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Manchmal fehlen Hendrik Heetlage die Worte. Vor ihm an der Wand hängt ein goldgerahmter Stofffetzen, ausgefranst, beige, mit braun eingesticktem Muster. Wenn man genau hinschaut, kann man kleine Fabeltiere erkennen, Drachen mit zwei Köpfchen. Es könnten auch Hühner oder Eichhörnchen sein.

Heetlage weiß noch nicht, wie er das Bild beschreiben soll. "Gerahmtes Textil" vielleicht. Irgendwas Unverfängliches. Aber die Beschreibung kommt ohnehin erst später, erst muss das Etikett dran. Ein weißer Faden ist schon eingefädelt.

"WZDB 4" schreibt der 28-Jährige mit Bleistift auf das Papierschildchen, dann hängt er es vorsichtig über die linke Ecke des Rahmens. WZ steht für Wohnzimmer, D für Durchgang, B für Bild und die Vier für das vierte Bild an der Wand.

5270 solcher Buchstaben-Zahlen-Kombinationen hat Heetlage schon vergeben – an Bilder und Bücher, aber auch an Aschenbecher, Kerzenständer, Streichholzschachteln und Schnupftabakdosen. Jedes Objekt, und sei es noch so klein und unbedeutend, das sich zum Zeitpunkt des Todes von Altkanzler Helmut Schmidt in dessen Haus befunden hat, soll inventarisiert werden. Sogar ein loses Papiertaschentuch auf einem Beistelltischchen hat ein Etikett bekommen, "WZO 78".

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Es ist eine Sisyphusarbeit. Bis zu 20 Stunden pro Woche verbringt Heetlage damit, Schmidts Besitz zu fotografieren, zu nummerieren und in eine Datenbank einzutragen. Seit mehr als einem Jahr schon. Eine Kommilitonin hatte ihm das Jobangebot der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung weitergeleitet. Heetlage ist kein Fan des Altkanzlers, aber er studiert Geschichte, interessiert sich für Politik – und war auf der Suche nach einem Job.

Nach zwei Vorstellungsgesprächen bekam er die Zusage. 

Seinen Stundenlohn mag er nicht verraten, aber er liege über dem Satz, den die Uni studentischen Hilfskräften zahlt, sagt er. In Schmidts Arbeitszimmer hat er schon alle Objekte erfasst, auch die drei Dutzend Münzen, die in einer Vitrine liegen und Schmidt so heilig waren, dass noch nicht mal die langjährige Haushälterin sie abstauben durfte. "Es ist schon ein eigenartiges Gefühl, dass ausgerechnet ich nun die Vitrine öffnen durfte", sagt Heetlage.

In dem kleinen Zimmer, in dem in der Ecke noch der Rollator des Altkanzlers steht, wirkt der knapp zwei Meter große Student mit dem Zauselbart wie ein Hüne. Er hat sich bemüht, alles so genau wie möglich zu beschreiben: die Größe der Münzen, ihre Inschriften, das Herkunftsland. Aber wie sie in Schmidts Besitz gekommen sind, wo der Altkanzler sie erstanden oder von wem er sie geschenkt bekommen hat, das müssen andere ergänzen.

Genau dafür soll die Datenbank her – damit Wissenschaftler aus aller Welt das Erbe Schmidts in einen Kontext setzen können: Welche Schriftsteller haben den Politiker inspiriert? Zu welchen Staatschefs hatte er welches Verhältnis?Das sind Fragen, die auch Heetlage deutlich spannender findet als das Erstellen der Inventarliste. 

Meine Arbeit an sich ist banal, aber was man alles so mitbekommt, das ist bereichernd.
Hendrik Heetlage

Jedes einzelne Buch aus Schmidts Arbeitszimmer hat er nach Notizen, Eselsohren und Unterstreichungen durchforstet. Einige hat er sogar nachgekauft, darunter "Kampf um Maos Erbe" von Klaus Mehnert, "Moral, wozu?" von Rolf Italiaander und den Sammelband "Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie".

Wo welches Werk in Schmidts Regal steht, weiß er mittlerweile genau. 

Zielstrebig zieht er eine rote "Mao-Bibel" heraus. Vor allem Schmidts Verhältnis zu China fasziniert den Geschichtsstudenten. Der Altkanzler hatte Chinas Staatsgründer Mao Zedong noch persönlich getroffen – und vertrat die umstrittene Meinung, das Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 sei zwar eine "blutige Tragödie" gewesen, aber auch unausweichlich. Die Demokratie sei für Asien einfach nicht die passende Regierungsform.

Eine Zeit lang spielte Heetlage sogar mit dem Gedanken, seine Masterarbeit über Schmidts Beziehung zu China zu schreiben. Letztlich entschied er sich für ein anderes Thema, aber trotzdem würde er gern weiter zu Schmidt forschen – und zusammen mit der Schmidt-Stiftung ein Nutzungskonzept entwickeln für das Wohnhaus des Altkanzlers, in dem er nun schon so viele Stunden verbracht hat.

Sein Zuhause solle möglichst authentisch erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, das war der Wunsch Schmidts. Aber ganz so einfach ist es nicht: Das Häuschen liegt mitten in einem Wohngebiet und ist so klein, dass maximal zehn Besucher gleichzeitig darin Platz finden. 15 Quadratmeter hat das Arbeitszimmer, 30 Quadratmeter das Wohnzimmer. Und beide Räume sind vollgestopft mit Nippes, der schwer zu sichern ist.

Stockenten, bunte Eier, verzierte Döschen...

...jedes Regalbrett und jedes Tischchen ist mit Deko-Artikeln beladen. Wer Großeltern hat, die in der Nachkriegszeit eine Wohnung oder ein Haus eingerichtet haben, kennt die Mischung. Vor allem die Wandteller findet Heetlage "etwas gewöhnungsbedürftig", aber auch sympathisch, denn: "Die ganze Einrichtung zeigt, wie uneitel Schmidt war."

Der lange Esstisch aus Holz ist zerkratzt, mit Brandspuren von Zigaretten übersät, die rote Ledercouch ist abgewetzt. Es scheint die Schmidts nicht gestört zu haben. Sie mochten es offenbar bunt und praktisch. Ihr Wohnzimmer haben sie mit unterschiedlich großen Teppichen ausgelegt, jede freie Wand mit gerahmten Bildern zugehängt. Einige hatten sie direkt mit Lampen bestrahlt – bei Ölbildern keine gute Idee. Heetlages Kollegen von der Helmut-Schmidt-Stiftung haben die Lampen dezent gedreht.

Ihr Ziel ist es, im Wohnhaus der Schmidts so wenig wie möglich zu verändern, selbst die Gartenschere von Loki Schmidt soll auf der Bank neben der Terrassentür liegenbleiben. Zumindest kleine Besuchergruppen sollen in Zukunft das Haus besichtigen dürfen. Aber wie genau wird das ablaufen? Daran würde Heetlage gern arbeiten – wenn er fertig ist mit seiner Inventarliste. Und mit seiner Masterarbeit.


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