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5 Fragen zu Imran Khan

Imran Khan wird neuer Ministerpräsident von Pakistan. Seine Fans feiern im ganzen Land, in der Hauptstadt Islamabad ist auf den Straßen die ganze Nacht Musik zu hören, Menschen fahren hupend durch die Straßen, Feuerwerk erleuchtet den Himmel. "Dies ist der Höhepunkt meiner langjährigen Bemühungen", sagte er in der Nacht. "Ich habe mein Bestes für Pakistan gegeben, jetzt liegt alles in der Hand Gottes."

Was ist passiert?

Khan, einst Cricket-Star des Landes, Playboy und Lebemann, hat nach einem Wahlkampf voller Gewalt geschafft, was viele für unmöglich hielten: 22 Jahre nach seinem Eintritt in die Politik hat er die jahrzehntelange Vorherrschaft der zwei mächtigen Politikerdynastien Bhutto und Sharif gebrochen.

Der Sharif-Clan und dessen bisher regierende Muslimliga PML-N hat bereits angekündigt, die Wahl nicht anzuerkennen, da es Manipulationen gegeben habe. Nach Angaben der Wahlbehörde konnte Khans Bewegung für Gerechtigkeit (PTI) keine Mehrheit im Parlament erringen und wird auf einen Koalitionspartner und unabhängige Kandidaten angewiesen sein, um eine Regierung zu bilden. 

Wer ist der Mann, der künftig im 200-Millionen-Land regieren wird?

Khan entstammt einer wohlhabenden Familie aus Lahore. Er studierte Politik und Wirtschaft in Pakistan und in Oxford und wurde mit 19 Jahren Cricket-Profispieler – Cricket hat in Pakistan einen Stellenwert wie Fußball in Deutschland. Er wurde zum besten Spieler, den Pakistan je hatte, und führte sein Land 1992 als Mannschaftskapitän erstmals zur Weltmeisterschaft – seither gilt er als Nationalheld.

Für sein ausschweifendes Party- und Jetset-Leben, seine öffentlich zelebrierten Nachtclubbesuche in London und für seine Liebesaffären wurde Khan gleichermaßen bewundert und verachtet.

Für die einen verkörperte er im konservativen islamischen Pakistan das gottlose Leben, für die anderen jene Freiheit, die sie sich selbst wünschten. Er kannte und traf sie alle: Lady Diana, Mick Jagger, Jerry Hall. Bis heute gilt der 65-Jährige als Sexsymbol.

Jahrelang war Khan mit der deutschen Fernsehmoderatorin Kristiane Backer liiert, bevor er 1995 die britisch-französische Milliardärstochter Jemima Goldsmith heiratete, mit der er zwei Söhne hat. Sie verließ ihn 2004, weil sie nicht nach Pakistan ziehen wollte.

2015 war er ein Jahr lang mit einer pakistanischen Journalistin verheiratet, und im Februar 2018 heiratete er seine Sufi-Lehrerin – und damit erstmals eine Frau, die nicht teure Kostüme trägt, sondern verschleiert in der Öffentlichkeit auftritt.

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Das passt. Denn Khan hat sich verändert. 

Früher trug er oft Jeans und Lederjacke. Nun tritt er nur noch in traditioneller pakistanischer Kleidung auf. Über all die Jahre hat er sich äußerlich gewandelt – und wohl auch in seinem Denken.

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Ein halbes Jahr nach dem Weltmeistertitel beendete er seine Sportlerkarriere und begann, Spenden zu sammeln, um in seiner Geburtsstadt Lahore 1994 ein Krankenhaus zu bauen. Es gilt bis heute als die modernste Krebsklinik des Landes. Arme Menschen werden dort kostenlos behandelt. "Ich habe das in Gedenken an meine Mutter getan, die an Krebs gestorben ist", sagt Khan.

Wie verlief seine politische Karriere bisher?

1996 gründete er schließlich seine Pakistanische Bewegung für Gerechtigkeit, die Pakistan Tehreek-e-Insaf (PTI). In einem Land, in dem bis dahin die Militärs, die Bhuttos und die Sharifs das Sagen hatten, wurde er dafür belächelt. Bei der Wahl ein Jahr später erzielte er kein einziges Mandat. 2002 kam er auf 0,8 Prozent der Stimmen.

2008 boykottierte der sportliche Politiker die Wahl, weil er sie für nicht verfassungsgemäß hielt. Khan galt jahrelang als politisches Leichtgewicht, niemand nahm ihn ernst. 

Eine Wochenzeitung verspottete ihn als "Im the Dim", was heißen sollte: "Imran, der Dämliche".

Aber Khan kandidierte weiter. 2013 waren seine Umfragewerte nicht schlecht, die PTI wurde drittstärkste Kraft. "Ich habe mich immer an zwei Regeln gehalten", sagt Khan regelmäßig. "Erstens: Du hast erst verloren, wenn du aufgibst. Und zweitens: Wenn du nicht aufgibst, bist zu unschlagbar."

Der Kampf gegen Korruption war Teil des Gründungsmythos der PTI. Khan wollte nicht mit Politikern aus der alten Machtelite zusammenarbeiten. 2013 noch lehnte er eine Koalition ab – lieber gehe er in die Opposition, als mit "den Korrupten" zusammenzuarbeiten, wie er sagte. Aber auch hier hat Khan eine Wandlung vollzogen: Diesmal möchte er unbedingt regieren, um ein Bündnis wird er daher wohl nicht herumkommen.

Längst hat er Politiker aus anderen Parteien abgeworben, weil er gelernt hat, dass man in Pakistan ohne die Großgrundbesitzer, Industriellen und Clanchefs nichts erreichen kann. Seine größten Unterstützer hat er aber im mächtigen Militär, das ihn wie einen politischen Ziehsohn behandelt, der ihre Interessen vertritt.

Wofür steht Khan politisch?

Khan gibt sich mehr denn je religiös. Er wolle einen "islamischen Wohlfahrtsstaat", sagt er. Noch vor ein paar Tagen verteidigte er im Wahlkampf das Blasphemiegesetz, das die Todesstrafe bei Beleidigung des Propheten Mohammed vorsieht.

Zuletzt lehnte er auch eine Änderung jenes Gesetzes ab, wonach eine Frau, die vergewaltigt wurde, Zeugen für die Tat aufbringen muss – ausgerechnet er, dem mehrere Frauen sexuellen Missbrauch anlasteten. Khan bestreitet die Vorwürfe bis heute.

Ist Khan ein Demokrat? Ein islamischer Reformer? Oder ein Islamist? Die Meinungen darüber gehen auseinander. 

Vor ein paar Jahren nominierten ihn die Taliban als ihren Verhandler bei Friedensgesprächen mit der Regierung. Khan war gegen den Krieg in Afghanistan, er war gegen die US-geführte Invasion in den Irak, mit zum Teil überzeugenden Argumenten. Immer wieder hat er sich aber auch für radikale Islamisten eingesetzt und den Dialog mit ihnen gefordert. Manche holte er sogar in seine Partei.

Der frühere Militärdiktator Pervez Musharraf nannte Khan deshalb einen "Terroristen ohne Bart", Khans Kritiker bezeichnen ihn seit Jahren "Taliban Khan". 

Viele Liberale – wobei liberal in weiten Teilen der pakistanischen Gesellschaft als Schimpfwort gilt – befürchten, Pakistan werde unter einer Herrschaft Khans noch islamischer, noch konservativer, noch unfreier

Khan selbst winkt ab. Er habe lediglich zu seinen religiösen Wurzeln zurückgefunden, sagte er in mehreren Interviews. 

Wer ist das Vorbild von Imran Khan?

Als Vorbild nennt er in parteiinternen Runden gelegentlich den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der habe sein Land wirtschaftlich und politisch gestärkt und zugleich dem Islam wieder nähergebracht.

Und noch eine Parallele sieht Khan, der analog zur "neuen Türkei" Erdogans für ein "neues Pakistan" wirbt: Erdogan habe das Militär in seine Schranken gewiesen. Dass er, Khan, von Kritikern als "Marionette der Generäle" bezeichnet werde, die ihn unterstützten und stark gemacht hätten, sei daher kein Grund zur Sorge. Er könne das ja irgendwann genauso machen.

Dieser Text ist zuerst auf SPIEGEL ONLINE erschienen.


Fühlen

​All-Inclusive Urlaub in Krisengebieten? Das geht gar nicht!
Könnt ihr bitte vor dem Buchen mal googeln, was dort so los ist?

Die kilometerlangen Sandstrände an der Ägais, türkises Meer, das Treiben in Istanbul: Für tausende Deutsche ist die Türkei der perfekte Urlaubsort. Nach Spanien, Italien und Österreich ist es ihr beliebtestes Reiseziel außerhalb des eigenen Landes (Statista). 

Gleichzeitig lässt Präsident Recep Tayyip Erdogan hier Journalisten einsperren, betreibt Kriegspropaganda, beschneidet die Rechte der Türkinnen und Türken.