"Solche Preise sind wie ein Raketenantrieb, damit es schneller vorwärts geht."

Insa Thiele-Eich, 35, will die erste deutsche Frau im Weltall sein. Einen Preis bekam vergangene Woche aber ihr Mann – weil er in der Zeit zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert. 

Viele Frauen reagierten darauf wütend. Weil Männer ihrer Meinung nach keine Preise dafür verdient haben, das zu tun, was Frauen schon seit Jahrzehnten machen. Und manchen tat Insa leid – weil er einen Preis bekam, nicht sie. (bento)

Also haben wir sie gefragt: Ob sie die Wut der Frauen verstehen kann. Welche Rolle Gleichberechtigung in ihrer Beziehung spielt. Und ob ihr Mann trotzdem einen Preis verdient hat. 

"Die Astronautin"

12 deutsche Männer waren schon im All, aber keine einzige deutsche Frau. 2017 wurden in Kooperation mit dem deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und Airbus zwei deutsche Astronautinnen ausgewählt und ausgebildet: Dr. Suzanna Randall und Dr. Insa Thiele-Eich. Eine von ihnen wird 2020 ins All fliegen. (Die Astronautin)

Du bist Astronautin und dein Mann bekommt einen Preis dafür, dass er sich ein Jahr um den Haushalt kümmert. Findest du das nicht unfair?

Unfair ist, dass so viele Menschen Mitleid mit mir hatten. Wir haben uns ja gemeinsam dafür entschieden, diesen Preis anzunehmen. Die Formulierung "Spitzenvater" hat uns übrigens erstmal genauso irritiert. Und meine beiden Töchter haben gleich gefragt "Mama, und wo ist dein Preis?".

Dann haben wir geschaut, wofür der Preis eigentlich steht: Gleichberechtigte Partnerschaften, in denen es selbstverständlich ist, dass beide alle Aufgaben erledigen, wie es anfällt und notwendig ist. Der Preis zeichnet nicht ein Jahr Elternzeit aus, sondern dass wir seit neun Jahren als völlig gleichberechtigte Eltern leben. Meine Chefin hat uns nominiert, weil sie weiß, wie wenig selbstverständlich das in vielen anderen Familien ist.

Ändert so ein Preis etwas an diesem Missstand?

Ich sehe das pragmatisch: solche Preise sind so etwas wie ein kurzfristiger Raketenantrieb, damit es schneller vorwärts geht – genauso wie Frauenquoten und Initiativen, die eine Frau ins All bringen wollen. Sie machen sichtbar, wie es sein könnte.

Ohne solche Maßnahmen würde es laut einer Studie des World Economic Forums  erst im Jahr 2133 echte Gleichberechtigung geben.

Wo fehlt denn die Gleichberechtigung noch?

Es fängt schon im Alltag an: Letztens wurde bei einer Schulveranstaltung noch gesagt "Es wäre jetzt ganz toll, wenn die Männer die Stühle stapeln können." Und egal, auf welche Veranstaltung ich gehe, werde ich gefragt: "Ist der Kleine bei der Oma?"

Es wird gar nicht daran gedacht, dass es auch einen Vater gibt, der sich Zuhause um die Kinder kümmert. Und das zeigt mir, wie wichtig solche Preise sind, die sichtbar machen, dass es auch anders geht.

Redet ihr Zuhause viel über eure Rollen?

Wir gehen da ganz nach unserem Bauchgefühl. Wir planen sowas auch nicht 10 Jahre im Voraus und haben keine festen Rollen. Wir reagieren meistens aus der Situation heraus. Wenn wir merken, die Familie braucht grad mehr Zeit, reduziere ich Stunden oder arbeite nachts. Oder mein Mann entscheidet sich, ein Jahr Elternzeit zu nehmen.

Vor neun Jahren war er damit weit und breit der einzige Vater in der Krabbelgruppe und musste viele Sprüche einstecken: Seine Karriere wäre dann doch im Eimer und er soll doch mal an seine berufliche Zukunft denken.

Ist die Empörung über den Preis vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass es langsam besser wird?

Bei den jüngeren Leuten vielleicht. Aber in meiner Arbeit treffe ich oft auf Situationen, die mir zeigen, dass es noch ein langer Weg ist. Das frustriert manchmal sehr.

Ich habe auch lange geglaubt, es bräuchte keine künstlichen Maßnahmen, wollte für meine Fähigkeiten gesehen werden und nciht für mein Geschlecht. Aber es ist noch lange nicht so, wie es eigentlich sein sollte. Wir haben erreicht, dass Frauen wissen, dass sie alles machen dürfen. Aber das heißt nicht, dass sie alles machen können. Deshalb bin ich Feministin.

Nimmst du den Leuten die Reaktion auf den Preis übel?

Ich glaube, viele Menschen haben einfach nur auf die Schlagzeile reagiert. Worum es bei dem Preis geht oder dass es auch eine zweiten Preisträger gibt, interessierte im ersten Moment keinen. Das hat mich etwas verwundert.

Man hat an der Aufregung der Leute aber vor allem auch gesehen, dass es große Frustration und zu wenig Anerkennung für Eltern, inbesondere Frauen gibt. Auch von Seiten der Politik. Politik und Gesellschaft müssten da zusammenarbeiten, denn eins ist klar: Eltern sein ist anstrengend, für Alleinerziehende erst recht. 

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Ist es denn wirklich noch etwas Besonderes, als Frau ins All zu fliegen?

Viele können das wirklich gar nicht glauben. Nach der Auswahl hat es mich wahnsinnig erschreckt, wie oft ich "niedlich" oder "putzig" genannt wurde. Das sagen Leute ernsthaft zu mir. "Ach, da ist sie, unsere Astronautin. Und obwohl sie so klein ist, schafft sie es trotzdem ins All und sieht auch noch gut aus."

Ich werde auch oft übersehen. Viele Leute warten dann auf die Astronautin und ich steh schon im Raum und werde komplett ignoriert.

Aber wir bekommen auch sehr viele Zuschriften und Zuspruch vor allem von jungen Mädchen. Für die bin ich ein Vorbild. Und das zeigt mir, dass wirklich wichtig ist, was wir hier tun. Viel wichtiger, als ich es am Anfang erwartet hätte.


Gerechtigkeit

Weißt du, was diese Frauen Wichtiges erreicht haben?
Wir müssten viel mehr über sie wissen.

Frauen kämpfen im im 21. Jahrhundert noch immer für mehr Gleichberechtigung und gegen Sexismus. Auch wenn es noch ein langer Weg ist, bis diese Ziele wirklich erreicht sind: Frauen haben sich in den vergangenen Jahrhunderten einige Rechte erkämpft. Wir hören und lesen allerdings viel zu wenig ihnen. Vor allem in Schulbüchern ist häufig die Rede von wichtigen und starken Männern der Vergangenheit, aber viel zu selten werden wir über wichtige und starke Frauen informiert (bento)

Wir stellen zehn Powerfrauen vor, von denen jeder und jede gehört haben sollte. Von Jane Addams über Betty Williams bis hin zu Maria Montessori: Weißt du, warum diese Frauen so wichtig sind?