit wem sie es machen.
  • Die Firmen teilen ihr Wissen mit den Geheimdiensten. Es könnte sein, dass die Spione die europäische Technik nutzen, um die Kommunikation der Terroristen abzuhören – allerdings nähmen sie dann in Kauf, dass der IS seine Propaganda-Maschine weiter befeuern kann.
Die Attentäter von San Bernardino haben sich offenbar zum IS bekannt

bento Today abonnieren