Bild: dpa/Bernd von Jutrczenka
Wir verraten, wer hinter der Aktion steckt.

Die Homepage sieht auf den ersten Blick perfekt aus: Links in der Ecke prangt das Logo des Bundesinnenministeriums, weiter unten wartet das Konterfei von Innenminister Horst Seehofer. Ein ihm in dem Mund gelegtes Zitat steht daneben: 

Unser christliches Menschenbild fordert uns auf, dort zu helfen wo Hilfe nötig ist.

Angeblich soll Seehofer dieser Seite zufolge eine neue Initiative gestartet haben – eine, die mit seinen bisherigen Flüchtlingsplänen so gar nichts zu tun hat.

Auf der Seite "Seebrücke des Bundes" verspricht der Innenminister angeblich, dass Deutschland bis Ende 2019 freiwillig alle Menschen aufnimmt, die im Mittelmeer aus Seenot gerettet werden. "Dafür setzen wir auf eine starke Zivilgesellschaft", heißt es. 

So sieht die angebliche Seite des Innenministeriums aus:

(Bild: Screenshot bento)
(Bild: Screenshot bento)

Dann werden die Leserinnen und Leser weitergeleitet auf eine andere Seite. Nämlich die Initiative "Seebrücke" – eine Seite, die mit dem Innenministerium nichts mehr zu tun hat.

Die Webseite machte am Freitag die Runde, auch eine neue Facebook-Seite, ein Twitter-Kanal und eine YouTube-Seite wurden eigens eingerichtet. Im Netz freuten sich ab Freitagnachmittag die ersten Nutzer über die scheinbar flüchtlingsfreundliche Wendung Seehofers:

Aber stimmt das alles? Hat Horst Seehofer wirklich eine "Seebrücke" für Flüchtlinge gestartet?

Nein.

Die Homepage ist ein Fake – initiiert von einem breiten Bündnis aus Politikern, Aktivisten und Prominenten. Unter anderem der Schauspieler und "Tatort"-Darsteller Jan-Josef Liefers ist dabei. Er hat das gefälschte YouTube-Video eingesprochen:

Mit dabei ist auch das Künstlerkollektivs "Peng!". Das Kollektiv ist eine Gruppe von Aktivisten, die mit Kunstaktionen politische Missstände anprangern. 

Wer bei der im Impressum der gefälschten Seite angegebenen Telefonnummer anruft, landet bei den Aktivisten. bento hat mit Conni von "Peng!" gesprochen, er bestätigt, hinter der "Seebrücke des Bundes" zu stecken. 

Conni sagt:

Wir wollten den negativen Stimmen all die positiven entgegensetzen, die es in der Debatte um Flüchtlinge ja auch gibt.

Auch beim Bundesinnenministerium hat bento angerufen – die wussten zunächst nichts von der Aktion. Später postete das Ministerium diesen Tweet als Antwort auf Jan Böhmermann:

Entsprechend sei die Seite des Innenministeriums zwar eine Fälschung – die Aktion "Seebrücke" jedoch nicht.

"Seebrücke" ist als Verein gerade in Gründung, sagt Jonas, der sich dort engagiert. Dahinter steht die Flüchtlingsinitiative "Mensch Mensch Mensch", ein gemeinnütziger Verein. 

Der Verein will dazu aufrufen, dass Menschen künftig bei Demos aber auch im Alltag mit oranger Kleidung oder Tüchern ihre Solidarität ausdrücken. "Die Farbe soll an die Schwimmwesten der Flüchtlinge im Mittelmeer erinnern", sagt Jonas. Momentan sei man noch ein "Scheinriese", aber er hofft auf breites Engagement.

Vor allem soll es ein Zeichen gegen Seehofers Innenpolitik sein, die sich mehr und mehr nach rechts orientiere:

Wir fühlen uns durch die aktuelle Politik einfach nicht mehr repräsentiert.
Jonas von "Seebrücke"

Die Aktion kommt passend zu brisanten politischen Entscheidungen. 

Am Freitag haben die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union beschlossen, Europa künftig besser gegen Flüchtlinge zu verteidigen – Schutzsuchende sollen in Sammellagern in Nordafrika aufgefangen werden. 

Gleichzeitig wollen Politiker wie Horst Seehofer, sein italienischer Amtskollege Matteo Salvini und Österreichs Kanzler Sebastian Kurz die europäische Asylpolitik noch deutlicher verschärfen.

In Deutschland ist zwischen Seehofer und Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits ein Machtkampf um den richtigen Umgang mit Asylbewerbern ausgebrochen (bento). Auf der Homepage der "Seebrücke" heißt es entsprechend: 

"Seehofer, Salvini und Kurz nutzen die Not von Menschen auf hoher See aus um ihre eigenen Machtkämpfe auszutragen."

Ob die Aktion aus dem Netz heraus auf die Straßen kommt – und sich Menschen tatsächlich wieder für Menschlichkeit einsetzen – wird sich zeigen. Für den 7. Juli ist eine erste Großdemo in Berlin geplant.

Update: Das Original-Video wurde gelöscht. Die Aktivisten haben allerdings ein Backup hochgeladen. Wir haben jenes übernommen.


Gerechtigkeit

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